17. Juli 2017

Das macht Sinn

Unsere Gesellschaft strebt vermehrt nach «meaningful work»: Wir wollen unsere Leidenschaft zum Beruf machen. Dafür braucht es Mut, Geduld, und die Erkenntnis, wonach man überhaupt sucht. Ich berichte von meinem Job Wechsel und kläre über die grössten Irrtümer auf der Suche nach dem sinnvollen Job auf.

Do more
Im Job streben wir nach mehr - nicht mehr Geld, aber mehr Bedeutung.
Lesezeit 4 Minuten

«Schaffe, schaffe, Häusle baue», pflegte einer meiner Dozenten an der Uni stets zu sagen. Dass es dabei vor allem um die kopflose Ausübung der täglichen Arbeit zwecks Geldverdienens ging, vermittelte der Dozent mit seiner trockenen Art. Nun gehöre ich aber einer privilegierten Generation an, die sehr viele Karrierewege einschlagen, unterschiedliche Arbeitsmodelle wählen und die Work-Life-Balance flexibel gestalten kann.

Wir wollen mehr

Wir streben nach einer sinnvollen Beschäftigung, Meaningful Work. Ein Fünftel der Millenials hat im letzten Jahr den Job gewechselt, dies zeigt eine amerikanische Studie von Gallup. Und mehr als die Hälfte wäre bereit, einen neuen Job in Angriff zu nehmen. Die Arbeit soll nicht nur Geld einbringen, sondern auch Spass machen und im besten Fall von Bedeutung sein. Immer öfter erlebe ich, dass Freunde sich gegen den einmal erlernten oder studierten Beruf entscheiden, weil sie darin keinen Sinn (mehr) sehen.

Der Konstrukteur schmeisst seinen gut dotierten Job hin, um Fotografie zu studieren. Die Stylistin verlässt ihre Heimat Zürich, um in Ghana faire Kleider zu produzieren. Und auch ich gehöre zur Sorte Karriere 2.0: Meine Stelle als Projektleiterin im Marketing habe ich gekündigt, um als Journalistin zu arbeiten, weil das für mich mehr Sinn ergibt. Wir alle haben den Start ins Berufsleben gemeistert, sind aufgestiegen, haben Erfahrung gesammelt. Doch wollten wir mehr – Bedeutung, nicht Geld.

I need a Dollar

Denn das ist eine der negativen Konsequenzen, wenn man sich entscheidet, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Oftmals arbeitet man, vor allem am Anfang, mit grösserer Unsicherheit – ein neuer Karriereweg ist häufig risikoreich, gerade wenn man sich selbständig machen will. In den meisten Fällen muss man mit weniger Lohn auskommen.

Das ist auch bei mir der Fall. Mit den finanziellen Einbussen lerne ich langsam umzugehen, auch wenn es schmerzt. Nur selten kann ich mir ein Essen im Restaurant leisten, Ferien finden auf Balkonien oder im benachbarten Ausland statt, weil der Langstreckenflug zu teuer wäre. Am meisten zurückstecken muss ich aber beim Shopping: Nur ganz selten leiste ich mir ein neues Kleidungsstück – ganze Outfits liegen längst nicht mehr drin. Wenigstens unterstütze ich so den Minimalism-Gedanken meiner Generation.

The Quarter-Life Breakthrough

Und ich bin glücklicher als zuvor. Ich übe meine Arbeit mit Leidenschaft aus, geniesse die Abwechslung und den Kontakt zu spannenden Menschen. Ich kann meine Termine flexibel gestalten und fühle mich dadurch weniger gestresst.
Aber auch als Journalistin erlebe ich schwierige Situationen, Zeiten, in denen ich brutal viel zu tun habe. Denn Meaningful Work heisst nicht, dass es einfacher wird oder man weniger arbeitet.

Das sagt auch Adam Smiley Poswolsky. Der kalifornische Autor hat ein Buch über Meaningful Work geschrieben und gibt darin Tipps, wie jede und jeder seine ganz persönliche sinnvolle Arbeit finden kann.

