02. November 2017

Das Land der Landstädter

In der Stadt wird progressiv und liberal gewählt, auf dem Land konservativ. Dort lebt es sich idyllisch, in der Stadt ist es hektisch und laut, so das Klischee. Doch die beiden Lebenswelten nähern sich immer mehr an.

Landleben
Landbewohner leben teurer und haben mehr politische Macht – doch die Stadt habe den Werte-Wettstreit längst für sich entschieden, sagt die Genfer Autorin Joëlle Kunz.

Die Stadt lockt mit Freiheit, Spass und Abenteuer, das Land mit Ruhe, Natur und Ursprünglichkeit. Doch sind die Unterschiede heute wirklich noch so eindeutig?

Klar ist: Rund drei Viertel aller Menschen in der Schweiz leben in urbanen Gebieten und erwirtschaften dort 84 Prozent der Wirtschaftsleistung. Dies ergab eine Studie des Schweizerischen Städteverbands 2013. Politisch hingegen liegt die Macht auf dem Land: Bei Verfassungsabstimmungen, wo es zwingend ein Ständemehr braucht, hat ein Zürcher 33-mal weniger Stimmkraft als ein Urner und 44-mal weniger als eine Innerrhödlerin.

Dies führt nach Abstimmungen regelmässig zu Frustrationen. «Die konservative, rückständige, ländliche Gotthelfschweiz zwingt einer Mehrheit ihr Weltbild auf», hiess es in ­einem erbosten Leserbrief nach der Abstimmung vom 3. März 2013, als der Familienartikel ein Volksmehr von 54,3 Prozent erreichte, jedoch am Veto der Stände scheiterte.

Ähnlich heftig reagierte die urbane Schweiz auf das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative (MEI) am 9. Februar 2014, die mit nur gerade 50,3 Prozent haarscharf durchkam (und auch von einer knappen Mehrheit der Stände abgesegnet wurde).

Analysen ergaben jedoch, dass dafür nicht die Landbevölkerung, sondern die Bewohner der Agglomerationen entscheidend waren. Sie sind EU- und öffnungsskeptischer geworden und verhalfen so der Haltung der ländlichen Schweiz zum Durchbruch: Zürich, Basel, Genf und Lausanne mussten sich fügen. In diversen Städten kam es jedoch am Abstimmungsabend zu Demonstrationen.

Zankapfel Migration

Es gab allerdings auch schon Abstimmungen, bei denen sich die Städter durchgesetzt haben, etwa beim Beitritt zur Uno 2002, beim Beitritt zu Schengen 2005 oder beim Partnerschaftsgesetz 2005. Die grössten Unterschiede ergeben sich in der Regel bei gesellschaftspolitischen Themen und Migrationsfragen, bei denen die urbanen Gebiete meist liberaler abstimmen als das Land.

Doch eigentlich gibt es die beiden Pole so gar nicht mehr, findet der Politologe Markus Freitag . «Das Leben in den Dörfern ist städtischer und anonymer geworden. Gleichzeitig bemühen sich die Städte darum, familienfreundlicher zu werden, und starten Inititiaven für mehr Gemeinschaft.» So klingt es auch bei Hans-Ruedi Hertig, der für den «Beobachter» 2013 eine repräsentative Umfrage zum Thema geleitet hat. «Es gibt keinen Stadt-Land-Graben aufgrund des Wohnorts, wie das die politische Diskussion suggeriert. Es gibt ihn höchstens aufgrund der Werthaltungen.»

So ergab die Umfrage unter anderem, dass 42 Prozent der Bewohner der urbanen Regionen von sich ein «ländliches» Bild haben. Der «Beobachter» schloss daraus auf eine starke Durchmischung der Bevölkerung. Wertkonservative Ansichten fänden auch in städtischen Kantonen leichter Mehrheiten, derweil es auch auf dem Land urbane Inseln gebe.

Die Städter müssen die höheren Kosten der Landbewohner via Steuern mitbezahlen.
Die Städter müssen die höheren Kosten der Landbewohner via Steuern mitbezahlen.

Noch klarer ist die Position der Genfer Autorin Joëlle Kunz: «Wir sind alles Landstädter – Bergbewohner in der Stadt oder Stadtbewohner in den Bergen», sagte sie dem «Beobachter». Die Stadt habe den Wettstreit längst gewonnen, auch ländlich geprägte Menschen orientierten sich heute an städtischen Werten. Das ländliche Dasein biete zwar viel Sicherheit, aber wenig Freiheit, die Stadt hingegen sei ein Ort der Verheissung: «Bauernkinder träumen von der Grossstadt.» Auch wenn sie sich dann mit der real existierenden Stadt – laut, dreckig, voll – oft schwertäten.

Auf jeden Fall leben Landbewohner teurer: Sie verursachen laut einer Studie des Bundesamts für Raumplanung von Anfang des Jahres deutlich mehr Kosten bei Verkehr, Strom- und Wasserversorgung als Städter. Besonders gross sind die Unterschiede beim Verkehr, wo Landbewohner doppelt so hohe Folgekosten verursachen, weil sie häufiger mit dem Auto unterwegs sind, der ÖV weniger ausgelastet ist und sie weitere Wege zurücklegen. Zudem sind diese Kosten bei der Landbevölkerung seit dem Jahr 2000 gestiegen, bei den Städtern aber gesunken.

Sehnsucht nach dem Landleben

Die Mehrkosten auf dem Land werden laut Studie nur zu einem kleinen Teil von den Verursachern selbst getragen, stattdessen über die Steuern von der Allgemeinheit: «Die Einwohner von kompakten und damit aus Sicht der Infrastruktur kostengünstigen Siedlungen tragen die Kosten der Zersiedelung mit.»

Dennoch bleibt die Sehnsucht nach dem Landleben gross: Laut einer Umfrage der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft von 2015 bevorzugen 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung das Dorf als Wohnort – allerdings leben nur 16 Prozent tatsächlich dort. Der Rest träumt davon, was sich auch am Verkaufserfolg von Magazinen wie «Landlust» oder «Landliebe» zeigt. Während die meisten anderen Pressetitel mit sinkenden Leserzahlen kämpfen, hat «Landliebe» seit seinem Erscheinen vor sechs Jahren fast nur zugelegt und erreicht heute 647 000 Personen.

«Es gibt diese Sehnsucht», sagt die Soziologin Joëlle Zimmerli im Migros-Nachhaltigkeitsmagazin «Vivai», «aber die Vorstellungen vom Leben auf dem Land kollidieren dann doch mit der Realität.» Und am Ende landeten die meisten als Kompromiss in der Agglo. «Das hat damit zu tun, dass sich Stadt und Land sehr ähnlich sind: Beide verkörpern ein konsequentes Modell, während die Agglomeration ein Mischmodell ist, nämlich ländliche Qualitäten in der Nähe der Stadt bietet.»

In diesem Dossier vertiefen wir uns in die Lebenswelten von Stadt, Land und ­Agglo – deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Und loten aus, ob es noch Gräben gibt oder ob wir tatsächlich alles Landstädter geworden sind.

Und am Ende landen die meisten dann in der Agglo, die ländliche Qualitäten in der Nähe der Stadt bietet.
Und am Ende landen die meisten dann in der Agglo, die ländliche Qualitäten in der Nähe der Stadt bietet.

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