09. November 2018

Das Migros-Engagement misst sich an Taten, ...

... nicht an Worten. Welche Bedeutung hat das gesellschaftliche Engagement der Migros? Was tut sie für die Kulturförderung? Und welche Rolle spielen die Migros-Kunden? Wir haben Sarah Kreienbühl, die oberste Verantwortliche für das gesellschaftliche Engagement des Migros-Genossenschafts-Bunds, zum Gespräch gebeten.

Sarah Kreienbühl, die oberste Verantwortliche für das gesellschaftliche Engagement des Migros-Genossenschafts-Bunds
Lesezeit 1 Minute

Sarah Kreienbühl, haben Sie überhaupt Zeit, die vielen kulturellen Angebote zu nutzen, die die Migros beispielsweise durch das Kulturprozent fördert?

Selbstverständlich, ich nehme mir bewusst Zeit dafür. Erstens, weil Kultur mit ihren verschiedenen Facetten mich interessiert und ich immer wieder Neues, auch Unerwartetes, entdecke, das mich inspiriert. Zweitens, weil ich sehen möchte, was mit dem Geld der Migros passiert und welche Wirkung unser Engagement hat. Ich kann bei dieser Vielzahl an Projekten natürlich nicht überall persönlich anwesend sein; kompetente Kolleginnen und Kollegen vertreten mich dann.

Welches war Ihr persönliches Kultur-Highlight?

Ich möchte mir nicht erlauben, Projekte und Anlässe nach persönlichen Vorlieben zu bewerten. Es gab sehr viele bereichernde Anlässe und Begegnungen. Ein Höhepunkt war für mich kürzlich das Migros-Kulturprozent-Classics-Konzert des Rotterdam Philharmonic Orchestra mit vielversprechenden «Stars von morgen» im Vorkonzert, dem unvergleichlichen Violinisten Pinchas Zukermann und dem jungen, talentierten Dirigenten Lahav Shani im Hauptprogramm. Unvergesslich war dieses Jahr auch das Tanzfestival Steps, an dem ich fantastische Darbietungen mit hervorragenden Tänzern geniessen durfte. Das Publikum darf sich auch 2020 wieder auf ein vielseitiges Tanzprogramm und neue Entdeckungen freuen.

Im vergangenen Jahr hat die Migros-Gruppe kulturelle und soziale Vorhaben mit über 138 Millionen Franken unterstützt. Haben Sie noch den Überblick?

Es ist ein Privileg für die Migros, der Gesellschaft in der Schweiz eine so namhafte Summe zurückgeben zu können. Wir haben ausgezeichnete Fachleute und Teams, die sich mit viel Leidenschaft und Herzblut für unsere Anlässe und Projekte einsetzen. Durch sie erhalte ich eine Gesamtsicht des Migros-Engagements, das mich immer wieder aufs Neue beeindruckt.

Es scheint kaum etwas zu geben, was die Migros nicht unterstützt ...

Es dürfte tatsächlich für jeden Kunden ein passendes Angebot dabei sein. Beispiels­weise mit der Klubschule, die jedes Jahr an 50 Standorten in der Schweiz nach dem Leitgedanken «Bildung für alle» vielen Bevölkerungsschichten den Zugang zur Weiterbildung ermöglicht. Das Migros-Kulturprozent unterstützt aber auch die vier Freizeitparks im Grünen und die Bergbahn auf dem Monte Generoso – inklusive Gipfelrestaurant; im Mario-Botta-Bau wird übrigens nicht nur hervorragendes Essen geboten, sondern auch eine wunderbare Rundsicht. Ein weiteres, mir persönlich wichtiges Engagement ist die Tavolata mit Tischgemeinschaften für ältere Menschen. Natürlich sind auch unsere Mittel begrenzt. Deshalb setzen wir klare Schwerpunkte und investieren primär in die drei Säulen Bildung, Soziales und kulturelle Projekte. Im Zentrum steht als verbindende Klammer stets das Ziel, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Schweiz zu stärken. Dieses Engagement macht die Migros für mich so einzigartig.

Inzwischen setzt sich doch fast jedes Unternehmen für irgendeine gute Sache ein.

