10. November 2018

Das GDI ist der Zukunft auf der Spur

Werden wir bald kein Fleisch mehr essen? Verschlingt das Internet die traditionellen Geschäfte? Leben wir in Zukunft als codierte Wesen? Mit solchen und anderen Fragen beschäftigt sich das Gottlieb Duttweiler Institut im zürcherischen Rüschlikon.

Illustration: Virtuelle Realität

Neuer Handel

Beim Shopping ist bald nichts mehr wie früher. Begonnen hat es mit dem Internet: Plötzlich konnte man zu Hause einkaufen. Täglich gab es mehr Anbieter – und weniger Läden. Oder zumindest andere. Doch das ist erst der Anfang. Der Verkauf von physischen Dingen wie etwa Kleidern stagniert in unseren Breitengraden. Statt ein nächstes Trendteil zu erstehen, erwerben immer mehr Leute lieber Erfahrungen, Erlebnisse oder Erinnerungen. Und für diese Erlebnisse werden wir bald nicht mal mehr nach draussen müssen, weil sie über Virtuelle Realitäten zu uns kommen. Unter diesen Voraussetzungen wird es immer weniger Geschäfte brauchen. Viele Buchhändler und Plattenläden mussten die Segel bereits streichen. Die grosse Frage wird sein, was vom Handel, wie wir ihn heute kennen, in zehn, zwanzig oder dreissig Jahren noch übrig sein wird.

Freiwillig ja, aber ...

Sportvereine klagen, Gemeinden ächzen: zu wenig Freiwillige. Sind wir plötzlich alle Egoisten? Keinesfalls, wir engagieren uns nach wie vor gern – solange wir unsere Flexibilität behalten können. Lieber ein Quartierfest organisieren als jeden Mittwoch zum Höck. Wir möchten Spass bei unseren Engagements, mitbestimmen können und nicht bloss unbezahlte Arbeitskraft sein. Das ist gesellschaftlich wertvoll. Denn es entstehen soziale Strukturen, die die Gemeinschaft stärken. So gibt es in Quartieren, in denen jeder jeden kennt, weniger Kriminalität und Einsamkeit. Was es für die neuen Freiwilligen braucht, sind also Freiräume und Risikobereitschaft: machen lassen, statt kontrollieren.

Saubere Energie à discrétion

Autonome Autos? Gratisenergie? Sauberes Fliegen? Kobaltschock? Solarpanels? Gletscherschmelze? Bevölkerungswachstum? Bei all den Fragezeichen ist zumindest etwas klar: Im 21. Jahrhundert wird sich das globale Energiesystem von einem System der Knappheit in ein System des Überflusses transformieren. Energie wird nicht nur immer und überall in der benötigten Menge zur Verfügung stehen, sondern auch zu 100 Prozent aus nicht fossilen Quellen gewonnen. Am Ende des Umbaus des Energiesystems steht eine Energieüberflussgesellschaft, die den Kohlenstoff hinter sich gelassen hat. Das wird Gesellschaft, Wirtschaft und Politik radikal verändern.

Neue Realität

Bald schon wird unsere dreidimensionale Welt eine Dimension dazugewinnen. Nämlich dann, wenn wir über unsere Realität eine Schicht mit digitalen Informationen legen können – wie beim Spiel Pokémon Go: Wir betrachten unsere Umgebung auf dem Handybildschirm, durch eine spezielle Brille oder gar mit Hightech-Linsen und sehen dort Zusatzinformationen. Neben der Busstation wird auf unserem Display der Fahrplan eingeblendet, über dem Dessert Kalorienangaben, beim anderssprachigen Gegenüber Untertitel. Und die schönen Schuhe eines Passanten kann man direkt anklicken und bestellen. Wenn der Träger der Schuhe auch noch eine Provision bekommt, werden Menschen Geld damit verdienen, in Cafés zu sitzen, gut auszusehen und die Füsse sichtbar auszustrecken.

Vom Essen besessen

Essen ist weit mehr als eine schlichte Bedürfnisbefriedigung. Essen hält heute Einzug in alle Bereiche unseres Lebens und hat viele verschiedene Aspekte. Es ist Wellnesserlebnis und Lifestyle, Kompass auf der Suche nach Moral und manchmal Ersatzreligion. Essen ist alles und überall. Essen ist zu Pop geworden. Grossen Anteil an dieser Entwicklung hat unsere rege Nutzung von sozialen Medien. Konstant werden Food-Bilder geteilt und gepostet, man kann sich der Omnipräsenz von Essen kaum mehr entziehen. Dadurch identifizieren wir uns auch immer stärker darüber, was wir essen oder eben was wir gerade nicht essen. So können wir mit unserem Essen heute ausdrücken, wer wir sind – oder wer wir eigentlich gern wären.

Die Zukunft des öffentlichen Raums

Städte werden dichter: Immer mehr Menschen müssen sich immer weniger Platz teilen. Gleichzeitig wandelt sich der städtische Raum. Neue Arbeitswelten, veränderte Mobilität, Zielkonflikte zwischen Bewohnern und Touristen oder Strukturwandel im Handel tragen dazu bei. Geht uns bald der öffentliche Raum abhanden? Oder ist in der digitalisierten Welt nicht ohnehin alles öffentlich? Bereits haben wir zusätzlich zur sichtbaren Überwachung durch Videokameras eine unsichtbare Überwachung über die Mobilfunkantennen auf Laternenpfählen und in Smartphones. Wir sind codierte Menschen, die sich über Fitnesstracker und soziale Netzwerke quasi selbst überwachen in einer codierten Stadt. Diese Stadt optimiert sich selbst, indem Algorithmen die Abfallentsorgung oder die Luftqualität steuern. Der Mensch wird integraler Bestandteil der Smart City und verschmilzt mit ihr zu einem neuen Ökosystem.

Text: GDI Research

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