04. Mai 2018

Das Schmusen und Händchenhalten der Politiker

In jüngster Zeit mehren sich Szenen von händchenhaltenden und sich küssenden Politikern. Ein Zeichen der Annäherung in der Weltpolitik? Oder geht es um einen Wandel im Umgang mit Bildern?

Donald Trump mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron
An die Hand genommen: Donald Trump zeigt dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron bei dessen Besuch in Washington, wer der Herr im Haus ist.
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Sie küssen Wangen und halten Händchen. Oder einer wischt dem anderen vor laufender Kamera die Schuppen vom Jackett. So geschehen beim Staatstreffen zwischen dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und seinem US-Kollegen Donald Trump.

Es dauerte nicht lange, und das Bild machte die Runde in den sozialen Medien, unterlegt mit romantischen Klängen. Auch die Präsidenten von Nord- und Südkorea halten bei ihrem historischen Treffen Händchen, während sie gemeinsam die
Grenze überschreiten.

Inszeniert für den Westen: Kim Jong-Un und Moon Jae-in wirken beim Überschreiten der Grenzlinie zwischen Nord- und Südkorea wie Frischverliebte.

Zeichnet sich ein neuer Kurs in der Weltpolitik ab? «Nein, diese Gesten gab es auch früher schon. Neu ist, was das Publikum mit den Bildern macht», sagt Katja Rost (42), Professorin für Soziologie an der Universität Zürich. Früher habe man das abends in der «Tagesschau» gesehen und am folgenden Tag vielleicht noch in der Zeitung. Und dabei sei es dann in der Regel geblieben. «Heute bemächtigen sich die Zuschauer der Bilder: Sie schneiden sie neu, untermalen sie akustisch und speisen damit die sozialen Medien. Dort drehen die Bilder in der Endlosschlaufe.» So entstehe der Eindruck, auf dem Roten Teppich würden heute viel häufiger Hände geschüttelt und werde öfter geküsst als früher.

Auf Tuchfühlung: EU-Kommissions­präsident Jean-ClaudeJuncker ist für seine Küsse berüchtigt. 2015 knutschte er die damalige Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga ab.

Eine Veränderung im Verhalten der Politiker erkennt die auf das Thema Macht spezialisierte Soziologin dennoch: «Das Protokoll hat sich gelockert, was zuweilen genutzt wird, um Macht zu demonstrieren.» In diesem Sinn bewertet sie Trumps Verhalten gegenüber Macron als bewusstes Grenzüberschreiten.

Den Begrüssungskuss, den Simonetta Sommaruga vor rund drei Jahren von Jean-Claude Juncker bei einem Treffen in Brüssel erhielt, würde Katja Rost aber nicht als Machtdemonstration deuten, auch wenn die SVP den Schnappschuss politisch instrumentalisierte: «Juncker ist berühmt für seine Küsse, das ist einfach seine Art.» Dmitri Zakharine (50), Kultursoziologe
und Dozent an der Uni Konstanz, glaubt hingegen, dass Juncker die Bundespräsidentin küsste, um der Schweiz symbolisch den Anschluss an die EU-Familie anzubieten.

Legendärer Akt: Der sozialistische Bruderkuss zwischen dem sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew und seinem DDR-Kollegen Erich Honecker 1979. Das Motiv wurde als Kunstwerk an der Berliner Mauer reproduziert.

Auch die neuesten Bilder aus der Weltpolitik beurteilt er anders. Dass die beiden Koreaner beim gemeinsamen Überschreiten der Demarkationslinie etwas unbeholfen wirkten, komme nicht von ungefähr: «Die Gesten waren aufgesetzt, da sie für die westlichen Medien inszeniert wurden. Im Fernen Osten ist der Händedruck weniger üblich als im Westen. Die traditionelle Verbeugung ist authentischer.» Zakharines Deutung: «Die Welt ist zerstritten, und die Politiker versuchen, der
allgemeinen Verunsicherung mit der Demonstration von körperlicher Nähe entgegenzuwirken.»

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