19. März 2020

Daniel Koch rät: durchatmen, keine Angst haben, Massnahmen befolgen

Der Ausnahmezustand wegen des Corona-Virus dürfte in der Schweiz noch mindestens bis Ende Mai anhalten, sagt Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit. Auch eine weitere Verschärfung der Massnahmen schliesst er nicht aus.

Daniel Koch
Daniel Koch (64) ist Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit in Bern. (Bild: Simon Tanner)

Mit 64 Jahren gehören Sie zur Risikogruppe bezüglich Corona-Virus. Wenden Sie Ihre eigenen Massnahmen konsequent an?

Offiziell werde ich erst etwa in einem Monat zur Risikogruppe gehören (lacht). Aber es ist für mich absolut kein Problem, die Massnahmen zu befolgen. Ich lebe allein, und wenn ich meine Töchter oder Freunde besuche, kann ich gut Abstand halten.

Aber soziale Distanz zu wahren, dürfte in Ihrer Position derzeit nicht ganz leicht sein, oder?

Doch, doch. Wenn die Leute mich sehen, haben sie offenbar sofort den Reflex, mir nicht die Hand zu geben. Es ist echt nicht schwierig.

In unserem Teil der Welt hat es einen solchen Ausnahmezustand noch nie gegeben. Dennoch scheint die Mehrheit recht gelassen …

Ja, abgesehen von ein paar Hamsterkäufen gibt es keine Anzeichen, dass die Ängste überborden.

Aber auch die gibt es bei einigen Menschen. Wie lässt sich verhindern, dass daraus Panik wird, wenn die schwierige Lage länger anhält und noch schärfere Massnahmen ergriffen werden?

Es ist normal und gut, dass man vor dieser Epidemie Respekt hat. Aber Angstgefühle helfen in solchen Situationen nicht – und sie sind auch nicht nötig. Es reicht, die Lage ernst zu nehmen und sich an die Massnahmen zu halten. Panik entsteht, wenn viele Leute ganz plötzlich starke Ängste haben. Das müssen wir unbedingt verhindern, deshalb informieren wir regelmässig und orientieren darüber, was zu erwarten ist und was nicht.

Was erwarten Sie nicht?

Dass sehr viele Leute schwer krank im Bett liegen. Die meisten werden nur leicht erkranken. Lediglich für die Risikogruppe ist das Virus gefährlich, und wenn wir uns alle engagieren, können wir sie durchaus effektiv schützen. Entscheidend ist: Abstand halten und Hygieneregeln befolgen.

In der Schweiz wird mit Sicherheit niemand verhungern.

Sind Sie zufrieden mit der Art und Weise, wie die Grossverteiler mit der Lage umgehen?

Sehr. Wir haben schon vor Wochen begonnen, mit dem Detailhandel Gespräche zu führen, um auf diese Situation reagieren zu können. Das hat sich bewährt: Alle sind gut vorbereitet. Die leeren Regale in einigen Läden sind primär eine logistische Herausforderung und kein Versorgungsproblem. In der Schweiz wird mit Sicherheit niemand verhungern. Die Lebensmittelläden werden garantiert immer offen sein, und es werden immer genug Waren vorhanden sein.

Müssten aus Ihrer Sicht noch mehr Massnahmen ergriffen werden, etwa Einschränkungen beim Offenverkauf?

Nein, das ist nicht nötig.

Sind Desinfektionsmittel beim Eingang von Läden sinnvoll?

Ja, das haben wir auch so empfohlen. Hände desinfizieren oder waschen ist eins der wirksamsten Mittel, um die Übertragung zu verhindern.

Muss man sich Sorgen machen, dass irgendwelche Produkte irgendwann doch knapp werden?

Nein. Natürlich könnte es sein, dass ein Spezialprodukt mal nicht geliefert werden kann. Aber die Versorgungslage der Schweiz ist ungefährdet.

Es gibt wohl bald neue Methoden, die eine Ausweitung der Tests ermöglichen.

Gibt es schon verbindlichere Zahlen über die Sterberate durch Corona?

Die wird es erst in ein paar Jahren geben. Weil die Fälle überall anders gezählt werden und teils schlicht nicht vollständig bekannt sind, zeigen sich enorme Unterschiede. Entscheidend ist, dass eine möglichst geringe Zahl an Menschen schwer erkrankt: Je weniger Leute im Spital landen, desto besser kann man sich um die Einzelnen kümmern und desto weniger sterben.

Aber wir müssen uns darauf einstellen, dass es mehr Ansteckungen und mehr Tote geben wird – trotz aller Massnahmen. Richtig?

Das ist so. Neu ergriffene Massnahmen wirken sich zudem erst etwa eine Woche später aus.

Hätte die Schweiz schon früher mehr unternehmen müssen?

