14. September 2017

Das Leben und Sterben der Betuchten

Ein Clan, zwei Welten und eine Katastrophe.

Die Geschichte der Baltimores, J. Dicker, Piper
Lesezeit 2 Minuten

Joël Dicker, der Überflieger der Schweizer Literaturszene, hat nach seinem mit Preisen überschütteten Roman La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert) auch mit seinem neusten Werk Die Geschichte der Baltimores einen guten Unterhaltungsroman geliefert.

Wüsste man nicht, dass Dicker ein in Genf geborener Schweizer ist, könnte man meinen, er sei an der amerikanischen Ostküste aufgewachsen und erzählt seine eigene Geschichte – oder wie er sie sich idealerweise vorstellt. Bezüglich Format, Stil und handelnden Personen wähnt man sich in eine Episoden-Kaskade amerikanischer Fernsehserien versetzt, deren Inhalt manchmal auch ein wenig an einen Groschenroman erinnert.

Protagonist ist der Schriftsteller und Jungstar Marcus Goldman – Spross einer Familie, die bereits im vorherigen Buch vorgestellt wurde. Erzählt wird die Geschichte der beiden Goldman-Familien: Jene aus Baltimore – gesegnet mit Geld, Erfolg, Talent (er Staranwalt, sie Ärztin), zwei hochbegabten Söhnen und dem Wochenendanwesen in den Hamptons – und jene aus dem braven New Yorker Vorort Montclair, typische Vertreter der amerikanischen Mittelschicht (Vater Ingenieur, Mutter Verkäuferin in einer Modeboutique in New Jersey). Erzähler und Held Marcus Goldman gehörte zu den weniger Gesegneten, also den Montclair-Goldmans. In der Kindheit darf er immerhin, sich immer ein wenig benachteiligt fühlend, die Wochenenden und Sommerferien bei den glamourösen Verwandten verbringen: «Baltimore war die Hauptstadt alles Schönen, Montclair der Hort der Unzulänglichkeiten.»

In unzähligen Rückblicken, die sich durchs gesamte Buch ziehen, trödelt er uns seine gesamte Kindheit und Jugend auf. Unterbrochen wird die Vergangenheitsschau lediglich hin und wieder von einer weiteren, nicht ganz so weit in die Vergangenheit reichenden Ebene, sowie der gegenwärtigen Geschehnisse. Beide Ebenen beleuchten vor allem das Verhältnis zu seiner Jugend- und später mehrfach aufgefrischten Liebe Alexandra. Sie ist mittlerweile ein bejubelter Popstar, er ein gefeierter Autor und beide drohen im High-Society-Getummel unterzugehen.

Nach DER Katastrophe – von Anfang bis Ende ist im Buch permanent von der Katastrophe die Rede; auch ein Grund, das Buch zu Ende lesen zu wollen – beginnt Goldman die Geschichte der Baltimores aufzuschreiben. Dabei katapultiert Dicker seine Helden ständig zwischen den Extremen, zwischen Höhenflug und Totalabsturz hin und her. Sie sind entweder Totalversager oder «Götter». Immer schlägt das Schicksal unerbittlich zu. Viel übertriebenes Schwarz-Weiss, wenig Grau und Zwischentöne, kaum Abstufungen, mitunter ein bisschen zu viel an den Haaren herbeigezogenes Drama (drei Männer lieben dieselbe Frau, ein aus zerrütteten Verhältnissen stammender Ziehsohn, der zum Football-Star mutiert, in letzter Sekunde aber doch noch scheitert, ein an Mukoviszidose leidender Freund, der bei seinen ersten und letzten Minuten auf dem Football-Feld verstirbt …

Trotzdem: Neue Episoden und Ebenen, Cliffhanger, Rückblenden und Perspektivwechsel, Hoffnung auf neues Glück, auch wenn es regelmässig in den Sand gesetzt wird, Spannung (um welche Katastrophe handelt es sich denn nun?) und sehr lesbarer Stil machen die Lektüre kurzweilig und treiben den Leser an, das Buch in einem Ruck bis zum Ende zu verschlingen. Wer amerikanisch-jüdische Familiendramen mag, ist bei Dicker bestens aufgehoben


Bei ExLibris: Die Geschichte der Baltimores

Autor: Joël Dicker

Verlag: Piper

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