03. Mai 2018

Bücherliebe: Mit Vorlesen fängt alles an

Ärgerliche Blicke, weil vor der Bibliothek Kinderwagen stehen? Ein Besuchsverbot, weil ein Knirps mal in ein Kartonbuch gebissen hat? Das war einmal. Heute legen sich Bibliotheken ins Zeug, um Kinder anzulocken – Knirpse wie lesefaule Teenager.

Kinder lesen ...

Wer sitzt denn da im Holzkasten? Fabienne Wyttenbach öffnet den Deckel, und heraus kommt die Stoffmaus Musette. Gespannt lauschen die Kinder, die meisten sind zwei oder drei Jahre alt, als die 39-jährige Kindergärtnerin Geschichten und Verslein rund um ein Paket erzählt. Nach einer Weile schnappt sich ein Junge eine Spielrübe aus Holz, ein kleines Mädchen mit Schnuller klettert vom Schoss der Mutter und rennt in den Kreis hinein.

Es ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, was eine Veranstaltung wie «Lirum Larum» in der Bibliothek Spiez BE zu suchen hat. Mit Lesen und Büchern scheint sie jedenfalls nichts zu tun zu haben. Fabienne Wyttenbach, die den Anlass für das Projekt «Buchstart» leitet, bestätigt lachend: «Es geht hier nicht darum, die ganz Kleinen zum Lesen zu bringen.» Die «Buchstart»-Treffs seien ein Angebot, das Eltern dazu inspirieren solle, ihren kleinen Kindern Verslein vorzusagen und damit spielerisch deren Sprachentwicklung zu fördern. Zugleich werde so der
erste Schritt in die Bibliothek vereinfacht: «Man muss sich nicht anmelden, nichts zahlen, sich nicht verpflichten.»
Das Projekt wurde vor zehn Jahren initiiert, kurz nachdem die ersten Pisa-Ergebnisse Schweizer Schülern und Schülerinnen schwache Lesekompetenzen attestiert hatten (siehe auch Kasten unten).

Fabienne Wyttenbach unterhält Kinder in der Bibliothek. Auf dass sie wiederkommen.

Inzwischen sollen solche und ähnliche Anlässe, wie sie mittlerweile vielerorts in der Schweiz stattfinden, den Eltern zeigen, dass Bibliotheken nichts mehr zu tun haben mit verstaubten Räumen von früher: Dort waren nur stille Leserinnen und Leser geduldet, während schwatzende und spielende Kleinkinder mit bösen Blicken verbannt wurden. Heute sieht das in vielen Büchereien anders aus: «Bibliotheken werden zunehmend als öffentlicher Raum wahrgenommen, in dem Informationen und Kontakte vermittelt und interessante Anlässe angeboten werden», sagt Franziska Baetcke (49), Direktorin der Stiftung Bibliomedia Schweiz.

Für viele Bibliothekarinnen bedeutet das, dass sie quasi einen neuen Beruf ausüben, anders als den gelernten: «Gefragt sind heute Kreativität und Freude am Arbeiten mit Menschen», sagt Gisela Jäggli (53). Die Bibliothekarin ist in Spiez zuständig für die Kinderveranstaltungen, «Lirum Larum» für die ganz Kleinen und «Gschichtezyt» für Kinder bis zur zweiten Klasse.

Jugendliche dürfen beim Lesen rumfläzen

«Eine Bibliothek muss leben», findet Gisela Jäggli. Willkommen sind auch Spaziergänger, die in der LesBar eine Pause einlegen und ein wenig plaudern wollen, auch wenn sie kein Bücherabo lösen. Das Bibliotheksteam in Spiez geht mit Begeisterung neue Wege. Seit einer Weile dürfen sich deshalb die Teenies in der Jugendabteilung beim Lesen sogar ins bequeme neue Sofa fläzen: Auch für sie soll die Bibliothek attraktiv werden. Eine klare Regel bleibt dabei bestehen, darauf achten Gisela Jäggli und ihre Kolleginnen streng: «Kein Essen bei den Büchern!» Richtig wild oder laut bewegt sich nur selten jemand in der Bibliothek, allerdings müssen die Bibliothekarinnen ab und zu darauf hinweisen, dass die Medien sorgfältig behandelt werden sollen.

