19. Juni 2017

Chronisch überempfindlich

Christian Schifferle leidet an der Krankheit Multiple Chemical Sensitivity (MCS). Mit schweren Symptomen reagiert er auf Elektrosmog, Lärm, unzählige Nahrungsmittel, Parfüm oder andere Stoffe. MCS zwang ihn zum Leben fernab der Zivilisation, doch dank eines Pionierprojektes kann er endlich wieder unter Menschen wohnen.

Christian Schifferle
Christian Schifferle trägt stets eine Atemmaske, um sich zu schützen. Er ist allergisch auf alles. (Bild: Gabi Vogt)
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«Duftstoffe sind für mich am schlimmsten, denn im Alltag sind sie überall präsent!», sagt Christian Schifferle (62), der seit seiner Kindheit an MCS leidet. Schon als Bub reagierte er mit grippeähnlichen Symptomen auf das Chlor in der Badi, auf Lösungsmittel oder auf die Spritzen beim Zahnarzt. Die Krankheit verstärkte sich, wurde mit den Jahren immer quälender. Bis sich daraus eine schwere Form von MCS entwickelte.

In der Schweiz ist Multiple Chemical Sensitivity (Chemikalien-Unverträglichkeit) wenig bekannt. Auch bei den Ärzten. Denn eine Diagnose zu stellen, erweist sich als äusserst schwierig. Sowohl Symptome als auch Auslöser sind je nach Patient unterschiedlich. So wie die Entstehung der Krankheit: Sie kann plötzlich auftreten, zum Beispiel nach einer Rauchvergiftung, oder sie kann sich nach und nach entwickeln.

Zeigt sich eine leichte MCS-Erkrankung als gelegentliche Übelkeit, nachdem der Betroffene einem Auslöser ausgesetzt war, wird das Leben schwer Erkrankter vom Leiden diktiert. Ein Dufttännchen im Auto der Kollegin oder ein Raumspraybenutzer in der Nachbarschaft kann MCS-Kranken das Leben zur Hölle machen. Sie reagieren darauf mit unerträglichen Muskelschmerzen, bleierner Müdigkeit oder gar Lähmungserscheinungen.

«Nicht zu vergleichen mit früher»

Mit den Symptomen beginnt eine Odyssee. Wer es sich leisten kann, klappert sämtliche Instanzen ab – Schulmedizin, Alternativmedizin, Heiler. Oft erfolglos. Nicht selten werden MCS-Patienten als Simulanten oder psychisch labil abgestempelt. «Es gibt wenige Ärzte, die MCS-Kranke ernst nehmen», weiss Christian Schifferle aus eigener Erfahrungen.

Zu Krankheit und Verzweiflung kommt noch die Einsamkeit: Familienangehörige ziehen sich zurück, weil sie überfordert sind, Freunde melden sich nur noch sporadisch, da sie mit dem Kranken kaum noch etwas unternehmen können. Oder sie lösen Beschwerden aus wegen ihres Shampoos oder Deos. So sind MCS-Leidende auf sich allein gestellt, oft mittellos. Sie hausen meist an irgendeinem Ort weit abgelegen, um möglichst frei von krankmachenden Immissionen zu sein.

Wie zum Beispiel Christian Schifferle, der zwanzig Jahre lang in einem Wohnwagen in den Bergen lebte, bevor er in das MCS-Haus in Zürich-Leimbach einziehen konnte. «Mein jetziges Leben ist sehr glücklich und nicht zu vergleichen mit früher», sagt er erleichtert. In einer richtigen Wohnung leben zu können und unter Menschen zu sein, war sein Traum.
«Es ist schwierig passenden und bezahlbaren Wohnraum zu finden», sagt Christian Schifferle und fügt hinzu, wie gut ihm die Gemeinschaft tue. Die Bewohner des Mehrfamilienhauses in Zürich sind für ihn so etwas wie eine neue Familie geworden. Er fühlt sich endlich ernstgenommen.

In der Schweiz nicht als Krankheit anerkannt

Der Bau des MCS-Hauses in Zürich-Leimbach, das aus speziell verträglichen Baumaterialien erstellt wurde und gegen Elektrosmog abgeschirmt ist, wurde von der Stadt unterstützt. In und ums Haus gelten strenge Regeln: Rauchen, WLAN oder Handys sind nicht erlaubt.
In den USA sind Institutionen, die sich auf Multiple Chemical Sensitivity spezialisiert haben, keine Seltenheit. In Europa ist das Haus in Zürich-Leimbach jedoch ein Pionierprojekt - initiiert von Christian Schifferle. Zudem hat er eine Stiftung ins Leben gerufen, die Bewohnern in finanzieller Not hilft, die Miete zu bezahlen.

Das MCS-Haus in Zürich-Leimbach ist Christian Schifferles neues Heim.
Das MCS-Haus in Zürich-Leimbach ist Christian Schifferles neues Heim.

Das MCS-Haus in Zürich-Leimbach ist Christian Schifferles neues Heim. (Bild zVg)

MCS-Betroffene mit einer milden Form des Leidens können ein mehr oder weniger normales Leben führen. Schwer Erkrankte jedoch sind nicht in der Lage, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Trotzdem erhalten sie kaum IV-Renten, da MCS in der Schweiz nicht als Krankheit anerkannt ist. «Das Unverständnis macht sehr zu schaffen», meint Schifferle. Und dann hofft er noch auf weitere Bauten für MCS-Patienten. Denn niemand soll wie er wegen seiner Krankheit 20 Jahre lang fernab der Zivilisation leben müssen.

MEHR INFOS
Wohnbaugenosschenschaft: www.gesundes-wohnen-mcs.ch
Stiftung Gesundes Leben und Wohnen: www.stiftung-glw.com

IMMER MEHR ALLERGIKER
Die Anzahl Menschen, die an Allergien oder Unverträglichkeiten leiden, hat in den letzten Jahren zugenommen.
Warum das so ist, erfahren Sie im Experten-Interview auf Migros-impuls.ch.

Text: Fatima Vidal

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