24. Juni 2019

Das sagen meine Hände über meine Zukunft

Werde ich gesund bleiben, heiraten, reich sein? Migros-Magazin-Redaktorin Lisa Stutz hat drei Fachleute in die Zukunft blicken lassen.

Lesezeit 5 Minuten

Redaktorin Lisa Stutz
Redaktorin Lisa Stutz (25) will wissen, wie ihr Leben in Zukunft aussieht.

Ich bin ganz zufrieden mit meinem Leben. Doch wird es sich auch meinen Wünschen entsprechend entwickeln? Drei Experten helfen mir bei dem Versuch, in die Zukunft zu blicken: ein Handleser, eine Ärztin und ein Finanzexperte. Ich bin gespannt, was mein Kontostand, meine Fingerkuppen und meine Gene verraten.

DER HANDLESER: FREIHEIT ZU ZWEIT

Pascal Stössel, Gründer und Leiter des «International Institute of Handanalysis Switzerland»
Pascal Stössel (54) ist Gründer und Leiter des «International Institute of Handanalysis Switzerland» in Wollerau SZ.

Meine Handflächen sind ganz schwarz. Pascal Stössel hat sie mit einem kleinen Rollpinsel eingefärbt. Nun drückt er erst meine rechte, dann meine linke Hand auf ein weisses Papier. Wie komplizierte Strassennetze sehen die Handlinien auf den Abdrücken aus. Pascal Stössel hat Tausende solcher Handabdrücke in seinem Archiv gesammelt. Er ist Handanalyst – sein «International Institute of Handanalysis» betreibt moderne Handlesekunst. Stössel ist überzeugt, dass die Bestimmung jedes Menschen in seinen Fingerabdrücken zu finden ist. Um heute mein Schicksal herauszufinden, sitzen wir uns in seinem bunten Seminarraum auf gepolsterten Bänken gegenüber. Der Handanalyst legt die schwarzen Abdrücke auf die Seite und nimmt meine wieder gesäuberten Fingerkuppen buchstäblich unter die Lupe.

Bei der Handanalyse sehe ich, wie Ihr Leben im besten Fall einmal sein könnte.

Siebenfach findet er die sogenannte Schlaufe vor, dreifach den sogenannten Tannenbogen. Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet. Und es wäre zu kompliziert, wenn er es mir auf die Schnelle zu erklären versuchte. Er hat die Technik 1999 in San Francisco erlernt. Was ich kapiere: Es sagt etwas aus, an welchen Fingern welche Form auftritt – mehr noch: Die Kombination verrät ihm meinen Lebenszweck. Stössel hält fest: «Bei der Handanalyse sehe ich, wie Ihr Leben im besten Fall einmal sein könnte.» Ob ich diese optimale Zukunft auch erreiche, hänge von meinen Entscheidungen und Taten ab.

Und: Was sieht er in meinen Händen? Bestenfalls, sagt Pascal Stössel, sei ich mit 50 Jahren eine weise Frau, bei der sich andere Rat holen. Es sei meine Bestimmung, mit meinem Wissen zu bewegen. Für mich sei es zudem am besten, wenn ich in einer harmonischen Partnerschaft lebte. Ich sei keine Person, die allein durchs Leben gehen sollte. Trotzdem habe Freiheit bei mir Priorität. «Zusammen frei sein», fasst Stössel meine optimale Liebesbeziehung in Worte. An dieser perfekten Zukunft hindern könnten mich – so sagen es zumindest meine Finger – mangelndes Selbstvertrauen, das Vermeiden von Konfrontationen, fehlender Mut.

Tatsächlich bin ich ein Beziehungsmensch, und Konflikte anzusprechen, fällt mir schwer. Steht das wirklich in meinen Händen? Ich betrachte meine Fingerbeeren ganz genau: Ich glaube, an meinem linken Zeigefinger einen Tannenbogen zu erkennen.

DER FINANZEXPERTE: ZEITPLAN STATT TRÄUME

Mario Huber, Präsident des Schweizerischen Finanzberaterverbands
Mario Huber (50) ist Präsident des Schweizerischen Finanzberaterverbands.

«Pro Monat lege ich 1500 Franken auf die Seite», teile ich Mario Huber stolz mit. Bevor er meine finanzielle Zukunft einschätzen kann, muss er etwas über mich und meinen Kontostand erfahren. Der Präsident des Schweizerischen Finanzberaterverbands zuckt nicht einmal mit der Wimper: «Sparen Sie das alles tatsächlich? Oder geht da noch etwas für Steuern, Zahnarztrechnungen, Ferien weg?» Erwischt.

Ich muss ihm und mir eingestehen, dass ich demnach nicht weiss, wie viel ich im Monat wirklich für die Zukunft spare. Um in diese blicken zu können, müsse man genau wissen, wie viel reinkommt und wie viel wofür rausgeht, sagt Mario Huber. Das gelingt am besten mit einem Budget.