Das ist tatsächlich ein Trend, um Glaubwürdigkeit zu erzielen. Unabhängig davon erachte ich es aber als wertvoll, weil soziale Engagements in der Wirtschaft den Zusammenhalt fördern. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Migros dem einen oder anderen Unternehmen als Vorbild dient. Unser Engagement für die Gesellschaft geht auf den Gründer Gottlieb Duttweiler zurück und besteht seit den 60er-Jahren, als soziales Engagement in der Wirtschaft noch weniger verbreitet war. Dieses Engagement ist tief verankert. Es basiert auf einer in den Statuten festgelegten, dauerhaften Selbstverpflichtung und ist an keinerlei Gegenleistung gebunden.

Und was bedeutet das konkret?

Statt einen Teil des Gewinns zu investieren, wie das viele andere Unternehmen tun, verwendet die Migros Jahr für Jahr freiwillig einen Prozentteil ihres gesamten Umsatzes für das Gemeinwohl. Das heisst: Von jedem eingenommenen Franken – nicht von jedem Franken, der nach Abzug aller Kosten als Ertrag übrig bleibt – gibt die Migros wieder einen Anteil an die Gesellschaft zurück. Bei sinkenden Margen wiegt diese Investition entsprechend höher. Wir leisten dieses Engagement aus Überzeugung und verdanken das unseren Kundinnen und Kunden. Mit jedem Einkauf, und sei er noch so klein, kann die Migros also wieder etwas für einen guten Zweck an die Gesellschaft zurückgeben.

Dann bezahlen die Kunden das Kulturprozent über höhere Preise? Wird Brot oder Milch dadurch teurer?

Das würde der Idee Migros und den Grundsätzen des Gründers Gottlieb Duttweiler vehement widersprechen. Und es wäre eine kontraproduktive Geschäftspolitik. Es gehört im Gegenteil zur DNA der Migros, ihren Kunden das beste Preis-Leistungs-Verhältnis und zusätzlich ein breites gesellschaftliches Engagement zu bieten. Deshalb profitieren die Kunden doppelt. Das hat Gottlieb Duttweiler der Migros von Beginn an eingeimpft, und für diese Werte setzen wir uns aus Überzeugung auch heute noch ein.

Im Zentrum steht als verbindende Klammer stets unser Ziel, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Schweiz zu stärken.

Wie gut kennen Sie Gottlieb Duttweilers 15 Thesen?

Selbstverständlich bin ich mit Gottlieb Duttweilers Ideengut vertraut, auch wenn ich nicht jeden Satz im Wortlaut auswendig kenne. Zum gesellschaftlichen Engagement zitiere ich ihn allerdings gern: «Das Allgemeininteresse muss höhergestellt werden als das Migros-Genossenschafts-Interesse. Wir müssen wachsender eigener Macht stets noch grössere soziale und kulturelle Leistungen zur Seite stellen.»

Wie übertragen Sie diese Aussage in die heutige Zeit?

Für mich ist diese These ein zentrales Fundament der Migros und aktueller denn je. Sie bedeutet, dass nachhaltiger Erfolg nur im Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichem Interesse und sozialer Verantwortung erreichbar ist. Wachstum und Erfolg sind direkt mit der sozialen Verpflichtung verbunden, in die sich die Migros selber stellt. Gesellschaftliches Engagement hängt vom Wachstum ab – und eben auch umgekehrt. Es ist eine Wechselwirkung.

Wie erfahren die Kundinnen und Kunden diese Wirkung?

Für die Kunden hat das eine zweifache Wirkung: Einerseits wissen sie, dass die Migros einen Teil dessen, was sie für ihre Einkäufe in der Migros-Gruppe zahlen, für einen guten Zweck einsetzt und dabei, wie bereits erwähnt, nicht etwa die Preise erhöht. Auf der anderen Seite profitieren unsere Kunden von attraktiven Angeboten wie Kursen in den Klubschulen, Freizeitanlagen oder vergünstigten Konzerteintritten. Dass Gottlieb Duttweiler und seine Frau Adele dieses Ideengut bereits 1957 als eigenen Geschäftszweck in den ­Statuten der Migros verankert haben, erachte ich als aussergewöhnlich visionär.

Sie sagen, dass man mit gutem Gewissen bei der Migros einkaufen könne. Aber sind Kulturprozent und Co. nicht bloss clevere Werbemittel?

