27. April 2020

Corona macht erfinderisch

Läden geschlossen, Restaurants geschlossen – dafür viele offene Fragen zur Zukunft: Gerade Kleinunternehmen mussten in der Coronakrise kreativ werden und neue Geschäftsideen entwickeln. Das Migros-Magazin stellt Menschen vor, die sich und anderen zu helfen wussten. 

Ein Hofladen zu Gast im Blumengeschäft

bis Muttertag kann Lucy Maurer (links) ihr Biogemüse im ­Blumenladen von Judica Altmann in der Berner Altstadt verkaufen.
Noch bis am Muttertag kann Lucy Maurer (links) ihr Biogemüse im Blumenladen von Judica Altmann in der Berner Altstadt verkaufen.

Als Judica Altmann ihren Blumenladen Flair in der Berner Altstadt schliessen muss, verschenkt die Floristin und Bäuerin ihre Bouquets kurzerhand auf der Strasse. Die 51-Jährige kultiviert die Pflanzen auf ihrem Hof in Kerzers FR. «Ich wollte sie nicht wegschmeissen.» Dann überlegt sie mit ihrem Mann, was sie tun sollen. In ihrem Geschäft hatten sie neben Blumen auch selbstgemachte Konfitüre und Sirup verkauft.

Altmanns ist klar, dass nun auch Bauern, die ihre Ware an Märkten verkaufen, um ihre Existenz bangen. Sie wollen helfen. Von Bauern zu Bauern. Und kontaktierten die Gemüseproduzenten Maurer aus Diessbach BE. «Wir boten ihnen an, ihre Ware vorübergehend bei uns zu verkaufen.» Für Maurers ein Glücksfall. «Wir generieren den grössten Teil unserer Einnahmen an Märkten», erklärt die 39-jährige Lucy Maurer. Die Biobauern sind dankbar, dass sie ihre Salate, Radiesli und Zwiebeln noch bis am Muttertag im umfunktionierten Blumenladen anbieten können. «Das motiviert uns weiterzumachen, bis wir am 11. Mai hoffentlich wieder auf die Märkte dürfen.»

Während der letzten Wochen durfte Altmann ihre Blumen nur per Velokurier verkaufen. Die Unterstützung sei riesig gewesen. Eine Stammkundin hat über 20 Sträusse verschickt. Ab sofort darf Judica Altmann die Maierisli, die jetzt Saison haben, den Kunden wieder persönlich in die Hand drücken. «Das ist unbezahlbar.»

Einkaufen im Bergrestaurant

Die Brownriggs haben in ihrem Berggasthaus einen improvisierten Lebensmittelladen eröffnet.
Die Brownriggs haben in ihrem Berggasthaus einen improvisierten Lebensmittelladen eröffnet. Die Dorfbewohner freuts.

«Eggberger Lädeli» steht von Hand geschrieben auf der Kreidetafel am Eingang, daneben steht ein Tischchen mit Desinfektionsmittel. Aus der Lounge-Ecke im Berggasthaus Eggberge ist ein improvisiertes Verkaufslokal geworden. Über 100 Nahrungsmittel bieten Gaby und Andy Brownrigg hier an: Mehl, Zucker, Teigwaren, Milchprodukte, Gemüse und mehr. Erst im vergangenen Frühjahr hat das Paar das Gasthaus auf 1440 m ü. M. gekauft und mit viel Herzblut renoviert. Nach zehn Monaten nun der Lockdown. «Wir hatten fast gleichzeitig dieselbe Idee: Wir machen ein Lädeli», erzählt Gaby Brownrigg. Ihre Idee stellte die 46-Jährige sodann im Berg-Gruppenchat vor, bei dem die meisten der etwa 70 Bewohner von Eggberge mitmachen. Und nach positivem Echo holte sie sofort alle nötigen Bewilligungen ein.

Das autofreie Dorf Eggberge im Kanton Uri ist nur per Luftseilbahn erreichbar. Aktuell fährt diese am Morgen, Mittag und Abend für Einheimische, im Moment mit nur vier statt zwölf Personen pro Kabine. Da soll niemand für eine Milch oder einen Salat extra ins Tal fahren müssen, fanden die Brownriggs. Die Lebensmittel kommen per Bahn hinauf. Die Schwyzerin und der gebürtige Brite verkaufen sie zu Ladenpreisen, wie sie auch in Altdorf unten gelten.

