20. März 2019

Das gläserne Baby

Big Brother im Stubenwagen: Mit modernen Geräten kann man Kleinkinder heute lückenlos überwachen. Doch wo liegt die Grenze zwischen sinnvoller Technik und Kontrollwahn?

Viel körperliche Nähe macht nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern ruhiger (Bild: GettyImages)
Viel körperliche Nähe macht nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern ruhiger. (Bild: GettyImages)

Es gibt Söckchen für Säuglinge, die permanent den Puls messen, und Sensoren, die volle Windeln mit einem Piepsen melden. Mit solchen technischen Systemen lassen sich heute die Allerkleinsten überwachen. Was eigentlich nur konsequent ist – schliesslich kann man sich auch den Kinderwunsch mithilfe von Armbändern erfüllen, die Zyklusdaten erheben, und auch die Geschehnisse im Mutterleib sind mit einer App minutiös nachverfolgbar. Einige Tracking-Methoden können nützlich sein, gerade beim ersten Kind. Apps etwa, die festhalten, mit welcher Seite man aufgehört hat zu stillen, oder wie viel das Kleine zugenommen hat. Wurde früher der Grössenzuwachs des Töchterchens mit Bleistift am Türrahmen markiert, erfolgt dies nun eben per Smartphone. So weit, so harmlos.

Wo aber liegt die Grenze zwischen sinnvoller Technik und Kontrollwahn? Braucht es etwa ein Fieberthermometer, das die ganze Nacht die Temperatur des kranken Nachwuchses misst und an das elterliche Smartphone funkt? «Nein», sagt Cyril Lüdin (65), seit über 30 Jahren Kinderarzt in Basel, «solche Geräte wiegen Eltern nur in falscher Sicherheit. Gleichzeitig verursachen sie aber Stress und Angst, weil jederzeit ein Alarm losgehen könnte.» Lüdin ist Spezialist für Eltern-Kind-Bindung und warnt: «Angst blockiert die Selbstwirksamkeit – das überträgt sich aufs Kind und stresst es ebenfalls.» Den Eltern geht mit der Technik sozusagen der Glaube verloren, auch schwierige Situationen mit dem Baby selbständig meistern zu können. Kinder mit modernen Gadgets zu überwachen, hält der Arzt nur für angebracht, wenn es einem medizinischen Zweck dient. «Dies ist jedoch ­äusserst selten notwendig.»

Der Kinderarzt hinterfragt sogar das Babyfon

Lieber sollten sich Eltern auf ihr Bauchgefühl verlassen, findet Lüdin. «Doch in unserer auf Äusserlichkeiten ausgerichteten Welt haben wir das verlernt.» Angesichts unzähliger Mehrfachbelastungen, die Eltern heute schier erdrücken, sei ihre Selbstwahrnehmung herabgesetzt und damit auch die Feinfühligkeit gegenüber kindlichen Bedürfnissen.

Die Lösung? «Das Kind möglichst lange im elterlichen Bett oder Zimmer behalten, statt es nebenan per Babyfon zu überwachen», empfiehlt Lüdin. Durch die Nähe lernten Eltern ihr Kind besser einschätzen und würden selbstsicherer. «In angstfreierer Umgebung fühlt sich auch das Kleine sicherer und mutiger», erklärt der Arzt, «dann wird es später auch eher hie und da einen kurzen Entzug an Aufmerksamkeit tolerieren.

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