01. Februar 2018

Das Frühchen hat es allen gezeigt

Als Maria Jakob 1922 geboren wurde, wog sie nur eineinhalb Kilo und war knapp 40 Zentimeter gross. Weder ein Arzt noch ein Brutkasten sorgten für ihr Überleben – eine Hebamme musste genügen. Heute ist das Frühchen 95 Jahre alt und hat seine drei Geschwister überlebt. Das Porträt mit dem Experteninterview und der Infografik, worauf es für das Überleben ankommt.

Frühchen Maria Jakob ist 95
Maria Jakob kam zwei Monate zu früh zur Welt. Heute ist sie 95 Jahre alt und topfit.

Gerade mal eineinhalb Kilo leicht war Maria Jakob, als sie 1922 an Mariä Himmelfahrt zur Welt kam. Ihre Mutter gebar zu Hause, die Wehen hatten zwei Monate zu früh eingesetzt. Heute wäre dies ein Fall für Intensivmassnahmen im Spital. Doch damals musste die Hilfe der örtlichen Hebamme reichen. Einen Arzt gab es erst im nächsten Dorf, und das Spital war unten im Tal, in Bozen (I) – mit Pferd und Wagen zweieinhalb Stunden entfernt.

Die kleine Maria war nur knapp 40 Zentimeter gross und nicht mal halb so schwer wie ihre Schwester Dora, die ein Jahr zuvor zur Welt gekommen war. «Die Eltern wussten nicht, ob ich überlebe», sagt Maria Jakob. Sie sitzt nun, fast 100 Jahre später, auf ihrem Balkon in Thun. «Ein so kleines Häufchen war ich», sagt sie und zeigt mit ihren Händen, wie klein sie damals war.

Fehlender Lebensmut
In diesen Jahren lag die Überlebenswahrscheinlichkeit bei Frühgeborenen, die so leicht waren, bei etwa 15 Prozent. Man hatte noch kaum Mittel, sie zu therapieren. Man konnte sie warm halten und hoffen, dass ihre unreife Lunge stark genug war. Als Grund fürs Sterben wurde denn auch oft «fehlender Lebensmut» angegeben. In damaligen Fachbüchern der Kinderheilkunde wurde vor künstlicher Ernährung gewarnt, sie sollte nur im äussersten Notfall angewendet werden, da sie «ein gewagtes Unternehmen» darstellte.

Frühgeborene sind aber oft erst ab der 34. Schwangerschaftswoche fähig, direkt von der Brust zu trinken. «Erst dann funktioniert normalerweise die Koordination von Saugen, gleichzeitigem Atmen und richtigem Schlucken», erklärt Neonatologe Matthias Roth-Kleiner, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Neonatologie (Interview unten).

Schon als Baby voller Energie
Es ist ein kleines Wunder, dass Maria Jakob überlebt hat. Nun sitzt sie auf ihrem Balkon, hinter ihr breitet sich das Thuner Alpenpanorama aus. Sie wohnt im siebten Stock, sie würde es auch zu Fuss in ihre Wohnung schaffen, so fit ist sie. Diese Lebensenergie steckte schon als kleines Baby in ihr. Sind Kinder heute bei Geburt leichter als 1800 Gramm, werden sie in den Inkubator gelegt, wo feuchte Luft sie umgibt und die Temperatur so eingestellt ist, dass sie ihre Energie für die Entwicklung des Körpers verwenden können.

Bei «Mitzi», so ihr Spitzname, gab es weder Brutkasten, Infusion, Magensonde noch Beatmung. Ihre Mutter legte das kleine Bündel tagsüber neben den warmen Holzofen oder trug es nah am Körper. Heute wird bei Frühchen in Spitälern eine ähnliche Praxis angewendet – die Känguru­methode. Dabei wird das Kind nackt auf den nackten Ober­körper von Vater oder Mutter gelegt und zugedeckt.

