10. Februar 2014

Das «Chedi Andermatt» im grossen Test

Viel wurde über das Hotel The Chedi Andermatt, Teil des Megaprojekts von Samih Sawiris, geschrieben. Wir wollten es genauer wissen und haben es getestet. Fazit: Es gehört zum Besten, was die Schweizer Hotellerie zu bieten hat, muss aber noch diverse Kinderkrankheiten ausmerzen.

Die Sicht vom Nätschen
Die Sicht vom Nätschen hinunter auf Andermatts Zentrum.

Der Eintritt ins Fünf-Stern-Paradies soll ja nicht ganz einfach sein. Und auch wer mit dem Zug nach Andermatt reist und durch den Haupteingang ins Luxushotel Chedi möchte, braucht etwas Geduld. Auf der roten Hotelinfotafel gegenüber dem Bahnhof im Urner Skiort ist das Chedi nicht erwähnt, obwohl es die Tore seit Dezember 2013 geöffnet hat. Man sieht zwar sofort die Fassade des Chedi, das wie ein überdimensioniertes Chalet aussieht und wie ein Palast leuchtet. Den Haupteingang erreicht man jedoch erst nach ein paar Minuten Fussmarsch durch den Schnee – rund um das Gelände des Chedi. Für die meisten Gäste stellt sich dieses Problem nicht, weil sie mit ihren Luxuskarossen anreisen.

Der Chalet-inspirierte Hotelbau in Andermatt
Der Chalet-inspirierte Hotelbau oberhalb des Bahnhofs in Andermatt.

Beim Check-in bilden sich vor den drei Rezeptionisten Warteschlangen. Die Lobby wirkt mit der grosszügigen Raumhöhe und den vielen Orchideen wie das Innere des Palasts. Ein Rezeptionist begrüsst einen in seinem unverkennbaren Walliser Dialekt. Man fühlt sich trotz der riesigen Dimensionen und dem internationalen Flair ein bisschen wie in der Schweiz.

Von Anfang an fällt auf, wie freundlich, motiviert und hilfsbereit die meisten Angestellten sind. Sie begleiten den Gast ins Doppelzimmer, das mindestens 52 Quadratmeter gross und ab 650 Franken pro Nacht erhältlich ist. Dieser Service ist nicht ganz uneigennützig, denn im «Chedi» sind Orientierungshilfen in Form von Infotafeln bewusst nur sehr spärlich eingesetzt. So kann es vorkommen, dass Gäste sich auf dem Weg vom Zimmer ins Spa verirren – und Angestellte falsche Wegbeschreibungen abgeben.

Rund 100 Zimmer und Suiten stehen zur Auswahl. Weitere Residenzen und Penthouses werden in der Nachbarschaft Ende 2014 eröffnet. Sie sind Teil jener rund 400 Millionen Franken, welche die Andermatt Swiss Alps von Investor Samih Sawiris im Rahmen ihres Megaprojekts per Ende 2013 investiert hat, wobei dieser Betrag neben dem Bau des Chedi auch zwei Appartementhäuser, einen Golfplatz und Infrastrukturarbeiten einschliesst.

Ein hübscher Orchideenstrauss
Ein hübscher Orchideenstrauss als Willkommensgruss.

Die Zimmer sind sehr grosszügig eingerichtet. Allerdings hat es nur im Badezimmer einen Spiegel. Die Matratzen sind einigen Gästen laut Rezeption zu weich. Dicke Eingangstüren sorgen dafür, dass keine Geräusche von draussen zu hören sind. Stark präsentiert sich die Technik: So kann der Gast «Do not disturb» sowohl am Schalter neben der Tür als auch auf seinem persönlichen iPad, einer Leihgabe während des Aufenthalts, aktivieren. Die Funktion für den Butler-Service funktioniert auf dem iPad hingegen noch nicht. Ebenfalls auf dem iPad lässt sich die Temperatur individuell einstellen, und zwar auf 0,5 Grad genau und zu unterschiedlichen Werten zwischen dem Wohnraum und dem Schlafzimmer.

Im Gegensatz zu vielen Häusern im Ausland ist Wi-Fi kostenlos und ohne komplizierte Zugangscodes verfügbar. Ebenfalls aussergewöhnlich: In den Suiten steht ein Glasschrank mit diversen Weinflaschen. Überhaupt stellt das Chedi den Reichtum gerne zur Schau. Hinter der Rezeption sind beispielsweise 6-Liter-Flaschen Château d’Yquem ausgestellt, in Nachbarschaft zu Mouton-Rothschild. Vor dem Hauptrestaurant fällt ein Glasturm auf, der im Innern riesige Käselaibe wie Kunstwerke lagert. Im weitflächigen Parterre hängen Head-Skilatten von Bode Miller, Maria Höfl-Riesch, Didier Cuche und Beat Feuz, alle mit deren Unterschriften versehen.