Der «Lirum Larum»-Kindermorgen endet mit einem Lied und einem gemeinsamen Fingervers. Maus Musette verschwindet wieder in der Holzbox, alle Kinder erhalten einen mit ihrem Namen versehenen Brief und ein Hasenverslein mit auf den Weg. Die meisten Eltern setzen sich mit dem Nachwuchs
in die Bücherecke und wählen mit ihm die Lektüre zum Ausleihen aus, andere machen es sich in der «LesBar» gemütlich.

Genau so solls sein: Kinder entdecken Spass an Büchern selber.

Am Nachmittag ist die Bibliothek auch für andere Besucher geöffnet. Dazu zählt Danja Baumer (36) mit ihrer viereinhalbjährigen Tochter Elena. Sie suchen sich die maximal erlaubte Zahl Bücher – sechs Stück – aus. Die Gutenachtgeschichte
sei bei ihnen ein Ritual. «Vorlesen zählt für uns zu den schönsten
gemeinsamen Momenten.»

Experten empfehlen: vorlesen, Geschichten erzählen, Verse aufsagen

Damit macht sie genau das, was Experten Vätern und Müttern empfehlen. «Regelmässiges Vorlesen schafft nicht nur Nähe, sondern unterstützt Kinder auch in ihrer Entwicklung», so die Botschaft des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien (Sikjm). Das Institut hat deshalb den ersten Schweizer Vorlesetag lanciert, der am 23. Mai erstmals stattfindet. In Bibliotheken, Schulen und Vereinen werden Vorleseveranstaltungen organisiert. Die Idee ist aber auch, dass möglichst viele Menschen im privaten Bereich das Vorlesen entdecken. Barbara Jakob (51) vom Sikjm empfiehlt Eltern auch, ihren Kindern Geschichten und Verse zu erzählen: «Damit fördert man spielerisch die sprachlichen Fähigkeiten.»

Mitte Nachmittag spaziert in Spiez ein älterer Herr in die Bibliothek, wählt aus den Gestellen sorgfältig zwei Bücher aus und macht es sich in einem Lesesessel bei der Fensterfront bequem. Donnerstagnachmittag ist es meistens ruhig in der Bibliothek, an anderen Wochentagen gehe es weit lebhafter zu, sagt Bibliotheksleiterin Brigitte Burri (51).

Die Spiezer Bibliothek ist für die Schülerinnen und Schüler aus dem Oberstufenzentrum nebenan auch Schulbibliothek: An diesem Nachmittag haben die Jugendlichen in der Deutschstunde den Auftrag
erhalten, sich hier ein Buch auszusuchen. Michelle (15), Anja (15) und Joana (14) wählen dicke Exemplare der Abenteuerserie «Haus Anubis», während Lenny (16) und Lian (15) sich für die «Die drei ??? Kids» entscheiden. Lian mag dünne Bücher: «Dicke Wälzer schrecken mich ab.»

Teenager seien am schwierigsten zu begeistern, darin sind sich Experten einig: Sie haben zu viel anderes auf dem Programm und im Kopf. Deshalb startet die Spiezer Bibliothek diesen Monat ein ganz neues Projekt: die «Skillbörse», bei der Jugendliche anderen Jugendlichen ihre Hobbys und Fähigkeiten präsentieren können.

Keiner zu klein: Kinder dürfen in Spiez bis zu sechs Bücher nach Hause nehmen.

Das Team in Spiez sei besonders innovativ, sagt Franziska Baetcke von Bibliomedia: «Vielen Gemeindebibliotheken in der Schweiz fehlen die Ressourcen und der Rückhalt in der Gemeindepolitik, um sich in dieser Form weiterzuentwickeln.» Die Spiezer Bibliothekarinnen arbeiten seit drei Jahren in einem hochmodernen, hellen und grosszügigen Neubau - das regt vielleicht mehr an zu neuen Ideen als enge dunkle Räume mit verschachtelten Gestellen.