Ihr Lädeli sehen sie als eine Dienstleistung. Das Soziale stehe im Vordergrund. «Wir sind Teil der Gemeinschaft. Und wir haben die Infrastruktur, sind 20 Meter von der Bergstation entfernt und können als Gastrobetrieb alles liefern lassen», so Andy Brownrigg. Ohne Notkredit ginge es aber nicht. «Das Lädeli bringt nur ein bescheidenes Einkommen», sagt Brownrigg, «wichtig ist uns auch, dass wir als Dorftreffpunkt offen bleiben.» Deshalb bietet das Paar jeweils am Freitag zusätzlich Take-away-Gerichte an. Bestellt wird einfach per Berg-Chat.

Masken aus der Massschneiderei

Kurzes Treffen im Atelier: Schneidermeisterin Christine Schönbächler (rechts) und Lehrtochter Andrea Hufschmid nähen Masken im Akkord.
Kurzes Treffen im Atelier: Schneidermeisterin Christine Schönbächler (rechts) und Lehrtochter Andrea Hufschmid nähen Masken im Akkord.

Zehn Stunden am Tag sitzt Christine Schönbächler (59) zurzeit über die Nähmaschine gebeugt und fertigt Gesichtsmasken. Aus Leinen und Baumwolle, in Weiss, Rot, Grün, auf Wunsch auch mit Blümchen oder Karomuster drauf. Normalerweise entwirft und schneidert Schönbächler edle Bekleidung und historische Kostüme nach Mass oder ändert Teile ab. «Aber beim Anprobieren kann der vorgeschriebene Abstand von zwei Metern natürlich nicht eingehalten werden», erklärt sie. Die Schneidermeisterin aus Solothurn durfte wochenlang keine Kunden empfangen. Also stellte sie auf Gesichtsmasken um, und zwar pünktlich zum Lockdown – einer Kundin sei Dank: diese ist Ärztin und hatte der Schneiderin schon in den ersten Wochen der Coronakrise geraten, Masken zu nähen. Welche Eigenschaften diese haben müssen, konnte die Medizinerin auch gleich sagen.

Deshalb sind alle Produkte bei 60 Grad waschbar und haben eine Innenseite aus Leinen. «Dieser Stoff ist ein natürliches Antiseptikum», weiss Schönbächler. Drei Stück kosten zwischen 64 und 79 Franken und werden der Schneiderin quasi von der Maschine weg abgekauft – 900 Stück bislang. Schönbächler kommt knapp nach mit Liefern, obwohl sie seit sechs Wochen produziert, ohne freien Tag, und mit ihr die Lehrtochter sowie ein Schneiderkollege aus Solothurn – jeder für sich im Home-Atelier natürlich.

Die Homepage gesichtsschutz.ch haben Familie und Freunde gebaut, Schönbächlers pensionierter Ehegatte schmeisst den Onlineshop, erledigt Administratives und macht die Auslieferungen. Mit den Einnahmen durch die Masken plus Taggeldern der Ausgleichskasse kommt Schönbächlers Betrieb finanziell nun über die Runden, sie kann die Schliessung des Ateliers verhindern. Und sogar noch einen Franken pro Maske abzweigen. Der geht an die Caritas. «Diese Krise hat eine ganz neue Kreativität freigesetzt», sagt die Schneiderin zwischen Lachen und einem kleinen Seufzer. Und neue Kunden seien auch in Sicht. Eine Gartenzaunfirma hat einen Auftrag angekündigt, «für nach Corona». 

Desinfektionsmittel statt Kafi Schnaps

Urs Hecht (links) liess sich von Sohn Elias überzeugen: Aktuell benötigen die Menschen Desinfektionsmittel dringender als Schnaps
Urs Hecht (links) liess sich von Sohn Elias überzeugen: Aktuell benötigen die Menschen Desinfektionsmittel dringender als Schnaps.

Zuerst zögerte Urs Hecht. Seine im Herbst eingemaischten Äpfel und Birnen von Hochstammbäumen waren eigentlich für hochprozentigen Schnaps in Kaffeequalität gedacht. Sein Sohn Elias überzeugte ihn aber: «Es herrscht Notstand bei Desinfektionsmitteln. Lass es uns selber herstellen – als Hilfe für unsere Region.

