16. Juli 2019

Chinesen im Reich der Migros

Täglich besuchen Tausende von Touristen aus China Luzern. In der Migros-Filiale Schweizerhof begrüsst Xiaoshi Bing ihre Landsleute auf Mandarin und führt sie direkt zu Schokolade, Sackmessern und Sparschälern.

Die Schriftzeichen auf Xiaoshi Bings Bluse bedeuten «Shopping Guide»
Die Schriftzeichen auf Xiaoshi Bings Bluse bedeuten «Shopping Guide».

Heute sieht Luzern wie eine dreidimensionale Postkarte aus: Der Himmel über der Stadt ist fast wolkenlos; die weissen Kursschiffe auf dem Vierwaldstättersee und die schneebedeckten Alpengipfel glänzen um die Wette. Eine asiatische Touristin in einem knöchellangen Sommerkleid tritt aus der gleissenden Helligkeit dieses perfekten Sommertags in die Migros-Filiale Schweizerhof. Sie schliesst ihr hellblaues Sonnenschirmchen und geht dann zielstrebig auf die Chocolat-Frey-Boutique zu, die in den Supermarkt integriert ist.

Sofort ist Xiaoshi Bing zur Stelle: Sie gibt Tipps zu den süssen Spezialitäten, empfiehlt besonders die mit Puderzucker bestreuten Cognac-Truffes. Die angeregte Unterhaltung der beiden Frauen klingt für Schweizer Ohren buchstäblich chinesisch. Denn die Touristin kommt aus der Provinz Yunnan im Südwesten der Volksrepublik China; die Frau im Migros-Dress stammt aus der Region Liaoning im Nordosten des Riesenlandes.

Viele Kunden aus Fernost
Xiaoshi Bing ist eine von vier Chinesinnen, die in der Filiale Schweizerhof als Shopping-Guides arbeiten. Die Genossenschaft Migros Luzern hat sie 2017 angestellt. Sie kümmern sich um die vielen Besucher aus China und Taiwan, die die Reussstadt besuchen und in diesem Supermarkt einkaufen.

Bing kam vor acht Jahren nach Europa. Sie studierte zuerst in London und organisierte dort Sightseeingtouren für Touristen. In der britischen Hauptstadt lernte sie auch ihren chinesischen Mann kennen. Beide wanderten schliesslich in die Schweiz aus. Während er heute traditionelle fernöstliche Heilkunde praktiziert, fand Bing bei der Migros eine Beschäftigung, die sie als sehr sinnvoll empfindet: «Die chinesischen Kunden freuen sich immer, wenn ich sie auf Mandarin anrede. Viele von ihnen beherrschen keine Fremdsprache und sind deshalb dankbar, wenn ich sie durch den Laden führe.»
Die Touristen fragen vor allem nach Milch- und Nussschokolade und nach Sackmessern. Überraschenderweise sind auch Sparschäler sehr beliebt. «Sie gelten als typisch schweizerische Erfindung», erklärt Xiaoshi Bing.

Die Migros-Mitarbeiterin im Gespräch mit Kundinnen aus Taiwan
Die Migros-Mitarbeiterin im Gespräch mit Kundinnen aus Taiwan

Die 31-Jährige ist aber mehr als eine Einkaufsberaterin und Dolmetscherin. Sie vermittelt auch zwischen den grundverschiedenen Mentalitäten der Chinesen und Schweizer. «Die Besucher aus meiner Heimat werden hierzulande im Vergleich zu anderen asiatischen Touristen manchmal als ungeduldig oder unfreundlich empfunden», sagt sie.
«Ein Grund dafür ist wohl die Kulturrevolution, die während der 60er- und 70er-Jahre dazu geführt hat, dass in China viele traditionelle Höflichkeitsrituale verloren gegangen sind. Es kann vorkommen, dass sich meine Landsleute in Läden vordrängen. In Warteschlangen ordnen sie sich oft nur ein, wenn man sie dazu auffordert.»

