17. Juni 2019

«Das cheibe Guugel ...»

Bänz Friedli (54) spinnt Fäden. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Buch «Famous Fathers and Other Stories»
Dieses Büchlein namens «Famous Fathers and Other Stories» hat Bänz Friedli über Google gefunden.

So nennt eine mir liebe Altersheimbewohnerin das Internet: «Das cheibe Guugel.» Denn es ist ihr fremd, und sie hält es für Teufelszeug. Ihr habe ich deshalb erzählt, wie die Leute in einem Lokal, von Panik ergriffen, an einem Dezembertag des Jahres 1895 zur Seite sprangen und den Ort fluchtartig verliessen. In dem Pariser Café hatten die Gebrüder Lumière einem ausgewählten Publikum erstmals ihr Werk «Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat» vorgeführt, ein Stummfilmchen von nicht einmal einer Minute Dauer. Was heute als Geburtsstunde des Kinos gilt, jagte den Anwesenden damals einen Riesenschreck ein; sie fürchteten, der Zug sei real und würde gleich ins Haus donnern.

Technische Neuerungen machen den Menschen oft Angst. Und an dem «cheibe Guugel» ist weiss Gott nicht alles wunderbar. Aber mir gefällt, dass man dank des World Wide Web Kostbares findet, das sonst unerreichbar bliebe. Um die Möglichkeiten des Mediums zu illustrieren, erwähnte ich hier vor einiger Zeit nebenbei das Buch einer gewissen Pia Z. Ehrhardt, «Famous Fathers and Other Stories». Ich habe es nur dank des Internets auftreiben können, und es ist mir ans Herz gewachsen.

Zumindest eine Leserin habe ich damit gwundrig gemacht: Verena aus Bülach. Sie suchte nach dem Titel. Und wurde – Internet sei noch mal Dank – in einem Antiquariat in München mit dem schönen Namen «Libro de Oro» fündig. Worauf sie die betagten Schwiegereltern ihrer Tochter bat, das Bändchen dort für sie abzuholen. Bei dieser Gelegenheit erzählten die alten Leute dem Antiquar, wie der bevorstehende Umzug in eine Alterswohnung sie bedrücke: Sie müssten dringend ihre Bibliothek reduzieren, wüssten aber nicht, wie. Und was geschieht? Der Antiquar kommt anderntags zum Kaffee und nimmt zur ihrer Erleichterung zahlreiche Bücher mit.

«Ihre Kolumne hat, wie ein Steinwurf ins Wasser, viele Kreise gezogen», hat mir Verena (die «Famous Fathers and Other Stories» übrigens genauso mag wie ich) geschrieben. Oder um ein Bild zu gebrauchen, das der amerikanische Meteorologe Edward Lorenz vor vielen, vielen Jahren formulierte: «Schon der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann in Texas einen Orkan auslösen.» Den Satz habe ich gegoogelt. So ergibt eins das andere, Woche für Woche freue ich mich über Geschichten, die sich aus den Geschichten ergeben, die ich hier erzähle. Und ein Käthi aus Paradiso hat schon so oft beteuert, sie schreibe mir nun garantiert zum letzten Mal, denn sie sei weit über 90, «u dr Wäg uf d Poscht isch läng», dass ich mich schon auf den nächsten berndeutschen Brief freue, in dem sie aus ihrem reichen Leben erzählt. Handgeschrieben.

Die Hörkolumne (MP3)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Heldin des Alltags

Sticker: More love, less fear

Sex, Drugs & Bandenmorde

Informationen zum Author

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Sylvain wird berühmt

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Der SUV und ich