19. November 2017

Clean Eating - die unsaubere Form der Ernährung​

Vor ein paar Jahren tauchte vor allem auf Instagram der Hashtag «Clean Eating» in all seinen Spielformen auf. Ob die Aufforderung #eatclean oder #cleaneats hiess – wichtig war, dass der Sender der Bilder damit eines ausdrücken wollte: Hier wird gut selbst gekocht. Und zwar ohne industrielle Hilfsmittel oder Fertigprodukte. Ganz meine Philosophie.

Wunsch nach gesundem Essen
Der Wunsch nach gesundem Essen birgt Gefahren und verkehrt sich oft ins Gegenteil. (Bild Brooke Lark on Unsplash)
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Doch auch Hashtags entwickeln eine gewisse Eigendynamik. Erst werden sie von wenigen verwendet, dann springen immer mehr auf den Hashtag-Zug auf und wollen vor allem eines: Klicks und Aufmerksamkeit – die Währung im Internet für alle, die beeinflussen möchten. Die Beiträge zum Hashtag #eatclean nahmen eine Richtung, die man in ernährungswissenschaftlichen Kreisen mit Besorgnis beobachtete: Viele entwickelten eine sehr rigide Ernährungsform daraus, indem sie auch viele natürliche Lebensmittel aus ihrer Ernährung verbannten und als Gegensatz dazu vieles als giftig einstuften.

Mit manchen Lebensmitteln würde man seinen Körper regelrecht vergiften. Gluten? Weizen? Getreide generell? Nicht «clean». Milchprodukte? Nicht «clean». Fleisch? Nicht «clean». Gekochtes Essen? Nicht «clean». Der Hashtag wurde gekapert von Leuten, die sich vegan oder sogar «raw vegan» ernährten und im Umkehrschluss alles, was tierischen Ursprungs ist, verdammten, also als «not clean» deklarierten. Einige Wellness-Gurus, besonders im angelsächsischen Raum, verdienten sich mit ihren «Reinigungsprogrammen», die zu einer besseren Ernährung, zu besserer Gesundheit, besserem Aussehen, kurz zu einem besseren Menschsein verhalfen, dumm und dusselig.

Da die Ernährungswissenschaft ohnehin nicht reich an evidenzbasierten Erkenntnissen ist, hinterfragte auch niemand diese neue Ernährungsform. Im Gegenteil: In den sozialen Medien hatten die neuen Ernährungshelden Zehntausende von Followern, was für viele den Status als Ernährungsexperte untermauerte. Sollten die hübschen Bilder etwa lügen? Zu gern nur wollen sie in einer Welt, in der eine ganze Reihe von Lebensmitteln industriell schon längst nicht mehr das ist, was sie verspricht vorzugeben, glauben, dass es einfacher und vor allem besser geht.
Doch in der Ideologie des free from («frei von …»), die recht schnell zum «Clean Eating» gehörte, wurden eben auch viele ganz natürliche Lebensmittel verbannt. Die neuen Superstars auf dem Essplan hiessen Kokosöl, Avocado und Quinoa. An denen ist ja prinzipiell auch nichts auszusetzen, und tatsächlich gibt es viele Gerichte, die mit ihnen gut gelingen – und auch fein sind.

Es meldeten sich aber schon bald kritische Stimmen. Fundierte Fakten von Menschen, die sich schon lange mit dem Thema Ernährung auseinandersetzten: von Organisationen, die sich beispielsweise mit Herzkrankheiten auseinandersetzen und die einfach einmal kritisch anmerkten, dass Kokosöl zu einem ungünstigen Cholesterinspiegel beitragen kann.

Auch Kochbuchautoren mischten sich ein. Zum Beispiel die britische Kochbuchautorin Nigella Lawson, die einfach einmal die These «Food is not dirty» («Lebensmittel sind nicht dreckig») in den Raum warf. Prompt folgte, was symptomatisch für unsere Zeit ist: Es regnete Shitstorms. Und zwar nicht in erster Linie von den neuen Darlings der Szene, sondern von deren Jüngern. Sie unterstellten, dass die Etablierten einfach nicht damit leben könnten, dass es andere besser machten. Man unterstellte schlichtweg Neid und Miesepetrigkeit, weil jetzt andere die neuen Helden waren. Und damit prima Kasse machten. Doch das unterstellte kaum jemand.

Mittlerweile ist längst einiges an der schönen Fassade des Trends abgebröckelt. Nicht zuletzt deshalb, weil einige Stars der Szene mit ihren «Meine Ernährung hat mich von Krankheit XY geheilt»-Geschichten schlichtweg entlarvt wurden. So war die Kreislaufkrankheit der Britin Ella Woodward («Deliciously Ella», nach ihrer Heirat Ella Mills) eher pubertätsbedingt und wäre wahrscheinlich auch von selbst verschwunden. Sie sagt heute, dass sie den Begriff Clean Eating nie verwendet habe.

Schlimmer ist das Beispiel einer Wellness-Bloggerin: Der New Yorkerin Jordan Younger, früher als «The Blonde Vegan» erfolgreich (heute auf Instagram als thebalancedblonde ), fielen irgendwann die Haare aus. Ihre Ernährung war recht eingeschränkt, denn sie verzichtete auf so ziemlich alles: natürlich auf Fleisch und alles Tierische, aber auch auf Hülsenfrüchte, Öle, Getreide und Zucker. Als «raw vegan», als Vegane Rohköstlerin, hatte sie viele Fans und verkaufte ihr Programm zur «Reinigung» von all dem «Dreck» an Lebensmitteln mehr als erfolgreich. Doch dann wurde bei ihr Orthorexia festgestellt (als Krankheit bisher nicht anerkannt, hat sie eher den Status einer Essstörung), also der obsessive Wunsch, sich korrekt zu ernähren. Und dabei selbst in die Ernährungsfalle zu tappen, weil alles mit Argusaugen betrachtet wird und schnell zu einer Angst wird, sich eben nicht korrekt zu ernähren.

Kurz zusammengefasst: Der frühere «Clean Eating»-Star ist auch heute noch auf dem Gesundheitstrip, hat seine Ernährung – sehr zum Schrecken der ursprünglichen Follower – aber umgestellt. Selbst Fisch, Fleisch, Butter (bzw. Ghee) und etwas Zucker erlaubt sie sich heute wieder. Alles natürlich unter der Prämisse, gesund zu sein. Den Hashtag #eatclean verkneift sie sich. Stattdessen setzt sie sich für eine gesunde, aber ausgewogene Ernährung ein. Ganz ablehnend steht sie aber auch proteinreicher Nahrung («high Protein») oder der «Keto»-Diät nicht gegenüber …

Ich habe den Hashtag immer mal wieder verwendet. Für alles, was ganz aus natürlichen, möglichst nicht raffinierten Zutaten hergestellt wird und zur ausgewogenen Ernährung beiträgt. Zum Beispiel mein Boeuf Bourguignon oder die komplett selbstgemachte Pizza. #thatsdarling ;)

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