04. September 2017

Chefredaktor Schneebergers Saftkur

Eine Woche nur von Saft leben - Gemüsesaft, Dörrpflaume oder Tomate. Zum Abrunden etwas Kräutertee und abgeschmeckt wird mit etwas Bio-Leinsamen. Eine Wellness-Woche soll das sein, sagt der Hersteller. Ein Protokoll.

Migros-Magazin Chefredaktor Hans Schneeberger und seine Saftkur
Lesezeit 2 Minuten

Erster Tag – Vorbereitungstag

Da ich mir gewohnt bin, auf ein Frühstück zu verzichten, fängt der Tag nicht anders an, als sonst. Sogar der Süssigkeiten-Korb, den ich für Besucher und Mitarbeiter auf meinem Tisch im Büro stehen habe, fülle ich ohne Magenknurren auf.

Wie mir das Biotta-Büchlein erzählt, darf ich mir im Laufe des Morgens mit einem Deziliter Dörrplaumensaft belohnen. Der schmeckt sogar! Das mittägliche Training geht ohne Probleme über die Bühne - eine halbe Stunde Laufband, 25 Minuten Krafttraining ohne eine Kalorie im Bauch - cooles Gefühl.

Nach dem Mittag wirds zäher. Meine Gehirnzellen wollen ohne Food nicht wirklich in Gang kommen. Ein weiterer Schluck Dörrpflaume verhindert aber Schlimmeres. Doch die nächste Sitzung wird durch meine Darmtätigkeit akustisch erheblich gestört. Es zischt und rumort und lenkt irgendwie vom Thema ab. Das «leichte Essen, möglichst ohne Fleisch» habe ich gleich gestrichen.

Ich gehe das Thema Entschlacken hard-core-mässig an. Keine Kompromisse, keine Gefangenen! Gegessen wird schon am Aufbautag nicht mehr. Und überhaupt: Essen ohne Fleisch wäre eh nur Beilage. Da gönne ich mir liebe noch den zweiten Deziliter Dörrpflaumensaft - man könnte sich dran gewöhnen.

Festschmaus zum Nachtessen: Da ich noch im Vorbereitungstag bin, darf ich mir zur obligaten Dörrpflaumenpampe zwei gekochte Rüebli gönnen. Am liebsten hätte ich gesagt, der Saftkur-Erfinder könne sie sich irgendwohin stecken, aber man ist ja erwachsen. Also mampfe ich meine Rüebli – ohne Salz.

Zweiter Tag

Überraschend gut geschlafen und ohne Völlegefühl oder Hunger aufgewacht. Am Morgen steht eine Pressekonferenz bei der Jowa-Bäckerei auf dem Programm. Ich fühle mich frisch, wach und ausgeruht. Der Kaffeeentzug macht sich (noch) nicht bemerkbar. Die Führung durch die neue Bäckerei wird abgeschlossen durch eine Degustation köstlichster, frischer Brote. Ich komme mir vor wie ein Antialkoholiker an einer Weindegustation. Irgendwie deplaziert. Alle schlemmen Köstlichkeiten, ich nuckle an meinem Mineral...

Den Mittag begiesse ich mit einem Dezi Vitamin-7-Drink und einem Löffel Leinsamen. Wieso eigentlich gerade Leinsamen? Die Dinger setzen sich im Mund in allen Ritzen fest. Da musst du einen Liter Wasser nachspülen, um alle wieder rauszuschwemmen!

Im Laufe des Nachmittags sehe ich kurz Sterne: ein kleiner Schwächeanfall, was ich von meinem Ausdauertraining kenne. Ein Deziliter Vitamin-7-Saft bringt mich in zehn Minuten wieder auf Vordermann.

Den Abend beschliesse ich mit zwei Deziliter Tomatensaft, den ich als Suppe mit Kräutern aus dem Garten aufpeppe. Salz ist tabu. Aber was heisst schon aufpeppen. Es bleibt ein müdes Säftchen…

Dritter Tag

Ich bin ausgeruht und fühle mich irgendwie vital. Die Müdigkeit hat mich noch nicht gepackt, der Organismus funktioniert problemlos. Noch immer spüre ich kein grosses Hungergefühl. Aber wieso sticht mir zurzeit jede Food-Reklame unangenehm ins Auge? Ich bin offenbar «Ess-fixiert».

Ein Dezi Dörrpflaume ändert an meinem morgendlichen Schwung überhaupt nichts. Heute muss ich mir, verteilt über den ganzen Tag, eine Flasche «Gemüsegarten» antun. Der erste Schluck schmeckt, wie wenn ich in eine ungewaschene Rande gebissen hätte. Uäkk. Meine Motivation sinkt unter Null. «Aber da musst du durch. Vier mal indirekt in den Gartenboden beissen, wird dich nicht umbringen», sage ich zu mir.

