12. August 2019

Comeback eines Gefühls

Bänz Friedli (54) fühlt sich am «Waldstock»-Openair wie am ersten Gurtenfestival. Hier kannst du dich mit dem Kolumnisten und seinen Leser*innen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Waldstock-Openair
Am Waldstock-Openair in Steinhausen ZG wird Bänz Friedli ganz nostalgisch.

Wir liessen Wunderkerzen an Ballonen steigen, assen Bananen aus dem 3.-Welt-Laden und Chili con Carne, Walter Lietha sang «Bim Vreni», und wir schwelgten unterm Sternenhimmel. Ich war am ersten Gurtenfestival! Friedlich und umweltschonend sollte es sein, Alt und Jung sollten sich begegnen, Einheimische und Weitgereiste. Anfang Juli 1977 fand es statt, das «1. Folkfestival Bern–Gurten», ich war noch ein Kind. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich nicht erst am zweiten Festival dabei war, ein Jahr später. Aber «Ich war am ersten Gurtenfestival» klingt einfach besser.

Nirgends waren Werbebanner zu sehen, man verteilte weder Energydrinks noch Präservative mit Sponsorenaufdruck, es gab keine Verlockungen und keine Verlosungen. Von Ländler bis Soul erklang alles, querbeet. Man war nicht, wie heute, hergekommen, um die eine Band, genauer: den einen Hit der einen Band, zu hören. Vielmehr entdeckte man Musikerinnen und Musiker, von denen man vorher noch nie gehört hatte: die sardische Folksängerin Elena Ledda, den Jazzbassisten Jamaaladeen Tacuma, den Iren Paul Brady, den Cantautore Edoardo Bennato. Ihre LPs stehen noch heute in meinem Regal. Ein Get-together wars, vom Kleinkind bis zur Grossmutter – gemeinsam liess man sich überraschen.

Nun bin ich wieder am ersten Gurtenfestival. Sommer ists, die Sonne geht hinter der Hauptbühne unter, es spielt eine südafrikanisch-italienische Band, deretwegen niemand hergekommen ist, doch aller Arme wogen im Abendlicht. Grossväter und Enkel tanzen. Und niemand zückt ein Handy, alle sind erfüllt vom Augenblick. Das ganze Dorf trifft sich hier, es gibt ein Jassturnier, rare Filme werden gezeigt, ein Zauberer bezaubert Kinder und Eltern, in Bars, die wie Waldhütten aussehen, wird musiziert, gequatscht, gelacht. Welch beglückendes Erlebnis! Und wissen Sie, was? Es ist 2019, dieses Festival findet schon zum 20. Mal statt. «Waldstock» heisst es. Eine beseelte Crew von über 400 Freiwilligen, vorab aus Pfadi, Jungwacht und Blauring, «chrampft» dafür und wacht darüber, dass der Anlass nicht zu gross wird. Alle, von der Seniorin bis zum Teenager, leisten tage- und nächtelang Fronarbeit, schenken Eistee aus, backen Flammkuchen, weisen die wenigen Autos und die vielen Fahrräder ein. Das schönste Festival, das ich je erlebt habe, klein und wunderfein.

Und ich könnte schwören, dass ich wirklich schon am allerersten Gurtenfestival war. Wo sonst hätte ich Ralph McTell «Streets of London» singen gehört? Er war der Star der ersten Ausgabe. Aber das war nicht so wichtig.

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 15. August, Stein am Rhein SH, Theaterfestival «nordArt»

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