01. Juni 2018

Da ist nicht bloss Dunkelheit

Die Therapeutin Verena Albiez und der Pfarrer Jürg Spielmann sind blind, Konditor Fredy Andermatt ist stark sehbehindert. Alle drei mussten ihr Leben wegen ihrer Behinderung komplett umkrempeln. Mit viel Zuversicht und Unterstützung haben sie es geschafft, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben.

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Weil ihre Sehkraft stark eingeschränkt ist oder sie blind sind, können 325 000 Menschen in der Schweiz diesen Artikel nicht oder nur mit einer Lupe entziffern. Was, wenn die Augen fast oder überhaupt kein Licht mehr wahrnehmen? Verena Albiez, Jürg Spielmann und Fredy Andermatt haben sich einst – wenn auch schon damals nur sehr eingeschränkt – im Spiegel gesehen. Sie wissen, wie bunt eine Frühlingswiese voller blühender Blumen
ist, und erinnern sich daran, wie es war, als sie das Sonnenlicht noch blendete. Sie widerspiegeln damit, was vielen Sehenden nicht bewusst ist: Die Mehrheit der Betroffenen in der Schweiz erblindet erst durch
eine Krankheit.

Der Pfarrer: «Die Stimme erzählt mir viel vom Wesen»

Pfarrer Jürg Spielmann

Jürg Spielmann (54) arbeitet seit einem Vierteljahrhundert für die reformierte Landeskirche, seit 13 Jahren als Pfarrer in Bülach ZH. Auf Schritt und Tritt begleitet von der dreijährigen Labradorhündin Alegra. Sie ermöglicht Spielmann Mobilität und damit Freiheit. Und sie erleichtert soziale Begegnungen, wie er erklärt: «Der Blindenstock wirkt eher trennend, Alegra hingegen ist eine Sympathieträgerin.»

Selbständigkeit und Mobilität sind Spielmann wichtig: Der Seelsorger besucht regelmässig Mitglieder seiner Gemeinde zu Hause, wenn sie über Leben, Glauben oder Eheprobleme sprechen möchten. Bei der Vorbereitung der Gottesdienste ist für ihn die Technik ein Segen: Er muss sich nicht mehr von einer Hilfsperson in die Bibliothek begleiten lassen, sondern kann auch als Blinder googeln. Ein Mal pro Woche sitzt Spielmann mit seiner Pfarramtsassistentin zusammen. Sie hilft, Arbeitsblätter für Vorträge oder den Konfirmationsunterricht zu gestalten – was ihn allein, trotz diverser Assistenzprogramme, Tage kosten würde.

Jürg Spielmann

Arbeiten bedeutet für Jürg Spielmann grosse Konzentration – pausenlos. Um nicht ständig abhängig zu sein, muss er sich etwa merken, wo er den Stuhl zuletzt hingestellt hat. Erinnert er sich nicht mehr, wo er dieses oder jenes hingelegt hat, tastet er sich im schlimmsten Fall durch den Raum. «Wenn der Tag 16 Stunden lang wird, merke ich mit zunehmendem Alter, dass diese permanente Konzentration aufs kleinste Detail an den Kräften zehrt.»

Spielmann ist in Speicher AR aufgewachsen und war seit Geburt stark sehbehindert. Mit fünf Jahren erblindete er komplett. «Ich sehe gar nichts. Es ist nicht hell, es ist nicht dunkel. Es ist nichts», sagt der verheiratete, zweifache Vater. Von seinen Mitmenschen nimmt er zuerst die Stimme wahr: Zwischen 25 und 55 Jahren tönten Stimmen ähnlich. Wortwahl, Inhalt und Ausstrahlung in der Stimme seien bei Jüngeren jedoch anders als bei Älteren: «Die Stimme erzählt mir viel über das Wesen. Der Duft und der Händedruck sind weitere Elemente, die ich zu einem Gesamteindruck zusammenfüge.»

Seine Mutter hat ihm stundenlang aus Büchern vorgelesen, sein Vater lehrte ihn schwimmen und Ski fahren, die Geschwister nahmen ihn mit in die Badi und in den Ausgang. Jürg Spielmann ist bis heute dankbar dafür. Und er ist überzeugt, dass er vom Himmel viel Kraft fürs Leben erhalten hat. «All das hat mich motiviert, Pfarrer zu werden.» Er will das weitergeben, was er von oben bekommt, und anderen helfen: «Es ist eine schöne Erfahrung, nicht nur Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern Hilfe weiterzugeben. Das gibt dem Leben einen grossen Sinn.»

Doch wieso wollte Gott, dass Jürg Spielmann blind ist? «Es ist offenbar so gedacht, weil ich gerade als blinder Mensch Dinge erfahre, die mir als Sehender verschlossen blieben.» So gebe er nicht behinderten Menschen viel Hoffnung, wenn sie erkennen, dass auch jemand unter diesen Bedingungen positiv durchs Leben gehen könne.

Der Konditor: «Herumsitzen macht mich depressiv»

Fredy Andermatt

Für Fredy Andermatt (57) aus Muri AG beginnt der Feierabend Ende April 2003 wie jeder andere: Er kommt nach Hause und schaut als Erstes auf Teletext kurz die Fussballresultate nach. Doch er kann die Zahlen und Buchstaben plötzlich nicht mehr lesen. Makuladegeneration heisst der Befund der Ärzte, eine Erkrankung der Netzhaut. Andermatt ist erst 42. Normalerweise tritt die Krankheit erst nach dem fünfzigsten Lebensjahr auf.