Die Behörden jedes Landes müssen so kommunizieren, wie es ihrer Bevölkerung entspricht. In der Schweiz ist es gelungen, früh ein Zeichen zu setzen durch das Veranstaltungsverbot für mehr als 1000 Personen. Da haben alle realisiert, dass etwas Ernstes auf uns zukommt. Die graduelle Ausweitung der Massnahmen wurde dann gut akzeptiert – das wäre kaum der Fall gewesen, wenn wir sie von Anfang an so verfügt hätten.

Experten kritisieren, dass die Schweiz nicht mehr alle Corona-Fälle testet – anderswo habe das zur Eindämmung beigetragen.

Innerhalb von Europa ist die Schweiz wohl das Land, das pro Kopf die meisten Tests durchführt – derzeit sind es rund 2000 pro Tag. Wir haben umgestellt, weil es durch die verstärkte schnelle Ausbreitung mit den vorhandenen Mitteln gar nicht mehr möglich war, alle Fälle zu testen. Ziel ist immer, die beschränkten Ressourcen möglichst effektiv einzusetzen. Aber es gibt wohl bald neue Methoden, die eine erneute Ausweitung der Tests ermöglichen.

Könnte es bei einer weiteren Eskalation auch noch zu Einschränkungen der Bewegungsfreiheit kommen wie in anderen europäischen Ländern? Wären gar Abriegelungen ganzer Gebiete denkbar?

Der Bundesrat wäre bestimmt bereit, noch weitergehende Massnahmen zu treffen, falls dies nötig und sinnvoll wäre. Auch Abriegelungen lassen sich nicht ausschliessen.

Viren
Das Corona-Virus versetzt die Welt in einen Ausnahmezustand. (Bild: Russel Kightley/Science Photo Library/Keystone)

Alle Länder machen irgendwas, alle ein bisschen anders. Wer macht es gut? Wer nicht?

Schwierig sind Massnahmen, die nichts bewirken und nur ergriffen werden, weil sie einfach sind und einem anderen Zweck dienen.

Etwa das US-Einreiseverbot für Europäer?

Die Zahl der Infektionen in den USA wird dadurch jedenfalls nicht zurückgehen. Dafür richtet das Verbot grossen Schaden bei Fluggesellschaften und beim Tourismus an. Insgesamt finde ich es allerdings noch zu früh, Vergleiche zwischen den Ländern zu ziehen. Hingegen ist es wichtig, nützliche Erkenntnisse von anderen bei uns so gut wie möglich anzuwenden.

Wie lange wird der derzeitige Ausnahmezustand anhalten?

Prognosen sind schwierig, aber wir haben eine Grobplanung: Wie bei allen Epidemien ist irgendwann der Höhepunkt erreicht; anhand der Zahlen in Asien dürfte dies in der Schweiz zwischen Mitte und Ende April der Fall sein. Und Ende Mai wäre dann das Gröbste vorbei.

Auch weil es dann wärmer wird?

Das könnte einen gewissen Effekt haben. Aber auch das wissen wir noch nicht so genau.

Evolutionär betrachtet, ist es für ein Virus nachteilig, zu tödlich zu sein.

Das Virus ist zwar ansteckend, aber weniger tödlich als andere Infektionskrankheiten. Ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein Virus auftaucht, das erheblich tödlicher ist?

Eine schwierige Frage. Tatsächlich haben wir Glück, dass das Virus für die breite Bevölkerung eher harmlos ist. Es ist wahrscheinlich, dass es auch einmal Viren mit anderen Eigenschaften geben wird. Evolutionär betrachtet, ist es für ein Virus aber nachteilig, zu tödlich zu sein. Es will sich ja verbreiten – und das kann es nur, wenn es nicht zu viele Wirte umbringt.

Denken Sie, dieses einschneidende Ereignis könnte Nachwirkungen haben: auf die Globalisierung, auf Handelsketten, Reisen?

Solche Ereignisse haben meist eine gesellschaftliche Wirkung – es bleibt zu hoffen, dass es eine eher positive ist. Der globale Reisestopp und seine erfreulichen Auswirkungen auf das Klima führen vielleicht dazu, dass man das Reisen auch später stärker hinterfragt und einen klimaschonenderen Umgang damit findet. Ein wichtiger Grund für die rasche Ausbreitung des Virus ist aber schlicht, dass es heute so viele Menschen gibt.

Es wird immer hervorgehoben, wie ruhig Sie bei Ihren Auftritten wirken. Ist das eine Charakterfrage?

(Lacht) Ich habe einige Erfahrungen im Umgang mit Krisen, das hilft sicherlich. Ansonsten bin ich aber ein ganz normaler Mensch und durchaus nicht immer entspannt.

Was raten Sie den Leuten, damit sie ruhig bleiben?

Erst mal: durchatmen, keine Angst haben, sich nicht von den sozialen Medien aus der Ruhe bringen lassen. Aber die Situation ernst nehmen und die Massnahmen befolgen.

Sie wollten eigentlich im Frühling in den Ruhestand gehen – verschieben Sie das jetzt noch, bis die Corona-Gefahr gebannt ist?

Das hängt ja nicht nur von mir allein ab. Aber ich werde bestimmt nicht mitten in der Krise einfach verschwinden.

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