Im Fünf-Sterne-Haus, jetzt schon Mitglied der exklusiven Vereinigung Leading Hotels of the World, stehen zwei Restaurants zur Auswahl. Wie die Architektur ist auch das Essen: asiatische Elemente sorgen für Abwechslung. Im Hauptrestaurant, wo sich auch das Frühstücksbuffet ausbreitet, sind viele Gerichte aus Europa und Asien angesagt. Eine empfehlenswerte Vorspeise sind etwa die Hühnchen-Garnelen-Dumplings zum stolzen Preis von 18 Franken für drei Stück, als Hauptgang empfiehlt sich das südindische Fischcurry zu 34 Franken. Heimisches gibt es in Form von Papet Vaudois (32 Franken), Zürcher Kalbsgeschnetzeltem mit Rösti (58 Franken) oder dem Chedi-Cordon-bleu vom Urserentaler Kalb (68 Franken). Die Qualität der Gerichte erreicht absolutes Spitzenniveau.

Schön, dass die asiatischen Gerichte authentisch scharf gekocht und gewürzt sind. Sie sind wie eine Reise nach Asien. Dank der offenen Küche sieht man, dass viele Köche aus Asien stammen. Das zweite Restaurant ist dem Thema Japan gewidmet. Beim Testbesuch am 1. Februar war es bis auf den letzten Platz gefüllt: Selbst Hotelgäste, die nicht reservierten, hatten das Nachsehen. Die Weinpreise sind mit einer fetten Marge kalkuliert: Der Tessiner Merlot Sassi Grossi kostet im Chedi 120 Franken, beim Winzer rund dreimal weniger. Für den ebenso empfehlenswerten Pinot Noir Cuvée von Gérald Clavien bezahlt man im Restaurant 75 Franken, beim Winzer im Unterwallis 21 Franken.

Um 20.30 Uhr geht dann ein ohrenbetäubender Feueralarm los, wahrscheinlich ausgelöst durch eines der zahlreichen Cheminées. Lakonischer Kommentar der Rezeptionistin: «Ach, das ist normal. Wir haben praktisch jede Woche einen Fehlalarm.» Für die Köche am Gasherd ist das weniger lustig: Das Gas stellt aus Sicherheitsgründen jeweils sofort ab. Kurze Zeit später riecht es in der Lobby wie in einer Fritteuse. Offenbar existieren auch Probleme mit der Lüftung, aber schon eine halbe Stunde später ist der penetrante Geruch weg.

Unter den Gästen im Hotel hat es viele Schweizer, Europäer aus den Nachbarländern, ein paar Asiaten – meist Paare zwischen 35 und 65 Jahre alt. «Wir wollten nach Kitzbühel und Gstaad einmal einen neuen Skiort kennenlernen», heisst es am Nebentisch. Dass am Sonntagmorgen quengelnde Kinder die Ruhe stören, ist nicht der Fehler des Luxusresorts, sondern der Eltern, die nicht realisiert haben, dass Kleinkinder im «Chedi» unpassend sind. Mehrere Punkte gibt es im Service zu bemängeln: Erstens arbeiten Angestellte, die nur Deutsch und Italienisch sprechen. Zweitens dauert es lange, bis benützte Teller weggetragen oder Bestellungen entgegengenommen werden, worüber sich ein älteres Ehepaar prompt mokiert. Und drittens sind verschiedene Speisen wie Käse, aber auch wunderbare Macarons hinter einer Glasscheibe platziert. Wer davon kosten möchte, muss einen Koch fragen. Nur ist dieser gleichzeitig mit der Zubereitung von Speisen beschäftigt; der Gast muss sich in Geduld üben. Die zum Red Curry bestellte Gemüsebeilage geht ebenso vergessen wie die Sojasauce zu den Dumplings.

Herausragend sind der 35 Meter Indoorpool (der um 21 Uhr schliesst), Saunen, Dampfbäder, ein weiteres Hallenschwimmbad mit unterschiedlich temperiertem Wasser. Da kann man vom auf 42 Grad aufgeheizten Becken in ein 18 Grad kaltes wechseln. Pfarrer Kneipp hätte seine helle Freude. Kritikpunkt: Um den Indoorpool hat es zu wenig Liegeflächen. Am Samstagnachmittag gab es Paare, die an einem Tisch warteten, bis ein Platz frei wurde, um sich auf den Liegebetten auszuruhen.

Der Fitnessraum ist mit Kraftmaschinen und Laufbändern ausgerüstet. Eine sympathische Andermatterin erklärt, wo sich die schönsten Joggingstrecken in Andermatt befinden – nach Realp etwa oder für Anspruchsvolle zum Nätschen, der sich auf über 1800 Meter rund 400 Meter oberhalb von Andermatt befindet.

Kurz: Das Chedi, das erste Hotel der Kette GHM in Europa, setzt in der Schweizer Hotellerie neue Massstäbe. Erstaunlich ist, dass über acht Wochen nach der Eröffnung so viele Arbeitsabläufe noch nicht funktionieren. Trotzdem muss man das Haus, das in den nächsten Wochen fast jedes Wochenende ausgebucht ist, unbedingt gesehen haben. Wem die Übernachtung zu teuer ist, soll sich das Frühstücksbuffet für 40 Franken gönnen. Auch morgens stehen asiatische Speisen zur Auswahl, was ganz zum Stil dieses aussergewöhnlichen Hauses passt.

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