16. November 2017

Inspector Doyle und das letzte Vaterunser

Die Buchrezension: Wenn im Nähkreis nicht genäht wird …

Lesezeit 1 Minute
Cyrus Doyle und das letzte Vaterunser (Bild: PD/Exlibris)

«Nichts deutete auf den ungewöhnlichen Vorfall hin, der sich in weniger als fünf Minuten mitten im Zentrum von Guernseys Hauptstadt ereignen sollte.»
So lautet der erste Satz in Jan Lucas neustem Kriminalroman Cyrus Doyle und das letzte Vaterunser.

Chief Inspector Cyrus Doyle wird mitten auf der Strasse von einem Fremden um Hilfe gebeten, ja regelrecht angefleht. Der Unbekannte sinkt vor Doyle auf die Knie und ruft mit verzweifeltem Blick «Haro! Haro! Haro! A l’aide, mon Prince, on me fait tort.» Dieses «Hör mich an, komm mir zu Hilfe, mein Prinz, weil mir ein Unrecht angetan wird» bezeichnet einen sogenannten Clameur de Haro, ein altes, nicht mehr gebräuchliches, normannisches Recht, das auf den Kanalinseln üblich war, als diese noch zum Herzogtum Normandie gehört hatten, und mit dem sich einer, dem Unrecht getan wurde und der keine andere Möglichkeit mehr sah, mit der Bitte um Hilfe und Aufschub an seinen Prinzen wandte. Ein Recht, das, wie der Buchtitel schon vermuten lässt, häufig auch als das letzte Vaterunser bezeichnet wurde.

In diesem Falle kniete vor Doyle «Julian Prideaux, der unglücklichste Mann auf der ganzen Insel», denn sein Sohn wurde wegen Mordes verurteilt. Unschuldig. Auch wenn ein Clameur de Haro heutzutage niemanden mehr zu irgendetwas verpflichtet, sieht sich Doyle gewissermassen genötigt der Sache auf den Grund zu gehen und schliesslich den Fall neu aufzurollen.

So dramatisch das Buch beginnt, so lasch geht es dann erst einmal weiter. Doyle und seine Kollegin Pat, die er vor 22 Jahren seiner Karriere zugunsten hat sitzen lassen und an die er nun sein Herz erneut verloren hat, machen sich auf die Suche nach dem wahren Täter. Bis Seite 109 plätschert die Geschichte gemächlich vor sich hin, ohne dass etwas Nennenswertes passiert. Einzig der Verdächtige in zwei lapidaren Einbruchsdiebstählen geht den Ermittlern durch die Lappen. Das nächste Spannende findet sich erst auf Seite 210. Man kann sagen, alle hundert Seiten ein kleines Highlight, dazwischen sanftes Rauschen im Buchseitenwald, das einen Krimifetischisten nicht gerade aus dem Lehnstuhl haut. Gegen Ende, wenn das meiste, eher Unspektakuläre, bereits aufgeklärt wurde, wird es doch noch einmal rasant und brenzlig. Dann nämlich, als Pat, wenn auch nicht für lange, spurlos verschwindet, weil sie herausbekommt, wer die Leiterin eines gewissen ominösen Nähkreises ist. Und dann steht es auch kurz auf Messers Schneide, ob Doyle sie noch rechtzeitig finden und retten kann.

Was Lucas‘ Krimis besonders machen, ist der Schauplatz: die Kanalinsel Guernsey. Gyernsey, eine Insel zwischen französischem Savoir-vivre der Vergangenheit und britisch-versnobter Realität. Doyle wurde im Vorgängerkrimi Cyrus Doyle und der herzlose Tod von London nach Gyernsey zurückbeordert und darf nun die Liebe des Autors zu dieser Insel, wo sich selbiger gerne immer wieder aufhält, ausleben. Lucas‘ liebevolle Beschreibungen der Insel machen Lust darauf, in Kürze selbst einmal hinzureisen. Und auf der Überfahrt mit der Fähre würde sich zur Einstimmung dieser Krimi bestimmt ganz gut machen.


«Cyrus Doyle und das letzte Vaterunser» bei ExLibris

Autor: Jan Lucas

Verlag: atb (Aufbau Taschenbuch)

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