Oberflächlich betrachtet, könnte man das meinen. Doch das trifft nicht zu. Wir messen die Leistungen von Kulturprozent, Unterstützungsfonds und Förderfonds Engagement Migros nicht an Worten, sondern an Taten. In den vergangenen 60 Jahren hat die Migros allein durch das Kulturprozent über 4,6 Milliarden Franken ausgerichtet. Das Geld fliesst ja gerade nicht in Werbung, sondern wirkt konkret und sichtbar, beispielsweise durch vergünstigte Konzerte, soziale und ökologische Entwicklungsprojekte oder subventionierte Bildungsangebote für alle. Das sind reale Mehrwerte, keine Lippenbekenntnisse. Während wir mit unseren Migros-Werbekampagnen viele Menschen in der Schweiz erreichen, sind wir mit der Kommunikation über unser grosses gesellschaftliches Engagement eher zurückhaltend. Sprich: Wir tun viel Gutes, aber wir sprechen vergleichsweise wenig über den Umfang unseres Engagements. Allein die Tatsache, dass das Kulturprozent seit 1957 in den Statuten der Migros verankert ist, unterstreicht, dass es sich um ein echtes Engagement handelt.

Das Kulturprozent ist vielen Leuten ein Begriff. Aber was macht der Förderfonds Engagement Migros?

Dieser Fonds wurde 2012 gegründet als freiwilliges Engagement der Unternehmen der Migros-Gruppe – dazu zählen Denner, Migros Bank, Migrol oder Migrolino. Der Förderfonds Engagement Migros konzentriert sich auf Pionierprojekte im gesellschaftlichen Wandel. Dabei berücksichtigen wir, dass Entwicklungen wie Digitalisierung oder Mobilität für die Menschen eine wichtige Rolle spielen und die Gesellschaft verändern. Im vergangenen Jahr zum Beispiel haben wir über den Fonds 55 Projekte mit fast 15 Millionen Franken unterstützt.

Was verstehen Sie unter «Pionierprojekte im gesellschaftlichen Wandel»?

Dazu zählt beispielsweise die Organisation Startup Academy, die innovative Jungunternehmen während zweier Jahre mit Expertenwissen und Coaching unterstützt. Ein weiteres Beispiel ist die Organisation Food Bridge, eine Online-Plattform, die dazu dient, Nahrungsmittel effizienter an Bedürftige zu verteilen. In solchen Engagements sehen wir einen ganz konkreten gesellschaftlichen Nutzen.

Nach welchen Kriterien entscheidet die Migros eigentlich, wer und was unterstützt werden soll – oder eben nicht?

Beim Kulturprozent lassen sich Förderbeiträge über ein Gesuch einfach via Internet beantragen. Je nach Thema und Ausrichtung des Engagements – vom Kinder- und Jugendtheater über Musik bis zum Film – gibt es klare Richtlinien. Beim Förderfonds Engagement Migros suchen unsere Fachleute aktiv nach geeigneten Projekten. Zusammengefasst lässt sich sagen: Entscheidend ist, ob ein Projekt einen Mehrwert für die Gesellschaft, sprich: für die Bevölkerung, bietet.

Und wie kontrolliert die Migros, ob die geförderten Projekte tatsächlich nützlich sind für die Gesellschaft?

Das ist eine wichtige Frage. Genau deshalb prüfen wir bei allen Projekten regelmässig, ob sie ihren Zweck erfüllen und ihre Ziele erreichen. So ist uns beispielsweise bei Start-up-Firmen, also jungen Pionierunternehmen, die Unterstützung nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe wichtig. Nach der Aufbauphase, wenn die Pioniere selbständig vorwärtskommen, können wir unsere Leistungen einstellen. Im Gegenzug stehen Gelder für neue Projekte zur Verfügung.

Erlauben Sie unseren Lesern noch einen Blick in die Zukunft. Wird die Migros sich weiterhin ein Kulturprozent leisten können?

Die «Ob»-Frage stellt sich für mich nicht. Eine Migros ohne dieses Engagement für die Gesellschaft wäre nicht mehr die Migros. Ich kann mir vorstellen, dass die Schwerpunkte sich teilweise verlagern werden – die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und kulturellen Bedürfnisse wandeln sich. Mir erscheint es wichtig, dass wir die verfügbaren Mittel dort einsetzen, wo die Migros möglichst viel für den Zusammenhalt der Menschen in der Schweiz tun kann.

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