Am Abend ist Pizza angesagt: Nein, natürlich nicht für mich. Die beste Ehefrau von allen geht mit unseren Freunden in die Pizzeria. Und ich bleibe zu Hause und mache mir noch einmal eine Tomatensuppe zum Nacht, die ich mit allem aufbretzle, was der Kräutergarten meiner Holden hergibt. Leider will ich der Tomatensuppe mit dem Resten aus der Flasche «Gemüsegarten» noch mehr Pepp verleihen, erwische aber die «Dörrpflaumen». Egal: Das süssliche Gebräu ist warm und hält den Magen ruhig.

Vierter Tag

Verschlafen! Etwas betäubt schäle ich mich aus den Laken und stürze mich ins Badzimmer. Fühle mich noch leicht benommen, wie benebelt. Ich knalle in der Küche ein Dezi Dörrpflaume und die obligaten Leinsamen hinter die Binde, und hetze auf den Zug.

Der Kalorienmangel macht sich langsam bemerkbar. Ich schwitze (noch) mehr als üblich, die tropische Hitze des Mittwochs wirkt sich aus. Jede Bewegung scheint etwas anstrengender als normal: Die Treppe am Bahnhof, die ich sonst locker hochspringe, bringt mich gar etwas ausser Atem.

Doch das Hungergefühl ist weg. Es ist einem etwas dumpfen Gefühl der Leere im Bauch gewichen. Irgendwie nicht unangenehm. Meine Sensorik arbeitet immer noch auf Hochtouren: Das Knuspern eines Gipfelis lässt mich aufhorchen, Gerüche wittere ich noch noch schärfer als sonst.

«Bewältigen Sie diesen Tag erfolgreich», schreibt mir mein Booklet vor. Na sicher! Schliesslich haben wir heute Redaktionsschluss – de Zeitung muss raus, also ist Konzentration gefragt. Nur fällt mir die momentan etwas schwer. Mit einem Glas Gemüsesaft (Randen, Sellerie und sonstiges Erdgeborenes) lässt sich der Tag einfach weniger gut an, als mit einem schaumgekrönten Caffe latte

Ou Mann: Auf Facebook werde ich zum «Wild Thirsty Friday» eingeladen. Coole Vorstellung: Ich sitze mit einem Kräuter-Tee zwischen begeisterten Blues-Fans im Pub … Das Gesellschaftsleben fährt man während einer Saftkur am besten etwas runter…

Statt Mittagessen gibts einen kurzen Spaziegrang zum Migros-Laden meines Herzens. Dort kaufe ich - Gipfel des Masochismus - Schokolade für meine Gspönli-Schokoladebox. Und ich greife nicht zu. Nein, njet. Es muss ein wenig wehtun, das Verzichten…

Körperlich fühle ich mich immer noch erstaunlich gut. Natürlich, Treppensteigen ist streng. Ich schnaufe etwas hefitger als sonst. Und die Spritzigkeit ist einer gewissen Lethargie gewichen. Fast etwas flowmässig…

Zum Zacht gibts eine veritable Tomaten-Suppe (hmm, hatten wir das nicht schon ein paar Mal diese Woche?), gestreckt mit einem Deziliter Gemüsesaft, den ich mir am Vortag vom Mund abgespart habe. Immerhin: Drei Deziliter Suppe – ich fühle mich fast … satt?!?

Das Spiel der Schweizer Fussball-Nati gegen Andorra löst wenig Begeisterung aus. Wie auch: Wetter unterirdisch, Gegner überfordert und ohne Bier machts eh weniger Spass…

Fünfter Tag

Langsam stosse ich an meine Grenzen. Ich wache viel zu früh auf, nach wirren Träumen. Doch noch immer fühle ich mich geistig präsent, aufmerksam. Nach einem Fruchtsafttag ist heute wieder Gemüse angesagt. Mann, kann man dieses Gebräu nicht schmackhafter machen?

Tja, und langsam muss ich mal auf das unappetitlichste Thema in Sachen Saftkur zu schreiben kommen: Getreu dem Spruch «What happens in Vegas, stays in Vegas» müsste eigentlich in der Unterhose bleiben, was in der Unterhose geschieht. Aber eben: Eine Saftkur fördert auch unangenehme Themen ans Tageslicht. Der Stuhlgang ist währenddessen in der Konsistenz durch die Leinsamen geprägt, farblich durch den Randensaft und geruchmässig durch die Entschlackungsgase. Sprich: dünn, schwarzrot und bääh.

