04. August 2018

Christoph Meili steht zu seinem Namen

Vor 20 Jahren rettete der Wachmann Christoph Meili Akten von Bankkunden vor der Vernichtung. Die «Nazigold-Debatte» hat das Leben des Whistleblowers auf den Kopf gestellt. Jetzt kommt seine bewegte Geschichte ins Kino.

Christoph Meili
Heute verkauft der 50-jährige Christoph Meili an drei Samstagen pro Monat Bohrmaschinen. Er würde gern mehr arbeiten.
Lesezeit 7 Minuten

Den Wachteln sei heiss. Er müsse später in ihrem Gehege nasse Tücher aufhängen, sagt Christoph Meili. Elf ausgewachsene Vögel hält er, 13 Junge. Danach will er den Haushalt machen, und vielleicht geht er nochmals einen Kaffee trinken. «Im Grunde genommen», sagt der 50-Jährige, «lebe ich wie ein Pensionierter.»

Es ist ein schöner Sommermorgen, 10 Uhr. Er sitzt im Migros-Restaurant in seinem Wohnort Wil SG. Mal hier, mal da, man kann nicht jeden Tag am gleichen Ort Kaffee trinken. Manchmal geht er auch einfach ein bisschen im Städtchen herum. An drei Samstagen pro Monat arbeitet er als Bohrmaschinenverkäufer im «Do it + Garden». Ein 15-Prozent-Pensum, für monatlich 600 Franken. Der Job gefällt ihm. «Ich habe gern mit Menschen zu tun. Ich muss herausfinden, was gut zum Kunden passt.»

Christoph Meili würde gerne mehr arbeiten. Vielleicht in der Sicherheitsbranche, wie früher. Seit anderthalb Jahren stempelt er. Fürs RAV muss er im Monat zwölf Bewerbungen abschicken. Zu Gesprächen wird er selten eingeladen. Neulich hat er sich bei einer Sicherheitsfirma beworben. Der Anruf kam schnell: «Herr Meili, Sie haben alle Qualifikationen.» Der zweite Anruf: «Herr Meili, Ihr Name, sind Sie der?» Der dritte Anruf: «Herr Meili, wir haben das mit der Geschäftsleitung besprochen, leider können wir nicht …»

Google hilft dem Gedächtnis
«Es ist eine Diskriminierung, dass ich keinen Job finde», findet Meili. Er müsste bis zur Pensionierung noch 14 Jahre arbeiten, kann noch ein halbes davon stempeln. «Und vielleicht sollte ich auch mal etwas in die Pensionskasse einzahlen?» Er schmunzelt, aber nicht so, wie wenn etwas wirklich lustig ist. Christoph Meilis Gesicht ist breiter geworden, jedenfalls wenn man es noch von damals aus Zeitungen und dem Fernsehen kennt. Aus dem schmächtigen Jüngling mit der zu weiten Hose ist ein leicht untersetzter Mann geworden, ein Pensionär wider Willen.

Nadja, seine dritte Frau, arbeitet in einer 60-Prozent-Anstellung. So können sie ihre Rechnungen bezahlen. Das Problem sei, dass alle potenziellen Arbeitgeber seinen Namen googeln, sagt Meili, 1 680 000 Ergebnisse in 0,73 Sekunden. Sofort ist das Gedächtnis wieder aufgefrischt. Er hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag: «Christoph Meili (*21. April 1968) ist ein Schweizer Whistleblower, der 1997 die vermeintliche Vernichtung von alten Bankbelegen über nachrichtenlose Vermögen von Holocaust-Opfern bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG) publik machte.» Einige Leute hätten ihm geraten, den Namen zu wechseln. «Aber ich muss mich nicht verstecken. Ich bin Christoph Meili und stehe dazu.»

Das Foto einer hübschen Frau
Er bereue nicht, was damals in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar 1997 geschehen sei. Erinnern kann er sich gut. Er war Nachtwächter im Auftrag der Firma Wache AG. Seine Kunden: Banken und Versicherungen. Jeden Tag kamen in den Nachrichten Berichte über jüdische Vermögen auf Schweizer Bankkonten. Die Banken verwehrten den Nachkommen der Holocaust-Opfer den Zugriff. «Könnte es sein, dass jemand von meinen Kunden da involviert ist?», schwirrte es in Christoph Meilis Kopf herum.

Er begann, genauer hinzuschauen. Einmal sah er Ordner mit Namen, die ihm verdächtig vorkamen. Der junge Familienvater traute sich aber nicht, sie mitzunehmen. Ein paar Wochen später sah er den Film «Schindlers Liste» im Fernsehen, der im Zweiten Weltkrieg spielt. «Ich bekam ein schlechtes Gewissen», erinnert er sich.

Ich bin ein gläubiger Mensch. Ich konnte nicht davon ausgehen, dass ich per Zufall mehrmals an solche Dokumente heranlief.

Nur wenige Nächte später stand er im Schredderraum der heutigen UBS in Zürich. Regelmässig musste er hier das Licht löschen. Auch das Foto einer hübschen Frau an der Wand hatte ihn in diesen Raum gelockt. Christoph Meili grinst heute noch beim Gedanken daran: «Sie gab den Nachtwächtern eine gewisse Motivation.» Dieses Mal noch spannender als die Frau waren aber die vielen Ordner, die im Schredderraum zur Vernichtung bereitstanden.

Meili wusste vom Aktenvernichtungsverbot, das in der Schweiz verhängt worden war. Er war hin- und hergerissen, aber doch überzeugt davon, dass er etwas tun musste. «Ich bin ein gläubiger Mensch. Ich konnte nicht davon ausgehen, dass ich per Zufall mehrmals an solche Dokumente heranlief.» Er riss einige Seiten aus einem der Bücher heraus und versteckte sie unter dem T-Shirt. Zu Hause legte er sie auf den Esstisch, seine Frau sagte, er spinne.