Dabei geht es weniger darum, die richtigen Antworten zu kennen, sondern vielmehr darum, die richtigen Fragen zu stellen,

schreibt er in «The Quarter-Life Breakthrough». Hier listet er die zehn grössten Irrtümer über Meaningful Work auf – und wie die Wahrheit aussieht. Ich habe für dich die besten fünf herausgepickt:

Mythos 1: Du sollst deine wahre Berufung finden.

Wahrheit 1: Niemand hat nur eine Berufung. Sogar die sogenannten Gurus, die auf Bali leben und Bücher über die wahre Berufung schreiben, haben nicht nur eine davon.

Statt die eigene Berufung zu finden, solltest du schauen, dass deine Arbeit und deine Idee, was du für die Welt tun möchtest, übereinstimmen. Dabei helfen dir diese vier Überlegungen:
- Was sind deine einzigartigen Fähigkeiten?
- Welchen Einfluss willst du auf die Welt haben?
- Mit welcher unterstützenden Gemeinschaft möchtest du dich umgeben?
- Wie viel Geld brauchst du, um deine gewünschte Lebensqualität zu erhalten?

Mythos 2: Du sollst den perfekten Job finden.

Wahrheit 2: Der perfekte Job existiert vielleicht nicht, aber der richtige tut es.

Kein Job ist perfekt. In jedem gibt es Dinge, die man lieber tut, und solche, die man nicht mag. Versuche, dich auf die spannenden Aspekte deines Jobs zu fokussieren, und finde heraus, wie du damit deine Ziele erreichen kannst.

Mythos 3: Du solltest nicht für eine grosse Organisation oder Firma arbeiten, weil du dich dabei selbst verrätst.

Wahrheit 3: Für eine grosse Firma zu arbeiten, hat viele Vorteile, vor allem am Anfang deiner Karriere.

Du kannst dich beweisen, viel lernen und rasch aufsteigen. Das überwiegt in den meisten Fällen die zusätzliche Bürokratie, wie sie bei grösseren Firmen üblich ist.

Mythos 4: Wenn du in deinem Job unglücklich bist, solltest du morgen kündigen.

Wahrheit 4: Indem du einen Job machst, der für dich nicht der richtige ist, findest du heraus, welches der richtige sein könnte. Wenn du kündigst, solltest du bereits einen Plan für die Zukunft haben.

Klar: Wenn du dich in deinem Job miserabel fühlst, solltest du womöglich kündigen. Es bringt aber nichts, das Knall auf Fall zu tun. Du solltest wissen, warum du gehst und was dir für deinen nächsten Job wichtig ist. Zudem hilft es, genügend Geld auf der Seite zu haben, um dir für deinen weiteren Weg Zeit zu lassen. So vermeidest du, dass du einfach den nächstbesten Job annimmst und wieder unglücklich endest.

Mythos 5: Meaningful Work hat mit Leidenschaft zu tun.

Wahrheit 5: Meaningful Work hat eher mit Geduld und Ausdauer zu tun. Erfüllung in der Karriere ist nicht Tinder: Man kann nicht einfach nach rechts wischen, wenn ein Hindernis im Job ansteht.

Um sich in seinem Job und in seiner Karriere wirklich glücklich zu fühlen, braucht es Zeit. Der Autor selbst hat vier Jahre gebraucht, um wirklich den Einfluss auf die Welt zu erzielen, den er sich wünscht. Dieser Weg war auch steinig, schreibt er, und oft hätte er fast aufgegeben. Niemals habe sich seine Reise angefühlt wie einer dieser Instagram-Posts mit der Legende: «Quit your job, follow your passion, live the dream!» Das Wichtigste sei es, aus jeder Situation etwas lernen zu können und bei Hindernissen nicht aufzugeben. So wird es in deiner Karriere mehr Meaningful Work geben und auch mehr Chancen, die dein Leben zum Positiven verändern können.

Das Buch «The Quarter-Life Breakthrough» von Adam Smiley Poswolsky ist zum Beispiel im Ex-Libris-Onlineshop erhältlich.

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