03. April 2018

Das kleine blaue Shirt

Bänz Friedli feiert ein Wiedersehen. Hier findest du die Hörkolumne und kannst dich mit dem Autor und anderen Leser(inne)n austauschen.

Fussballtrikots auf dem Wäscheständer
Eine etwas andere Art von Wanderpokal: Fussballliebli.

Wenn die Tage wärmer werden, wandert unser «Italia»-Shirt wieder durch den Siedlungsgarten. Vorigen Samstag habe ich es von meinem Fenster aus zum ersten Mal erspäht. Unverkennbar, das Leibchen: azurblau, mit weissen Bündchen an den kurzen Ärmeln, einem Italien-Wappen auf der Brust und der Rückenaufschrift «Italia». Ich wollte ihm schon zuwinken, dem vertrauten Trikot, denn ich weiss noch, wie ich es auf einem Markt für 10 000 Lire erwarb. Noch vor dem Euro war das, und mir ist, als wärs gest… Ach, lassen wir das ewige Von-früher-Erzählen. Wir Älteren nerven damit nur. Jedenfalls wollte ich dem blauen Shirt zuwinken, als ich merkte, dass ich den Buben gar nicht kannte.

Aber das Shirt! Gekauft in der Nähe von Rom, im Sommer 1998. Unsere Tochter war noch nicht auf der Welt, doch sie wurde schon vor ihrer Geburt dazu verknurrt, mit meinen Azzurri zu fiebern. Damals meinte ich Anfänger noch, Väter könnten ihre Kinder beeinflussen. Und es funktionierte dann ja sogar eine Weile. An einem Juli-Abend des Jahres 2006 wurden wir zusammen Weltmeister, meine Tochter und ich. Wir mussten leise jubeln auf dem Sofa, als Grosso den entscheidenden Elfmeter versenkte; der Rest der Familie schlief schon. Sie aber, die Erstklässlerin, hatte sich noch mal zu mir in die Stube geschlichen. Ihr war das Shirt damals schon zu klein, sie hatte es ihrem Bruder vererbt, dann reichten wir es dem Aaron vom oberen Stock weiter. Der gab es dann dem Finn, von da ging es ins Nachbarhaus und so fort. Anfänglich kannte ich die Kinder noch mit Namen, vergangene Woche habe ich nur noch das Trikot wiedererkannt, nicht aber den kleinen Blonden.

Unsere Kinderkleider wandern, und das ist wunderbar, denn wenn ich winters im Quartier einem Mädchen in der knallgelben Daunenjacke begegne, die mal unserem Sohn gehörte, versetzt mich das sogleich in die Zeit zurück, da er zum ersten Mal auf ein Snowboard stand und auf Anhieb behände darauf fuhr. «Dr Hans kanns!», rief der Leiter der Snowboardschule begeistert vom Bügellift, und es wurde ein geflügeltes Familienwort. All die Erinnerungen an … Okay, ich wollte nicht von früher sprechen. Aber das Wiedersehen berührt mich, und ich bin froh, war es mir stets zu umständlich, Gebrauchtes im Internet zu verhökern und dann vielleicht für eine alte Packung Lego noch 13 Franken zu bekommen. Lieber verschenkte ich das Zeug in der Nachbarschaft.

Und dank seines zweiten, dritten und nun schon siebten Lebens wird das alte «Italia»-Shirt mich durch den Sommer begleiten und ein bisschen darüber hinwegtrösten, dass die Azzurri heuer … Aber darüber möchte ich wirklich nicht reden.

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 5. April Schönenwerd SO, 6./7. April Flaach ZH

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