«Heute kann im Inkubator nicht nur die Körpertemperatur der Kinder genau reguliert werden», erklärt Matthias Roth-Kleiner. «Auch die Ernährung wird auf die Bedürfnisse des Kleinen abgestimmt.» Bei Infektionen kann man ebenfalls besser reagieren: «Die intravenöse Antibiotikatherapie kann sensibel dosiert werden.»

Südtiroler Erinnerungen
Erinnerungen an die Zeit im Südtirol

Bei Marias Familie war der wichtigste Akt der Gang zum Pfarrer. Die Angst der Eltern war gross, ihr Kleines sollte zumindest getauft sein. Doch sie gedieh, wuchs – und ist heute die Einzige der vier Geschwister, die noch lebt.
Maria Jakob blättert in einem dicken Album und zeigt auf Schwarz-weiss-Fotos aus den frühen Dreissigerjahren. Sie steht inmitten ihrer Geschwister: gleich gross wie die zwei Jahre jüngere Schwester Theresia, genannt Resi. «Ich bin immer schmal geblieben und kleiner als Gleichaltrige – war aber nicht häufiger krank als meine Geschwister», erinnert sie sich.

Sie litt auch nie an Entwicklungsschwierigkeiten und überlebte sogar die Diphtherie, eine höchst ansteckende und lebensgefährliche Infektionskrankheit, gegen die damals noch nicht breit geimpft wurde, auch in ihrem Südtiroler Dorf Montan nicht. Der Impfstoff war erst wenige Jahre zuvor entdeckt worden. «Ich blieb mehrere Wochen zu Hause im Bett.» Sie war zunächst so schwach und abgemagert, dass sie kaum mehr gehen konnte. Aber ihre Lebenskraft war ungebrochen: Sie erholte sich bald vollständig.

Mit Handy und Mailadresse
«Ihre Energie ist unglaublich», sagt Tochter Anna Borean-Jakob (59). Die aktuelle Wohnung in Thun hat ihre Mutter mit knapp 80 Jahren noch selbst gesucht und ausgewählt. Sie hat eine eigene E-Mail-Adresse, schaut im Internet Dinge nach, die sie interessieren, und sortiert stets die Fotos der Familienferien. Und natürlich weiss sie, wie ein Handy funktioniert. Mit ihrer Tochter tauscht sie täglich SMS aus: «So wissen wir immer voneinander, was gerade los ist und wie es uns geht.»

Mit 35 Jahren kam Mitzi in die Schweiz – der Liebe wegen. Zwei Jahre zuvor hatte sie auf ihrer ersten Auslandsreise am Münchner Oktoberfest bei Bier und Brezen den charmanten Hans Jakob aus dem Emmental kennengelernt. Er war zwar um 27 Jahre älter, eroberte ihr Herz aber im Nu. Zurück im Südtirol, bekam sie schöne Briefe in schwungvoller Füllfederschrift.

Der Anfang im Emmental war schwer, sie vermisste ihre Eltern und ihr Daheim. Mitzi tauchte in die Arbeitswelt ihres Ehemanns ein, der mit seinem Sohn aus erster Ehe einen Versandhandel für Wolle führte. Sie kümmerte sich um die italienische Korrespondenz und alles, was sonst noch anstand. Tochter Anna erinnert sich, dass die Mutter manchmal bis Mitternacht arbeiten musste. «Es war schwer, auf einen grünen Zweig zu kommen.» Schliesslich wurde sie Prokuristin und leitete den Betrieb mit.

Arbeiten bis 75
Erst mit 75 hörte sie auf zu arbeiten. «Keine Aufgabe zu haben, da verkümmert man.» Heute kocht sie jeden Donnerstag für Tochter und Enkel, flickt und näht Kleider, bäckt ihren legendären Südtiroler Apfelstrudel, trifft sich mit Nachbarn auf einen Tee oder Kaffee mit Kuchen und löst täglich mindestens ein Sudoku. Ihre grösste Freude aber ist ihre Familie: «Ich bin dankbar, dass ich meine Tochter mit ­Familie so nah bei mir habe.» Zum 95. Geburtstag hat Mitzi alle Kinder und Kindeskinder zu einer Donaureise nach Bu­dapest eingeladen.

