22. September 2017

Das Ding mit dem Duzen

Mit wem per Du, mit wem per Sie? Die Problematik ist bekannt. Auf dem Land kann ein Du-Sie-Fehler jedoch verheerende Folgen haben.

Lisa Stutz von «Stadt, Land, Stutz» wundert sich.
Lesezeit 2 Minuten

Hoi zäme! Ich habe gehört, dass wir uns hier auf Migrosmagazin.ch duzen. Bin froh, dass ich das weiss. Sonst hätte ich zur Begrüssung so was Unverfängliches schreiben müssen wie «Guten Tag!». Danach hätte ich mich langsam weitertasten müssen, um herauszufinden, ob wir eigentlich per Du oder per Sie sind.

Ich hätte zuerst ein paar hochkomplizierte Sätze gebildet, um die direkte Ansprache zu vermeiden. Du wärst dann gleich beim Kennenlernen schon mal irritiert über mich gewesen. Dann hätte ich dich in einem langen Satz zuerst einmal geduzt und dann plötzlich gesiezt und dabei ganz genau beobachtet, wie sich deine Gesichtszüge beim jeweiligen Wörtchen verändern. Ich wäre dann selber sehr verwirrt geworden. Und dann hätten wir einen ganz schlechten Start gehabt, wir beide. Zum Glück ist dem allem aber nicht so.

Ich bin Lisa, und du bist du. Ganz einfach. Ich kann dir sagen: So einfach ist es nicht immer. Vor allem nicht auf dem Land, wo ich herkomme (und noch immer wohne, aber das erzähle ich sonst eher gegen Ende des Gesprächs, wenn ich meinem Gegenüber bereits beweisen konnte, dass ich Wörter wie snapen, liken und bodyshamen längst in meinen Wortschatz eingebaut habe).

Jedenfalls kann es in einem Dorf sehr kompliziert werden mit diesem Duzen und Siezen. Denn die Chance, dass du die andere Person kennst oder kennen solltest oder mal gekannt hast, ist immens hoch. Das weisst du eigentlich. Aber weil du dich natürlich nicht immer an alle erinnern kannst, sagst du vorsichtshalber zuerst einmal Sie. Und dann lacht die Person vor dir ganz laut und sagt: «Aber ich bin doch dein Grossonkel Hansjörg, weisst du das nicht?!»

Und weil man auf dem Land früher gern mal mehr als zehn Kinder hatte und du deshalb eine unüberblickbare Anzahl an Grossonkels hast, weisst du das logischerweise nicht. Du versuchst dich noch mit einem lang gezogenen «Doooooch! De Hansjörg, aber klar doch!» zu retten. Aber es ist zu spät.

Von deinem Fauxpas weiss eine halbe Stunde später dein Grosi, deren Schulgspänli Franz und dessen Spitexfrau. Und wenn du ganz viel Pech hast, trinkt die Spitexfrau ihren 15-Uhr-Kaffee im Kafi Wirth, wo auch dein Mami mit ihren Pilates-Freundinnen sitzt. Und, nun ja, dann weiss es dein Mami. Sie schickt dir beängstigende Emojis im Familienchat und dein Bruder lacht dich aus – der Streber, der immer alle kennt und von Grossonkel Hansjörg bestimmt schon hundertmal ein Zehnernötli zugesteckt bekommen hat.

Du fühlst dich dumm, und du findest auch alle anderen sehr dumm. Und das alles nur wegen dieses elenden Du-Sie-Chaos. Da können wir beide schon froh sein, dass wir das geregelt haben, gäll?

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