Die prämierten Edelfruchtbrände produziert Urs Hecht im luzernischen Gunzwil, vorwiegend für die Gastronomie. Die Krise bedeutet für ihn: rund 80 Prozent Einbussen. Aktuell bereitet er im Brand-Atelier und der Brennerei alles vor, um im Sommer wieder neue Produkte auszuliefern. Einen kleinen Zustupf bekommt er nun durch den Verkauf der Desinfektionsmittel anstelle von Schnaps für Kafi Lutz oder Kafi fertig. «Die Natur zeigt uns auch so, wie wertvoll sie ist», sagt der Brenner, «als Lebensraum, als Ressource für Nahrungsmittel, Fruchtbrände – und eben auch Desinfektionsmittel.» Von der Eidgenössischen Zollbehörde musste der 57-Jährige eine Bewilligung zum Verkauf eines medizinischen Produkts einholen. Dafür wird der Alkohol mit Zusätzen ungeniessbar gemacht.

Auf der Desinfektionsflasche sind die Wirkstoffe aufgeführt: 75% Alkohol aus Früchten, Kampfer, Farbstoff. Mit dem Kampfer, einem ätherischen Öl, hat seine Desinfektionslösung einen leichten Fettanteil und damit einen guten Schmiereffekt an den Händen. Sie riecht leicht nach Frucht, «aber nur einen kurzen Moment lang», schmunzelt Hecht. Das Obst für sein Mittel stammt übrigens ausschliesslich aus einem Umkreis von zehn Kilometern. Und auch die fertige Handdesinfektionslösung soll in erster Linie ein regionales Produkt bleiben, dem Gewerbe und Privaten in der Umgebung dienen. Das liegt Urs Hecht am Herzen.

Kmu hilft Kmus

Oliver Arnoczkys Agentur hat eine Onlineplattform lanciert, die das Stadtzürcher Gewerbe mit seinen Kunden vernetzt
Oliver Arnoczkys Agentur hat eine Onlineplattform lanciert, die das Stadtzürcher Gewerbe mit seinen Kunden vernetzt.

Gutscheine und Online-Verkäufe sind für viele kleine Unternehmen der Rettungsanker in der Coronakrise. Deshalb sind in den vergangenen Wochen in der ganzen Schweiz entsprechende Plattformen entstanden. «Nur für die Stadt Zürich gibts noch nichts», stellte Oliver Arnoczky (51), Inhaber der Zürcher Kommunikationsagentur Update AG , erstaunt fest. Gleichzeitig ächzte ein Kunde der Agentur, der Gewerbeverband der Stadt Zürich, unter coronabedingten Schliessungen seiner Mitglieder: Restaurants, Buchhandlungen, kleine Läden. Einige standen vor dem Aus. «Da wussten wir, was wir zu tun hatten», sagt Arnoczky. Zusammen mit seinen acht Mitarbeitern stellte er innert acht Tagen die Homepage hilf-lokalen-kmu.ch auf die Beine. Dort bieten jetzt Stadtzürcher Gewerbetreibende Ware oder Gutscheine an. Darunter sind Bars, Boutiquen oder Handwerker.

Mit Beginn des Lockdowns waren auch der Update AG gleich mehrere Kundenaufträge weggebrochen: Das Zürcher Opernhaus musste seine Pforten schliessen, das Konzert Theater Bern ebenfalls. Eine Spitalkette legte wegen Corona gleich mehrere Projekte auf Eis. Viele fuhren ihre Onlinekommunikation herunter. Die KMU-Plattform hilft nicht, diese Verluste auszugleichen. «Fürs Erste verdienen wir nichts daran», sagt Arnoczky, «es ist ein Prestigeprojekt, das aber über den Lockdown hinaus Bestand haben soll.» Parallel hat die Agentur Kurzarbeit beantragt sowie einen der raschen Kredite – dieser lagert als eiserne Reserve auf einem Konto. Und doch hilft das KMU mit der Plattform nicht nur anderen KMUs, sondern auch sich selbst. «Jetzt können wir zeigen, dass wir da sind und etwas für unsere Kunden tun», so Arnoczky. In der Hoffnung, dass die Kunden das später mit Treue und Aufträgen verdanken. Irgendwie so, wie das auch mit Gutscheinen funktionert.

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