Das Training über Mittag habe ich überlebt, den kleinen Einbruch und die Sternchen im Blickfeld am Schluss habe ich mit einem Schuss Vitamin-7-Saft überbrückt. (Kann man diesen Vita-Saft nicht gleich intravenös einführen?) Und noch immer, nach fünf Tagen nichts essen: kein Hungergefühl! ich muss mir über die Jahre so viel Speck angefuttert haben, dass ich auch eine Arbeitswoche ohne Futter locker überstehe.

Sechster Tag

Erste Überraschung beim Aufstehen: Die hartnäckige Entzündung meiner Achillessehnenscheide ist praktisch nicht mehr spürbar. Die letzten Wochen konnte ich praktisch nicht mehr ohne Schmerzen aufstehen. Ist das jetzt ein Resultat meines eingeschränkten Trainings oder irgend ein Basen-/Säuren-Ding, wie man mir immer erzählt? Wäre eine nette Beigabe.

Der Kalorienentzug macht sich überall bemerkbar. Ich fühle mich träge, geistig und körperlich. Läck, wenn ich mein E-Bike nicht hätte, ich würde nicht mehr aus dem Haus gehen. Der mittägliche Besuch in der Cafeteria ist eine Mühsal. Alle sitzen vor ihren Macchiati, Cappuccini und ich trinke den gefühlt hundertfünfundzwanzigsten Pfefferminztee diese Woche. Noch 12 Stunden…. Dann können mich alle Saftdoktoren mal…

Samstag Abend: Ich überbrücke die letzten Stunden mit meinem obligaten Tomatensüppchen und einem Action-Film auf Drei-Meter-Leinwand. Um 10.45 Uhr bin ich im Bett. 10.45 Uhr am Samstag Abend! Gott, ich komm mir vor wie ein Vorruheständler (ach, der bin ich ja fast…) Aber ich freue mich wie ein kleines Kind auf den Sonntag und den ersten Caffe Latte.

Siebter Tag – Aufbautag

Nicht zu gäch reingehen, hat mir der Saft-Flyer geraten. Mache ich auch nicht. Die erste Mahlzeit besteht aus einem kleinen Apfel aus dem eigenen Garten. Und später einem Stück Brot und einem kleinen Biss Käse. Und noch später noch einem Stück Käse. Und einer Scheibe Mostbröckli. Alles schmeckt hervorragend. Es ist wirklich so, wie der Flyer schreibt: Du nimmst Geschmäcker viel intensiver wahr. Ich merke aber auch, dass ich ausgepowert bin. Zwei Stockwerke vom Keller in den ersten Stock spüre ich schon deutlich in den Oberschenkeln und ich komme ins Schnaufen. Da steht mir einiges an Aufbautraining bevor…

Meine Holde hat schon am Vormittag eine Gemüsesuppe gekocht, deren Duft unwiderstehlich lockt. Ich esse über den Tag verteilt mehrere Teller. Dabei fühle ich mich grossartig.

Insgesamt hat mich eine Ruhelosigkeit erfasst, die kaum zu zähmen ist. Ich muss immer herumlaufen, fühle mich lebendig und voller Tatendrang. Am Nachmittag knalle ich eine zweieinhalbstündige Ebike-Fahrt über 60 Kilometer und alle Höger auf die Strasse.

Das Leben hat mich wieder.

Fazit: Ich fühle mich überraschend gut

Das Fazit? Ohne mich gewogen zu haben, weiss ich, dass ich sicher 4-5 Kilo abgenommen habe. Klar, die Polster sind immer noch da, etwas kleiner vielleicht, doch sie sind noch da. Aber alles fühlt sich etwas straffer an. Und ich fühle mich überraschend gut.

Hungergefühle waren nie ein Problem, nach zwei Tagen sind sie weg. Auch mal zehn Tage komplett auf Alkohol zu verzichten, kann nicht schaden.

Der Aufbautag ist sehr wichtig. Es langsam angehen. Ich hatte schon nach dem ersten kleinen Apfel leichte Magenkrämpfe (die aber schnell wieder verschwanden). Es lohnt sich, mit kleinen Häppchen und praktisch ohne Nachtessen den Tag abzuschliessen.

Eine Saftkur entspricht meinem Naturell: Ich kann mein Essverhalten nicht wirklich kontrollieren. Wenig Essen ist für mich schwieriger als gar nicht zu essen. Lieber eine Woche full-stop als einen Monat reduzieren und diäten. Ich kann mir deshalb auch gut vorstellen, ab und zu zwei Tage mal nichts zu essen. So als Mini-Kur.

So oder so: Das war nicht das letzte Mal.

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