Leser-Beitrag
07. August 2017

Velofahrer in Nöten

Pius Helfenberger schildert von seiner Centovalli-Reise eine – beinahe tragische – Begebenheit im Zug.

Zeichnung von Pius Helfenberger
Schöner Augenblick der Centovalli-Reise: Kapelle kurz vor Druogno (von Domodossola aus), mit moderner Kunst im Vorgarten. (Bild rem)

Nach einer anstrengenden Fahrt durchs Centovalli verstaut ein nicht mehr ganz junger Velofahrer in Domodossola sein Fahrrad im Zug zurück Richtung Locarno und nimmt völlig verschwitzt im Abteil Platz. Ihm gegenüber sitzt eine junge Dame.
Goethe hätte seine helle Freude an dieser Reisebekanntschaft gehabt. Ob auch er so lange geschwiegen hätte, nur um die Dame beim Kreuzworträtseln nicht zu stören?

Vor der Schweizer Grenze unterbricht eine Lautsprecherstimme die Stille: Passportkontrolle! Ob der Zug bis Intragna weiterfahre, erkundigt sich der Velofahrer bei seinem Gegenüber. Die Dame bejaht. In diesem Moment klopft der Kondukteur dem Radfahrer kräftig auf die Schulter und heisst ihn auszusteigen. Velos würden auf dem Schweizer Streckennetz der Centovallibahn nicht transportiert.
Völlig verdutzt packt der Velofahrer blitzartig alles zusammen und besteigt entkräftet seinen Stahlesel. Er hat nur noch eines im Sinn – sich wenigstens an der nächsten Station von seinem Gegenüber am Zugfenster zu verabschieden. Mit Müh’ und Not erreicht er den Bahnhof von Intragna, allerdings ist der Zug dort bereits wieder weg.

Wer zu spät kommt, den bestrafe das Leben, heisst es. Ob dabei durch Schweizer Bahnunternehmen ungnädig auf die Strasse geworfene Velofahrer auf mildernde Umstände hoffen dürfen?

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