17. August 2017

Cybermobbing: In der Anonymität lauert die Gefahr

Die Social-Media-Plattform Sarahah ist umstritten: Das Tool für konstruktive Kritik wird von Jugendlichen für Hassbotschaften und Mobbing genutzt - weil die Botschaften anonym verschickt werden.

Jugendliche sind besonders betroffen von Cybermobbing
Jugendliche sind besonders betroffen von Cybermobbing. Eltern sollten sie deshalb beim Umgang mit Apps begleiten.
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Dem Chef einmal so richtig die Meinung sagen – ohne Konsequenzen, weil die Botschaft ­anonym gesendet wird. Oder dem Schwarm eine Liebeserklärung schicken, ohne dass dieser weiss, von wem sie stammt. Für viele eine unwiderstehliche Vorstellung.

Dies realisierte auch der Saudi Zain al-Abidin Tawfiq und entwickelte daraufhin die App Sarahah (zu deutsch: Aufrichtigkeit). Eigentlich sollte sie ermöglichen, Chef oder Kollegen anonyme Kritik zu übermitteln. Schnell jedoch weitete sich das Anwendungsgebiet auf Freunde aus. Auf der Website der App heisst es, man könne «ehrliches Feedback von Kollegen und Freunden einholen, aber auch Liebesbekundungen machen sowie Tipps und den neuesten Tratsch austauschen».

Die App, die es seit November 2016 gibt, löste auf der ganzen Welt einen Hype aus: Über 300 Millionen Nachrichten wurden laut dem Entwickler bereits verschickt. 20 Millionen Menschen, vor allem Jugendliche, besuchen sie täglich – jedoch nicht, um Kritik am Chef zu üben, sondern in erster Linie für Beleidigungen und Cybermobbing.

Dies geschieht indes gar nicht so anonym, wie die meisten denken, erklärt die Medienpädagogin Sharmila Egger: «Auch bei Sarahah ist das Konto mit der IP-Adresse verknüpft, und die kann man strafrechtlich verfolgen.»

Generell hat das Cybermobbing stark zugenommen – und die Opfer werden immer jünger, weil schon ab der dritten Primarstufe übers Smartphone gechattet wird.

Hast du schon Cybermobbing erlebt?

Man darf nicht zu viel Angst haben vor neuen Apps

Sharmila Egger
Sharmila Egger (35) ist Psychologin und arbeitet als Medienpädagogin bei «zischtig.ch», einem Verein für Medienbildung und Prävention von Onlinegefahren.

Die App Sarahah war zu Beginn nicht erfolgreich, weil man nur den Chef kritisieren konnte. Erst mit dem Friends-Feature klappte der Durchbruch. Ist da Mobbing nicht vorprogrammiert?

Das kann vorkommen. Mit neuen Anwendungen wird immer auch Unfug getrieben. Früher haben wir dasselbe mit dem Festnetztelefon gemacht. Kritik und Komplimente direkt aussprechen zu können, ist eine wertvolle Fähigkeit. Die Anonymität ist nur hilfreich, wenn man etwas zu verbergen hat. Ich glaube aber nicht, dass Cybermobbing durch eine solche App aktiv gefördert wird. Es gibt auch so genügend Möglichkeiten, um jemandem böse Nachrichten zu schicken.

Welche Konsequenzen hat Cybermobbing?

Es schliesst aus und kann traumatisieren. Die Betroffenen ziehen sich aus dem sozialen Umfeld zurück, von der Familie oder von Freunden. Das Selbstwertgefühl nimmt ab, nicht selten sind Krankheiten die Folge. Die Familie kann die Betroffenen wieder auffangen – falls dies nicht gelingt, bieten wir professionelle Hilfe an.

Gibt es bei Sarahah auch Vorteile?

Wenn das Feedback konstruktiv ist, auf jeden Fall – wir alle sind zur Quali­tätssicherung auf Inputs angewiesen. So möchte ich Eltern zeigen, dass eine solche App nicht nur Gefahren mit sich bringt, sondern durchaus praktisch sein kann, wenn sie adäquat genutzt wird. Man darf nicht zu viel Angst haben vor neuen Apps.

Ist der Hype um Sarahah auch in der Schweiz spürbar?

Ich selbst habe ihn noch nicht so stark gespürt. Es gibt aber bereits unzählige Tutorials, die erklären, wie die App funktioniert. Da reicht es dann, wenn ein oder zwei Schüler einer Klasse sie ausprobieren, damit in der Folge die ganze Klasse einsteigt.

Wie kann man sich vor beleidigenden Kommentaren schützen?

Bei Sarahah gibt es die Möglichkeit, einen Kommentar zu melden, der Absender wird dann blockiert. Er kann noch Nachrichten schreiben, sie kommen aber nie an. Generell gilt, sich über die Blockadeoptionen der Apps zu informieren, die man nutzt.

Ist es gefährlich, wenn Kinder Apps nutzen, die Eltern nicht kennen?

Eltern vernachlässigen ihre erzieherischen Pflichten, wenn sie sich nicht für die Apps interessieren, die ihre Kinder nutzen. Das heisst nicht, dass sie jedes Spiel nachspielen müssen. Aber sie sollten sich über die sozialen Netzwerke und Chat-Apps informieren und sich ihnen gegenüber nicht verschliessen. Zudem helfen Verbote wenig, denn so getrauen sich die Kinder nicht mehr, offen darüber zu sprechen.

Wie sollen Eltern das Thema mit den Kindern diskutieren?

Eltern sollen immer wieder Gelegenheiten für ein unaufgeregtes Gespräch schaffen. Strategien, um sich online sicher zu fühlen, sind ein Thema, aber auch die Langlebigkeit von Daten. Eltern können sich zum Beispiel eine App von den Kindern erklären lassen, und gemeinsam kann man herausfinden, welche Datenschutzmöglichkeiten es gibt oder wie man jemanden blockieren kann. Wenn Eltern zusätzlich auf alarmierendes Verhalten der Kinder achten und ihren Instinkten folgen, wird auch diese App kein ­Genickbruch für die heutige Jugend sein – und vielleicht auch schon bald wieder uninteressant.

Warum nutzen gerade Jugendliche so gern Chat-Apps?

Man wirft unserer Jugend gern vor, die direkte Kommunikation verlernt zu haben. Ich möchte sie aber in Schutz nehmen, denn das aktuelle Zeitalter begünstigt ja die digitale Kommunikation. Viele Junge verwenden inzwischen Whatsapp auch, um zu telefonieren. Trotzdem nutzen sie auch noch die klassische Telefonfunktion oder versenden SMS.

Hilfe für Betroffene von Cybermobbing für Eltern und Lehrkräfte.

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