In der nächsten Nacht ging er erneut in den Schredderraum. Ein Grossteil von dem, was er 24 Stunden zuvor gesehen hatte, war bereits weg. In einem Container fand er noch zwei grosse Bücher. Er steckte sie in einen Migros-Sack und verliess das Gebäude.

Ein Bild, das in die Geschichte eingegangen ist: Der junge Whistleblower Christoph Meili mit den Bankakten, die er vor dem Schredder rettete.

Die Bücher übergab er einer jüdischen Organisation in Zürich. Er habe sich gedacht: Wenn das wichtige Dokumente waren, dann werde er wieder davon hören. In diesem Moment habe er nur die Mission gehabt, eine gute Tat zu begehen. «Wie früher in der Pfadi», sagt er. Nie habe er daran gedacht, vielleicht auch selbst wichtig zu werden.

Zuerst Held, dann Verräter
Der Regisseur Daniel von Aarburg, dessen Dokumentarfilm über die «Affäre Meili» am 16. August in die Kinos kommt, sagt dazu: «Christoph Meili ist ein ehrlicher Mensch. Natürlich war es naiv, dass er dachte, für ihn sei der Fall mit dem Übergeben der Ordner abgeschlossen. Doch glauben kann man ihm das.» Zudem habe Meili heute einen «guten, analytischen Abstand zu den Geschehnissen, auch zu den eigenen Fehlern».

Die Ordner gelangen an die Polizei, die geheimen Informationen samt Whistleblower Christoph Meili an die Presse. Der Medienrummel um ihn war gross: Zuerst wurde er als Held gefeiert, dann als Verräter abgestempelt. «Er ist ganz schön auf die Welt gekommen und machte viele Fehler. Aber wem wäre das nicht passiert? Es gibt nun mal keine Crashkurse, wie man Whistleblower und internationaler Medienstar wird», so Regisseur von Aarburg.

Die Meilis bekamen Drohbriefe nach Hause geschickt. Die Polizei konnte nichts unternehmen. Von der Schweiz fühlte sich der Whistleblower immer mehr im Stich gelassen. Nach einigen Monaten zog die Familie Hals über Kopf in die USA. Dort wurde sie zu Beginn vom US-amerikanischen Anwalt Ed Fagan und vom republikanischen Senator Al D’amato unterstützt und erhielten politisches Asyl in den Vereinigten Staaten. In der Schweiz war die Meinung über Meili rasch gemacht: Er habe naiv gehandelt und sei instrumentalisiert worden.

Meili meint heute: «Ich wurde damals nicht instrumentalisiert. Immer wieder hinterfragte ich, wer diese Leute sind. Aber ich brauchte harte Hunde wie sie, um gegen die Banken in der Schweiz vorzugehen.» Lange Zeit sei es ihm wichtig gewesen, was die Menschen über ihn denken. «Ich habe alles persönlich genommen. Das lasse ich heute sein.»

Alles verloren und von allen verlassen
Kurz nach seiner Ankunft in den USA endete der von Meili erhitzte Skandal mit einer Vergleichszahlung der Schweizer Grossbanken in der Höhe von 1,25 Milliarden Dollar an die jüdischen Sammelkläger. Nachdem sie ihr Ziel erreicht hatten, liessen Fagan und D’amato Meili fallen. Seine Frau lernte in einer Abendschule einen anderen Mann kennen, auch sie und die Kinder verliessen ihn.

Ein Schock für Meili. Heute kann er es verstehen: «Sie hatte mich mit 20 geheiratet, weil sie schwanger war. In den USA konnte sie herausfinden, wer sie ist. Ich bin ihr nicht böse», sagt er. Doch für ihn lief es nicht gut: Sein Studium beendete er ohne Abschluss. Die 260 000 Franken, die er als Entschädigung erhalten hatte, waren schnell ausgegeben. Seine zweite Ehefrau hatte psychische Probleme, das gemeinsame Kind musste in einer Pflegefamilie untergebracht werden. Christoph Meili ging zur U.S. Navy, trat wieder aus und hatte irgendwann kein Geld mehr. Nachdem er all seinen Besitz verkauft hatte, kehrte er 2009 in die Schweiz zurück.

Ich habe abgeschlossen mit der Vergangenheit

«Mein amerikanischer Traum war gescheitert», sagt Christoph Meili im Migros-Restaurant von Wil SG. Als er in die Schweiz zurückkehrte, hatte er das Gefühl, einen Teil seines Lebens verloren zu haben. Er bereut vor allem, dass er seine Kinder nicht hat aufwachsen sehen. Doch die Jahre in der Schweiz heilten ihn. Insgesamt sei er ruhiger und weiser geworden, auch durch Nadja, die er vor fünf Jahren heiratete. «Ich habe abgeschlossen mit der Vergangenheit», sagt Christoph Meili. Heute sei er glücklich und dankbar für alles, was er habe. Wenn er nur ein bisschen mehr arbeiten könnte.

Manchmal schleichen Männer um seinen Stand im «Do it + Garden», begutachten Bohrmaschinen und erzählen ihm von ihrer Arbeitslosigkeit, ihrer Scheidung oder Krankheit. «Sie kommen zu mir, weil sie wissen, dass ich ebenfalls viel durchgemacht habe.» Dann sagt er: «Es kommt gut, es geht immer irgendwie weiter.»

Heute hat Christoph Meili seine Frau, seine Wohnung, seinen Glauben. Und dann sind da ja noch die Wachteln. Er muss jetzt gehen, die nassen Tücher aufhängen.

Der Trailer zum Film:

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