Andermatt fällt in ein Loch. Es scheint ihm plötzlich unmöglich zu sein, seinen Beruf als Konditor weiter auszuüben. Seine acht Brüder und Schwestern kümmern sich um ihn und sorgen für eine neue Tagesstruktur, im Gegenzug springt er als Babysitter für die Neffen und Nichten ein. «Nach dem ersten Schock ging es psychisch wieder aufwärts», erinnert er sich. Gut ein Jahr nach der Diagnose ruft ihn ein Kollege an. Er suche einen «Pastry Chef», einen Konditormeister, im noblen Mandarin Oriental Hotel in der philippinischen Hauptstadt Manila. Ob das nicht etwas für ihn wäre? «Ich sagte zu, informierte den Kollegen aber über meine Augenprobleme. Wenn der Arbeitsort gut ausgeleuchtet ist, sehe ich etwas besser. Deshalb hat das Hotel für mich Scheinwerfer aufgestellt.»

Auch heute noch sitzt beim Profi jeder Handgriff in der Backstube, obschon sein Augenlicht zu schwach zum Lesen ist. «Die Ärzte sagen, dass ich auf dem linken Auge noch eine Sehleistung von drei, auf dem rechten Auge von vier Prozent habe.»

In früheren Jahren tingelte Fredy Andermatt aus beruflichen Gründen um die halbe Welt. Nach diversen Stationen in der Schweiz arbeitete er in Nigeria, Ghana und Saudi-Arabien. Dann zog es ihn weiter auf die hohe See; auf den luxuriösesten Schiffen kreuzte er als Zuckerbäcker durch die Weltmeere.

Heute berät Andermatt weltweit Firmen, wenn es um Süsses geht. Über 160 Länder hat er schon besucht. Den Mut, sich aufzumachen in ein fremdes Land, hat er auch mit stetig nachlassendem Augenlicht nicht verloren. An den Flughäfen werde er von Assistenten geführt. Einmal angekommen, ist er auf sich selbst gestellt. Er habe sich Orientierungtricks angeeignet: «Wo ich mich nicht auskenne, merke ich mir auffällige Gebäude, weil ich Strassenschilder nicht mehr lesen kann», sagt Andermatt. Kürzertreten kommt trotz der starken Behinderung für ihn nicht infrage. «Wenn ich nichts mehr erreichen kann und nur noch zu Hause herumsitze, werde ich depressiv.»

Alle drei Monate geht er in die Augenkontrolle und bekommt Spritzen, die dafür sorgen sollen, dass die Sehkraft möglichst nicht noch weiter nachlässt. Seit drei Jahren hat er neben der Arbeit einen weiteren Grund, gut zu seinem letzten Sehrest zu schauen: Über die Netzwerk-Plattform LinkedIn hat er seine Frau Marina (43) kennengelernt. Sie war Direktorin eines Unternehmens im Bereich Gastro- und Hotelmarketing in Moskau. Ende April 2017 haben sie geheiratet.

Die Physiotherapeutin: «Ich bin nicht sicher, ob ich wieder sehen möchte»

Verena Albiez

Vor rund 20 Jahren besucht Verena Albiez (47) aus Langenthal BE einen Französischsprachkurs. Als sie am Abend heimkommt, fällt ihr ein schwarzer Fleck in ihrem Blickfeld auf. Am nächsten Morgen ist es plötzlich ein Meer von schwarzen Flecken. Der Arzt meint, die Frau bilde sich das nur ein, und schickt sie nach Hause. Bei einer erneuten Konsultation wird klar: Verena Albiez’ Netzhaut löst sich ab.

Von Geburt an hatte Albiez nur rund 15 Prozent Sehleistung. Mit den schwarzen Flecken kam die endgültige Erblindung. «Ja, das sind so Geschenke des Lebens», sagt sie.

Aber das Sehen sei irgendwann nicht mehr wichtig. Mehr noch: «Ich bin nicht sicher, ob ich wieder sehen möchte, wenn das die Wissenschaft ermöglichen könnte.»

Der Anfang nach dem kompletten Verlust des Augenlichts war allerdings schwierig. Albiez musste ohne Vorbereitungs- oder Verarbeitungszeit jeden Schritt im Alltag neu lernen: vom Bedienen der Kaffeemaschine über den Weg zum Augenarzt bis zum Gehen mit dem Blindenstock. Ihren Bürojob gab sie auf und liess sich zur Physiotherapeutin ausbilden. Sie schätze es, in einem Land zu leben, wo sie integriert sei und einen interessanten Beruf ausüben könne: «Selbstverständlich muss ich mit mir im Reinen sein. Sonst könnte ich nicht täglich mit meiner Behinderung Patienten begegnen.»

Seit 2003 arbeitet Verena Albiez für das Spital Region Oberaargau, seit 2008 als Bereichsleiterin Physiotherapie in Herzogenbuchsee BE. Den Arbeitsweg legt sie, begleitet von ihrem Hund Tarek (4), mit dem Ortsbus zurück. Tarek ist schon ihr dritter Blindenführerhund. Frauchen kennt seine Mätzchen: «Er ist ein Schlitzohr und geht manchmal andere Wege als gewohnt. Trotzdem ist er ein sehr Guter», sagt Albiez.

Verena Albiez

Wenn sie sich vorstelle, lasse sie die Patienten wissen, dass sie nichts sehe. Wenn sie aber das Wort blind verwenden würde, würde das negative Gefühle auslösen: «Viele hätten dann Mitleid mit mir, das kann ich nicht brauchen.» Denn in der Physiotherapie müsse sie gemeinsam mit den Patienten Probleme lösen. Sie stehe gern in Kontakt mit Menschen. Sie zu begleiten, sei immer auch ein Geschenk. Verena Albiez bewegt sich mit Vergnügen, nicht nur im Beruf, auch in der Freizeit – als Standard- oder Tangotänzerin.

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