Es ist gut, dass Sie in jungen Jahren schon eine Vorstellung haben

Was mir denn so an Sparzielen vorschwebe, will Huber wissen. Eine Reise? Ein Haus? Eine Ausbildung? Ich erzähle ihm, dass ich gerne irgendwann Wohneigentümerin wäre. Er schätzt das als durchaus realistisch ein, was mich erleichtert: «Es ist gut, dass Sie in jungen Jahren schon eine Vorstellung haben.» Nur müsse ich das Irgendwann noch in einen genauen Zeitpunkt verwandeln – und Träume von Zielen unterscheiden. Huber fragt nach meinem Konsumverhalten. Ich gönne mir gerne mal einen Coffee to go für 5 Franken, ein Kleidchen für 80 Franken – aber das ist ja nicht das, was den Braten fett macht, oder? «Doch», sagt Huber. Hier kann man sehr gut sparen: bei Kleidern, Freizeit, Vergnügen.

Bei aller Disziplin: Schicksalsschläge wie Erwerbsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit könnten alle Pläne über den Haufen werfen, erfahre ich. Dass ich in einer kränkelnden Branche, im Journalismus, tätig bin, sei aber per se kein Risiko. Vielmehr könnten Kinder meinen Finanzplan massiv durcheinanderbringen. Gut für meine monetäre Zukunft sei hingegen, dass ich an keine grossen Verpflichtungen wie Leasings, Konsumkredite oder hohe Mieten gebunden sei.

Chancen sieht er in meiner beruflichen Entwicklung: Ich kann noch Karriere machen und bewusst sparen. Da AHV und Pensionskasse die grossen Unbekannten in meiner finanziellen Zukunft sind, sollte ich mich bald um eine private Vorsorge kümmern – «da kommen Sie nicht drum herum». So steht einer goldvreneliglänzenden Zukunft nichts im Weg.

DIE GESUNDHEITSEXPERTIN: GENETISCHES RISIKO

Anita Rauch, Fachärztin für Medizinische Genetik
Anita Rauch (51) ist Fachärztin für Medizinische Genetik und leitet das gleichnamige Institut an der Universität Zürich.

Krebs, Herzinfarkt, Alzheimer ... Die Worte spuken wie negative Schlagzeilen in meinem Kopf herum, als ich bei Frau Dr. Rauch klingle. Will ich wirklich wissen, welche Krankheiten mein Leben in Zukunft bedrohen könnten? Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend (vielleicht ein erstes Symptom?) schüttle ich der Ärztin die Hand. Sie ist Direktorin des Instituts für Medizinische Genetik an der Universität Zürich und macht einen sympathischen Eindruck.

Anhand meiner Familiengeschichte wird sie mir eine Einschätzung geben, welche Risiken in meinen Genen liegen. Sie legt ein weisses A4-Blatt vor sich auf den Tisch und erarbeitet zusammen mit mir meinen Stammbaum – hinauf bis zu den Urgrosseltern und hinunter bis zu den Töchtern meines Cousins. Die Bilanz: zwei Mal Krebs mit Todesfolge, ein Mal Lippenspalte, ein Mal Schizophrenie, ein Mal Depression mit Todesfolge, ein Mal Tuberkulose, ein Mal Neurodermitis, ein Mal schwere Behinderung. Puh!

Das grösste Risiko für mich sieht Frau Rauch in Bezug auf Krebs. Dass mein Grossvater und mein Onkel früh daran erkrankten, kann ein Hinweis auf eine genetische Veranlagung sein. Ob ich das betroffene Gen geerbt habe, könnte man anhand eines umfangreichen Gentests herausfinden.

Das Alter, das die Grosseltern erreichen, ist etwa das, was man für sich selber erwarten kann.

Bezüglich der psychischen Krankheiten macht sie sich keine Sorgen: Da sie nur je ein Mal bei weiter entfernten Verwandten auftraten, ist mein Risiko nicht viel höher als bei anderen Menschen. Das Gleiche gilt für die übrigen Krankheiten. Ein gutes Zeichen ist auch, dass die eine Grossmutter erst mit 82 Jahren starb und die andere sich mit 84 Jahren noch immer bester Gesundheit erfreut. «Das Alter, das die Grosseltern erreichen, ist etwa das, was man für sich selber erwarten kann», sagt sie.

Und noch eine gute Nachricht: Aus der Familienaufstellung geht hervor, dass ich von gängigen Krankheiten wie Diabetes, Schlaganfall oder Herzinfarkt eher verschont bleiben werde. Und jetzt? «Neben den genetischen Voraussetzungen kommt es darauf an, wie man sich verhält», mahnt die Ärztin. Das heisst: gesunde Ernährung, kein Nikotin, viel Bewegung. Ich gebe mein Bestes.

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