Inzwischen haben sich die Jugendlichen mit ihren Büchern getrollt, der Unterricht geht weiter. Zwei Frauen haben nach einer Plauderrunde ihre Auswahl getroffen und ziehen mit vollen Büchertaschen von dannen. In der Kinderecke hat Nicole Urben (36) für ihre zwei- und vierjährigen Kinder einen Stapel Petzi- und Globibücher eingepackt. Heute ist sie allein da, aber meist kommt sie mit ihnen hierher. «Schön, dass es heute nicht mehr heisst, kleine Kinder dürfen nicht mit in die Bibliothek», sagt sie. Das finden auch die anderen Eltern. Viele notieren sich gleich das Datum des nächsten Buchstart-Anlasses.

Infos zum ersten Schweizer Vorlesetag . Einer der Hauptpartner ist famigros, der Familienclub der Migros.

Das sagen Eltern und Grosseltern

Erika Amacher (68) mit Enkel Yanis Josi (9 Monate)

«Heute ist mein Hütetag, daher bin ich mit Yanis hierhergekommen. Ich bin völlig erstaunt, wie er alles so interessiert mitverfolgt. Es ist auch für mich ganz lustig: Ich fühle mich fast in meine Zeit als junge Mutter zurückversetzt, als ich da so mit den anderen Eltern gesessen bin. Meine Tochter kennt als Lehrerin viele Verslein, und zu Hause haben sie jede Menge Kartonbücher. Die schaue ich immer gern mit Yanis an.»

Michael Stettler (41) mit Ursina (4)

«Ich bin jetzt zum zweiten Mal dabei, meist kommt die Grossmutter mit, und zuerst sind wir eher aus Neugier gekommen. Ursina hat es aber als lustig empfunden, und in die Bibliothek kommen wir sowieso schon seit Jahren: Wir finden immer Bücher, die uns allen gefallen: Geschichten von Gisbert, dem Gnom, aber auch Bücher über Natur und Tiere - oder Asterix und Obelix, die sind für Kinder und Erwachsene witzig.»

Eliane Nef (34) mit Sohn Robin (2)

«Wenn ich arbeite - ich bin Gymerlehrerin - kommen oft die Grosseltern mit Robin hierher. Es ist für ihn ein guter Einstieg, mit den anderen Kindern zusammenzusein. Zu Hause singen wir auch viel, und Robin liebt Fingerverse, aber hier freut er sich immer schon auf die Bücher. Am allerliebsten mag er die bunten Wimmelbücher. <Lirum Larum> ist ein guter Anlass, den schreiben wir uns immer in die Agenda.»

Eve-Marie Kuhs (29) mit Carl (4), Luisa und Elena (beide 2)

«Der Anlass ist vor allem für Carl anregend, meist darf er mit einer Freundin mitgehen. Die Zwillinge hingegen habe ich heute zum ersten Mal mitgenommen: Sie sind noch fast zu klein und haben einen enormen Bewegungsbedarf. Für sie habe ich daher noch keine Kärtchen gelöst, aber Carl liebt Bücher mit Tieren, Autos und Baggern. Ich achte jedoch darauf, dass er keine Comics für Ältere liest.»

Martin Geissbühler (31) mit Tochter Alina (3½)

«Seit einem Jahr kommen wir regelmässig hierher, meistens geht meine Frau mit, aber weil sie kürzlich unseren Sohn Levin zur Welt gebracht hat, habe ich Ferien. Ich finde es eine coole Abwechslung: Da Alina noch nicht in den Kindergarten geht, treffen wir hier andere Kinder und lernen Lieder und Versli, die wir dann zu Hause zusammen singen. Und wir finden immer viele Bilderbücher zum Erzählen.»

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Bei Gisela Jäggli in der Bibliothek Spiez sind auch kleine Kinder willkommen.

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