Touristen im Stress
Die Ungeduld der chinesischen Besucher hat aber auch einen anderen Grund: Angehörige der Mittelklasse können sich in der Regel nur ein Mal im Leben eine Reise nach Europa leisten. Sie haben lange dafür gespart, und wenn es dann so weit ist, wollen sie in kurzer Zeit möglichst viel erleben. Sie betrachten es geradezu als Pflicht, zahllose Eindrücke zu sammeln und sie mittels der chinesischen App «WeChat» mit den Daheimgebliebenen zu teilen.

Viele Hinweise in der Migros Schweizerhof sind auf Mandarin übersetzt
Viele Hinweise in der Migros Schweizerhof sind auf Mandarin übersetzt.

Bing weiss, wie sie mit dieser Situation umgehen muss: «Ich gebe immer kurze und präzise Antworten. Wenn ich jemanden nicht gleich betreuen kann, sage ich ihm exakt, wie lange er warten muss. Und bei Reisegruppen rede ich zuerst die ältesten Mitglieder an, weil diese besonders Mühe haben, sich in der fremden Kultur zurechtzufinden.»

Trotz aller Unterschiede sieht sie auch grundlegende Gemeinsamkeiten zwischen Chinesen und Schweizern. Sie sagt: «In beiden Ländern reagieren die Menschen sehr zurückhaltend auf Fragen zu persönlichen Dingen. Hat man sie aber einmal besser kennengelernt, sind sie enorm offen, herzlich und hilfsbereit.»

Jugend in einer Riesenstadt
Xiaoshi Bings Eltern gehören zur Mittelschicht; ihr Vater verkauft Klimaanlagen. Sie ist in der Metropole Shenyang aufgewachsen, die mit ihren Vororten über sieben Millionen Einwohner hat. Kommt ihr da die Schweiz nicht eher klein wie eine Puppenstube vor? «Im Gegenteil», sagt die Chinesin mit Nachdruck. «Vieles in diesem Land wirkt auf mich gross: Die Menschen haben hier enorm viel Platz.

Vieles an der Schweiz kommt mir gross vor. Die Menschen haben hier enorm viel Platz.

In meiner Heimat herrscht überall Gedränge. Eine Fahrt mit der U-Bahn ist darum eine Strapaze. Hier kann ich morgens von meinem Wohnort Meggen LU zur Arbeit joggen. Die Luft ist wunderbar sauber, im Unterschied zu vielen chinesischen Regionen.»

Xiaoshi Bing sagt, zusammen mit ihrem Mann habe sie in der Schweiz das Glück gefunden: «Es gibt nur sehr wenig, was ich hier ändern würde. Während ich einheimische Spezialitäten wie Bratwurst oder Fondue sehr mag, bin ich von den chinesischen Restaurants in der Schweiz nicht begeistert. Ihr Essen schmeckt mir nicht besonders gut, und ich finde sie auch teuer.»

Ein grosses Anliegen wäre ihr, dass sich die chinesischen Touristen in Zukunft mehr Zeit nehmen: «Es gäbe in der Schweiz so viel zu entdecken. Die Reiseleiter sollten zum Beispiel darauf hinweisen, dass hier sauberes Wasser im Überfluss vorhanden ist und dass man aus jedem Brunnen trinken kann. Die Besucher aus meiner Heimat sollten dieses Wunder erleben.»

Im Take-away der Filiale Schweizerhof gibts Schweinsfüsschen mit Reis und gekochtem Ei
Im Take-away der Filiale Schweizerhof gibts Schweinsfüsschen mit Reis und gekochtem Ei.

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Conny Bircher, LKW-Fahrerin bei der Genossenmschaft Migros Zürich.

Gleichstellung: Das sagen Migros-Frauen

Reife Banane

Gegen Food Waste

Fabrik und Frau

Bei den Kleidermachern der Migros

Djily Gueye

Der Rabattprofi