19. Februar 2018

Daddy cool

Bänz Friedli war beeindruckt. Hier kannst du dich mit anderen Lesern austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Auf der Piste ...
Lesezeit 2 Minuten

Der Mann am Nebentisch steckte in einer dunkelblauen Winterjacke, darauf das Emblem des «Ski and Snowboard Club Vail, Colorado». Behäbig war er, und seine Erscheinung spottete dem sportlichen Schnitt der Jacke. Ein Bär von einem Mann. Gerade hatte er sich einen Pulled Chicken Burger schmecken lassen, mit zerrupftem Hühnerfleisch.
«Ist Ihr Sohn auch gefahren?», fragte er mich nun auf Amerikanisch, und ich musste lachen. Nein, wir seien zufällig hier, antwortete ich, und wir würden snowboarden, nicht Ski fahren. Auf dem Jakobshorn wars, vor einigen Wochen. Draussen war soeben ein Lauf der Junioren-Skiweltmeisterschaft zu Ende gegangen. Und jetzt, da auf allen Kanälen über Olympia berichtet wird, muss ich immerzu an den Kerl in der blauen Jacke denken. An seine Gelassenheit.

«Teilnehmen ist wichtiger als Siegen», soll Pierre de Coubertin gesagt haben, der die Olympischen Spiele neu begründete. Und alle wiederholen sie es brav, wenn sie einen siebenundzwanzigsten Rang kommentieren müssen, doch ihr Gesichtsausdruck straft die Aussage Lügen. Nur die Medaillen zählen, seien wir ehrlich. Und viel schlimmer als der Druck, den die Athleten sich selber machen, muss derjenige sein, den eine ganze Nation auf sie ausübt. Und das Allerschlimmste, stelle ich mir vor, ist der Druck ehrgeiziger Eltern.

Den Mann aus Colorado traf ich beim Mittagessen im Bergrestaurant, man sah von dort auf die steile Rennpiste. Ich hatte zuvor ein bisschen zugeschaut, wie die ­Jünglinge durch die Tore flitzten – und daran ­vorbei. Nach einer Kuppe war ein Tor so perfid gesteckt, dass die Hälfte der Teil­nehmer es ­verpasste. Sie taten mir leid. Da sind sie aus Kanada, Slowenien, Norwegen ­angereist … Und dann rasen sie im wichtigsten Rennen ­ihres Lebens an einem Tor vorbei.

Der Bär in der blauen Jacke müsse ein Servicemann sein, dachte ich mir, ein Betreuer. Doch dann raunte er in aller Ruhe: «Mein Sohn ist Zweiter geworden.» Hey, da hat sein River – so heisst der Sohn, wie ich später der Rangliste entnahm – eben die Silber­medaille errungen: Vizeweltmeister! Und der Dad ist keineswegs aus dem Häuschen, macht kein Riesentamtam, kein ­Geschrei. Nicht freudlos erwähnt er es, aber beiläufig. So belastet ich mir das Leben als Spitzen­sportler auch vorstelle – wenn man ­einen ­Daddy wie River hat, ist es bestimmt ­erträglicher.
Und sollte im Weltcup dereinst Rivers Name auftauchen, werde ich an seinen Vater denken: «Meiner ist Zweiter geworden.» Sprachs, als wärs die grösste Nebensache der Welt. Und genau das sollte der Sport doch sein: eine schöne Nebensache. 

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 28.2. Horw LU, 2.3. Utzenstorf BE

Bänz Friedli

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