04. März 2019

Bruno Ganz muss warten

Bänz Friedli (53)wünscht sich neue Strassennamen. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Handtüechli mit Karomuster

Ihr Lachen! Unverkennbar. Natürlich hatte sie ihren Weidenkorb dabei, darin Foulard, Notizblock, zwei, drei Bücher und was weiss ich noch alles. Heidi Abel kam mit dem Postauto in unser Dorf. Das Schweizer Radio wollte in seiner Sendung «Musik für einen Gast» mal einen Jugendlichen befragen, und irgendwie waren die auf mich gekommen. 1983 war das, und ohne viel zu überlegen holte ich die Medienfrau an der Haltestelle in den Handtüechlihosen ab, die Grossmutter mir genäht hatte: aus Handtüchern mit Karomuster. Heidi Abel lachte. Und sie wäre nicht Heidi Abel gewesen, hätte sie mein Unikat nicht gleich zum Thema der Sendung gemacht, die sie an jenem Mainachmittag auf unserem Balkon aufzeichnete.

Wie begeisterungsfähig sie war, wie humorvoll und ungekünstelt! Wenn dieses Land je einen Fernsehstar hatte, dann sie. Und was ist ihr, die dieser Tage neunzig geworden wäre, in Zürichs Norden gewidmet? Eine Sackgasse. Alles andere als prunkvoll. Da tut sich die Schweiz halt schwer. Derweil hat in den USA jeder Präsident seinen Flughafen und seine Bibliothek. Barack Obama war noch im Amt, schon waren Dutzende Strassen, Schulhäuser und Universitäten nach ihm benannt. Und als der Stadtrat von Memphis, Tennessee, den Highway 51 in Elvis Presley Boulevard umtaufte, war der King of Rock ’n’ Roll noch quicklebendig.

Bei uns dagegen: helvetische Zögerlichkeit. Die Strassenbenennungskommission der Stadt Zürich liess verlauten, sie habe «Bruno Ganz in ihre Pendenzenliste aufgenommen». Da stirbt der einzige Schweizer Schauspieler von Weltruhm – und nun wirds womöglich Jahrzehnte dauern, bis man nach ihm eine Strasse benennt? Uns allen ist Klaus Schädelin dank «Mein Name ist Eugen» lieb – doch sein 100. Geburtstag verstrich, ohne dass er in Berns Stadtbild verewigt wäre. Einzig im Berner Oberland sind sie unverkrampfter: Kandersteg hat eine Bundesrat-Adolf-Ogi-Strasse, Interlaken einen Amman­Hofer-Platz, in Gedenken an die Mundartrockpioniere Hanery Amman und Polo Hofer, eingeweiht zu Lebzeiten. Und die Mike-Schmid-Olympiastrasse in Frutigen wurde, wenn ich mich recht erinnere, gar von besagtem Olympiasieger höchstselbst geteert.

Aber sonst? Zurückhaltung allenthalben, wenn es um neuzeitliche Grössen geht. Lange zögerte Bern, den grandiosen Liederschreiber Mani Matter zu ehren, und als er seine Strasse endlich erhielt, wars ein schlechter Witz: der «Mani-Matter-Stutz», an dem niemand wohnt, wenige Meter lang, von Mauern gesäumt. Aber wissen Sie, was? Matter hätte seinen Stutz, so mutz und munzig, wie er ist, gemocht. Und Heidi Abel hätte über ihre Sackgasse gelacht. So herzhaft, wie nur sie es konnte.

Die Hörkolumne (mp3)

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