16. Januar 2017

Das «Schattenkind» Philipp Gurt

Der Bündner Buchautor verbrachte zwölf Jahre in Kinderheimen, wo er missbraucht wurde. Für seine Autobiografie «Schattenkind» hat er sich auf Spurensuche begeben.

Lämmer streicheln tat seinem Herzen gut
Momente des Lichts: Manchmal durfte Philipp ein paar Tage bei Familien verbringen. Lämmer zu streicheln, tat seinem Herzen gut.

Seine fünf Schwestern, die beiden Brüder und auch Freunde hätten ihn mehrmals ermuntert, seine schwere Kindheit niederzuschreiben, sagt Philipp Gurt (48). «Schreiben war für mich immer auch eine Über­lebensstrategie – ein Ventil, aus­zudrücken, was in meinem Innersten vorgeht.» Er schrieb schon als Jugendlicher Kurzgeschichten.

Philipp Gurt im Garten hinter seinem Wohnhaus in Haldenstein
«Wer aufhört zu hassen, setzt Energie für sich selbst frei.» Philipp Gurt im Garten hinter seinem Wohnhaus in Haldenstein.

«Schattenkind – wie ich als Kind überlebt habe» erschien Mitte November 2016 und ist aktuell mit rund 12'000 Exemplaren das meistverkaufte Sachbuch der Schweiz. Und es provoziert: Gurt erhielt anonyme Drohungen. Er sei eine Schande, man hätte ihn im Heim besser getötet, stand in einem Brief, den er der Polizei übergeben hat.

In seiner Autobiografie thematisiert der heute in Haldenstein GR wohnhafte Vater von vier Söhnen und einer Tochter das damalige Unrechtssystem der fürsorgerischen Zwangsmass­nahmen. «Am Montag, 11. September 1972, war ich vier Jahre, neun Monate und zwei Tage alt, als ich erstmals ins Kinderheim gebracht wurde. Diesen Tag vergesse ich nie. Die erdrückende Stimmung im Innern versuchte ich wegzureden. Ich wollte im Kinderheim St. Josef in Chur, das von Nonnen in schwarzer Ordenstracht geleitet ­wurde, nicht bleiben.»

Die Vormundschaftsbehörde Schanfigg GR entschied sich für die Heimzuweisung sämtlicher Gurt-Kinder aus dem Bergdorf Maladers bei Chur. Für Philipp, den Zweitjüngsten, war besonders brutal, dass seine Geschwister in anderen Waisenhäusern untergebracht wurden. Er hatte von einem Tag auf den anderen keine Bezugsperson mehr.

Die Behörden begründeten den Entscheid laut Akten damit, dass die Mutter eine «debile, triebhafte, verstimmbare Psychopathin mit pseudologischen, hysterischen Zügen» und der Vater ein «debiler Psychopath» sei, mit «Lese-Schreib-Schwäche, chronischem Alkoholismus». Klein Philipp wurde als «geistig zurückgeblieben» bezeichnet. Was aber wirklich stimmte: Die Mutter liess alle Kinder im Stich und brannte mit einem anderen Mann durch. Der Vater war tatsächlich Alkoholiker.

Eine Stimme für alle Opfer

Gurt schreibt in seinem Buch: «Meine Geschwister und meine Eltern sind nicht schwachsinnig. Wir wurden aber alle mit dieser Diagnose abgestempelt und über Jahre entsprechend behandelt.» Klar, damals hätten sie in ärmlichen Verhältnissen gelebt, zehn Personen mussten in vier Betten schlafen. Doch mit Hilfe der ältesten Geschwister hätten sie für sich selbst sorgen können.

In der Schweiz wurden bis in die 1980er-Jahre Kinder aus zerrütteten Familien als minderwertig oder sogar schwachsinnig eingestuft. Philipp Gurt sagt heute: «Wir wurden nicht mehr ernst genommen. Man hat uns in eine Ecke gedrängt. Uns wurde so die Stimme genommen.» Seine Autobiografie sei eine Stimme für alle Opfer.

1972, zum ersten Mal Weihnachten im Heim, wollte Philipp nur noch nach Hause – ein Zuhause, das es für ihn nach dem Behördenentscheid nicht mehr gab. «Viele Institutionen waren völlig überfordert, pädagogisch nicht auf der Höhe.» Die Zustände seien menschenunwürdig gewesen. «Manchmal mussten wir verschimmeltes Brot essen», erzählt Gurt.