Ihr Rezept für ein zufriedenes Leben? «Jeden Tag so nehmen, wie er kommt. Man muss in Kauf nehmen, was kommt», sagt Mitzi, die vor einem Jahr Urgrossmutter wurde und einen Schlaganfall und eine Krebserkrankung überlebte. Würde sie etwas anders machen? «Naa, ich bin zufriedn mit dem, wos i hon», sagt sie und lächelt.

Infos auf Baby-und-familie.de zum Entwicklungsstand in den 40 Schwangerschaftswochen

WORAUF ES FÜR DAS ÜBERLEBEN ANKOMMT
Der Kampf ums überleben (PDF, 7 MB): Infografik zur Atmung, Ernährung oder der Känguruh-Methode

Die Geburt eines jeden Kindes ist ein Wunder

Matthias Roth-Kleiner
Matthias Roth-Kleiner
Matthias Roth-Kleiner ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Neonataoloie.

Vor 100 Jahren gab es für frühgeborene Kinder kaum Therapien. Wann hat sich das geändert?

Die Neonatologie, so wie wir sie heute kennen, nahm ihren Anfang in den 1960er-Jahren. Sie hat sich seither technisch und bezüglich der therapeutischen Zielsetzungen vollständig gewandelt. Damals bestand die Herausforderung darin, Therapien zu entwickeln, die für Neugeborene und frühgeborene Kinder überhaupt angewendet werden können. Dank der heutigen Technik können wir uns nun ganz darauf konzentrieren, diese möglichst ideal auf jedes Baby anzupassen.

Welches sind die technischen Errungenschaften?

Zum einen modernste Überwachungsgeräte: Lebenswichtige Parameter wie Atmung, Sauerstoffgehalt im Blut, Herzfrequenz und Blutdruck werden auch bei kleinsten Frühgeborenen über Sensoren erfasst, die auf die Haut aufgeklebt werden und keine Schmerzen verursachen. Zum anderen viele schonende Beatmungstechniken, die sich der Atemaktivität des Kindes anpassen.

Wie werden die Eltern dabei einbezogen?

Während sie früher von der Therapie ausgeschlossen waren und bestenfalls ihr Kind von Zeit zu Zeit durch eine Fensterscheibe sehen durften, werden Mutter und Vater heute vom Tag der Geburt an in die Betreuung ihres Neugeborenen miteinbezogen.

Ab welcher Woche können intensivmedizinische Massnahmen erwogen werden?

In Einzelsituationen frühestens ab der 23. Schwangerschaftswoche (SSW), meist ­jedoch werden sie ab der vollendeten 24. oder 25. SSW generell eingesetzt. Eine solche Entscheidung wird immer nach einer genauen Analyse der Situation zusammen mit den Eltern getroffen. In der Neonatologie stellt sich nicht nur die Frage der Überlebensfähigkeit, sondern auch die der zukünftigen Lebensqualität des Kindes. Es ist also nicht nur die Frage nach der Machbarkeit.

Wie läuft dieser Entscheidungsprozess ab?

Nach der Analyse von Risikofaktoren für Mutter und Kind erfolgt eine ausgiebige Diskussion von Neonatologen und Geburtshelfern mit den Eltern. Wünsche, Fragen und Vorstellungen werden besprochen, um dann ein gemeinsames Vorgehen zu definieren.

Sprechen Mediziner heute noch von einem Wunder, wenn ein ganz kleines Kind überlebt?

Die Geburt eines jeden Kindes ist ein Wunder. Der Übergang vom Leben als Fötus, in völliger Abhängigkeit vom mütterlichen Organismus, zu einem Leben nach der Geburt ist wohl der einschneidenste Moment im Leben eines jeden Menschen. Viele Organe müssen innerhalb von wenigen Augenblicken ihre Funktion umstellen oder gar zum ersten Mal aufnehmen, wie zum Beispiel das Atmungssystem. Die Lunge muss von einer Sekunde auf die andere die Sauerstoffversorgung des Neugeborenen übernehmen, ohne dies vorher jemals gemacht zu haben. 

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