17. März 2014

Bühne frei für die Natur

Urs Schaffner ist in seinem Garten vor allem Kulissenbauer. Auf 400 Quadratmetern hat er eine Bühne geschaffen, die von zahllosen einheimischen Tier- und Pflanzenarten bespielt wird.

Urs Schaffner entdeckt in seinem Gartenreich täglich Neues.
Auf Safari vor der eigenen Haustür: Urs Schaffner entdeckt in seinem Gartenreich täglich Neues.

Wenn Urs Schaffner (69) von «Requisiten» spricht, gehts nicht um Theater, zumindest nicht im klassischen Sinn. Für den begeisterten Naturgärtner aus Subingen SO sind Requisiten das, was er in seinem Garten der Tierwelt zur Verfügung gestellt hat: Ast-, Laub- und Steinhaufen, Trockenmauern, Wurzelstöcke, Nisthilfen. Was die tierischen Akteure daraus machen, erlebt der Mensch mal als Lustspiel, mal als Drama – Regie aber führt immer die Natur.

An diesem feuchtkalten Februartag ist die Gartenbühne nahezu verwaist. Der Nebel wabert von der Aare hinüber ins Quartier, wo Urs Schaffner mit seiner Frau Ruth (67) in einem Einfamilienhaus aus den 50er-Jahren wohnt. In den kahlen Himbeerstauden krakeelt ein Trupp Stare. «Dieses Jahr sind sie zehn Tage früher als üblich aus Spanien zurückgekehrt», erzählt der pensionierte Werkbetriebsleiter. Er führt ein Gartentagebuch über all das, was auf seinen 400 Quadratmetern kreucht und fleucht. Jahrelang habe immer das gleiche Starenpärchen in der Birke vor dem Haus gebrütet.

Für den Igel gibts einen Laubhaufen, dafür frisst er dann die Schnecken

Die Birke ist, da zu gross geworden, inzwischen gefällt. Statt als Kinderstube für Stare wird sie dieses Jahr Insekten wie Balkenschrötern, Rosenkäfern und Bockkäferlarven als Futterquelle dienen. «In den vom Bockkäfer vorgebohrten Löchern haben Solitärbienen überwintert», weiss Schaffner, «sie werden demnächst ausfliegen.» Die Bienen sind auf früh blühende Futterpflanzen wie die Kornelkirsche angewiesen. Der Hobbyökologe hat sie mit weiteren heimischen Sträuchern wie Traubenkirsche, Holunder, Schneeball und Pfaffenhütchen in einer Hecke gesetzt. 46 Vogelarten hat diese schon Futter und Nistmöglichkeiten geboten.

Totholz liefert Baumaterial für die Papierpaläste von Hornisse und Wespe
Totholz liefert Baumaterial für die Papierpaläste von Hornisse und Wespe.

Mit sechs Meter Höhe der mächtigste Strauch im Garten ist ein Hasel. Er beschattet im Sommer den Sitzplatz. Zu seinen Füssen, zwischen den ersten Bärlauchblättern und Buschwindröschen, schläft ein weiterer Gartenbewohner: Ein Igel hat sich tief unter einem Laubhaufen vergraben, dem ihm die Gartenbesitzer im Herbst aufgehäuft hatten. Im Gegenzug wird er in ein paar Wochen die Schnecken dezimieren, bevor sie sich über Ruth Schaffners Gemüsegarten hermachen können.

Winterquartier von Molch, Marienkäfer und Raupe
Ein toter Steinhaufen? Nein, Winterquartier von Molch, Marienkäfer und Raupe.

«Selbst wenn ein Naturgarten manchmal unordentlich erscheint, herrscht ein fragiles Gleichgewicht» sagt Urs Schaffner. «Jedes Lebewesen ist Stück eines Netzes, womit es untrennbar mit den anderen verwoben ist.» Als letzten Sommer beispielsweise die Blattläuse überhand zu nehmen drohten, errichtete er Steinhaufen für Marienkäfer, deren ärgsten Fressfeind. Von den Steinhaufen profitieren auch Spinnen, Ameisen, Wildbienen, Raupen, diverse Käfer und die Bergmolche: In ein paar Wochen werden sie im Teich laichen. «Die Molche sind die Lieblinge unserer Enkelkinder, neben den Libellen, die jeweils wie Helikopter übers Wasser schweben.»

Samenstände der Kardendistel
Die Samenstände der Kardendistel sind beim Distelfink beliebt.

Über 200 Insektenarten hat der Subinger in seinem Garten bestimmt und oft auch fotografiert, darunter 40 Arten Schmetterlinge und Kleinfalter, die von Wildblumen wie Fingerhut und Natterkopf, Bergflockenblumen oder dem Goldhabichtskraut profitieren. Besonders begeistern lässt er sich von den Nachtfaltern, die sich an warmen Sommerabenden auf den süss duftenden Blüten des Waldgeissblatts oder der Nachtkerze einfinden. Und dann sind da noch die Hornissen, grossartige Schädlingsvertilger. Urs Schaffner hatte ihnen extra einen Nistkasten unter dem Hausdach montiert. Er lacht: «Sie haben ihn verschmäht und stattdessen lieber einen Meisenkasten bezogen.»

Im Wildbienenhotel haben sich Grabwespenlarven eingemietet.
Im Wildbienenhotel haben sich Grabwespenlarven eingemietet.

Der Mensch denkt, die Natur lenkt – für Schaffner macht das den Reiz eines Naturgartens aus. «Ich kann jeden Tag vor meiner Tür auf Safari gehen und entdecke jedes Mal wieder Überraschendes», sagt er. Sei es eine Bisonzikade, ein Einwanderer aus Amerika. Oder das Nest einer Mönchsgrasmücke. «Es war so gut getarnt, dass ich es lange übersehen habe.»

«Naturgärten sind hoffnungsvolle Gärten», sagt Urs Schaffner, «sie bringen Natur und Mensch näher.» Damit sie funktionieren können, braucht es jedoch eine Vernetzung. In seiner Nachbarschaft ist vor ein paar Jahren ein Teich angelegt worden. «Obwohl unser eigener Teich über 30 Jahre alt ist, haben hier noch nie Frösche gelaicht.» Aber vielleicht ändert sich das jetzt mit dem neuen Biotop nebenan – hoffen kann man immer im Naturgarten.

Fotograf: Daniel Rhis

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