Mit sechs Jahren sexuell missbraucht

Für das Kind, das die nächsten zwölf Jahre nur noch in Heimen und in der Zwangspsychiatrie verbringen und den Vater abgesehen von ein, zwei Besuchen nicht mehr sehen sollte, kam es noch schlimmer: Im Alter von sechs Jahren wurde er im Waisenhaus Chur Masans von der Gruppenleiterin missbraucht – ausgerechnet von S. A., die nach dem Eintritt ins Heim sein Halt geworden war. Philipp wurde nach der Tat zum Bettnässer.

Laut mehreren Studien leiden schweizweit gut 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter sexuellen Übergriffen – die Dunkelziffer dürfte noch höher sein. Aus Schuldgefühlen und Scham wagen viele der Betroffenen ihr ganzes Leben lang nicht, darüber zu sprechen. «Ich hatte wenigstens das Glück, dass es im Heim passiert ist. Zu Hause wäre es viel schlimmer gewesen, weil Mutter und Vater die wichtigsten Bezugspersonen sind», sagt Gurt.
Er sei täglich mehr als eine Stunde mit dem Beantworten von E-Mails von Betroffenen beschäftigt, die sich nach der Veröffentlichung seines Buchs bei ihm gemeldet haben.

Es ist typisch, dass der fünffache Vater selbst im Schatten Licht sieht. Auch in seiner Kindheit fand er Momente des Glücks, etwa in den Sommerferien bei einer Bauernfamilie. Doch spurlos sind die Jahre in den Heimen nicht an ihm vorbeigegangen. Noch heute trifft er sich mit einem Psychiater. Ein- bis dreimal pro Jahr wacht Gurt mitten in der Nacht auf. Im Halbschlaf wandelt er zwischen Kind- und Erwachsensein und hört, wie er als Kind schreit. Dann sitzt er jeweils auf, sein Herz rast, er hat Schweissausbrüche. Erst wenn er gedanklich wieder in die Erwachsenenwelt eintaucht, kann er erneut einschlafen.

Viele Heimgefährten leben nicht mehr

Wer so etwas erlebt habe, müsse sich auf die schönen Dinge im Leben konzentrieren. «Für mich ist meine Familie das Grösste. Ich freue mich aber auch am Rauschen der Blätter eines Baums.» Als Papi versucht er, auf seine Kinder einzugehen, ihnen Perspektiven und Werte des Lebens zu vermitteln. Er sagt, er habe seine Kinder «fast zu sehr behütet». Er möchte sie vor allem Negativen bewahren. Gegenüber seinen Peinigern hege er keinen Hass. «Klar, man hat mir einen Teil der Kindheit gestohlen. Doch wer aufhört zu hassen, setzt Energie für sich selbst frei.» Er sagt das bestimmt und sachlich.

Mit 16 durfte er das Heim verlassen; er versuchte, sich im Leben «in Freiheit» zurechtzufinden. Seine Frau Judith (37) lernte er in einem Kleiderladen kennen. Nicht alle sind so stark wie dieser «Bündner Steinbock», wie sich Gurt selbst bezeichnet: Über 30 Weggefährten aus seiner Jugend leben nicht mehr. Sie kamen nach Heimzuweisungen durch Drogen, Selbstmord oder Aids in jungen Jahren ums Leben. Für den Dok-Film des Schweizer Fernsehens gedachte er der Toten auf einem Friedhof. Die Gefühle übermannten ihn; er konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Glaubt Philipp Gurt nach all dem Leid, das ihm widerfahren ist, noch an Gott? «Selbstverständlich. Wer nicht an Gott glaubt, ist kein Realist.» Doch dann fügt er, ohne Verbitterung, an: «Aber ich glaube nicht, dass es einen Gott gibt, der die Gebete kleiner Kinder erhört und diese vor Missbrauch schützt.» 

«Schattenkind»
Das Buch «Schattenkind»

«Schattenkind», Philipp Gurt, 2016, Literaricum Buchverlag, bei Ex Libris .

Bilder: Nicola Pitaro

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