22. Oktober 2018

Briefe von Rolf

Bänz Friedli erhält Post. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

der Brief von Rolf

Höchst beschämend seien meine «primitiven Kommentare», zeterte ein Leser, ich hätte ja keine Ahnung und solle gefälligst bleiben, wo ich sei und mit meiner «lächerlichen Einstellung» auch hingehöre, in die Stadt nämlich, und von ihm aus Tag und Nacht meinen blöden Prime Tower anglotzen. Und ich hatte mich bloss gewundert, dass das Edelweiss immer und überall als Symbol der Schweiz herhalten müsse, wo der pelzige Blumenstern doch so gar nicht zu meinem Bild des Landes gehöre. «Eher das Hochhaus Prime Tower, die Altstadt von Bellinzona, die Fussballanlage Hardhof zwischen Autobahn und Kläranlage», hatte ich geschrieben.
Und dann würde ich Sauhund noch auf dem Sänger Trauffer herumhacken, den ich nicht kenne, schrieb er. Doch ich hatte Trauffer gar nicht erwähnt und lediglich gefragt, weshalb wohl manche Schweizer Popmusiker eine erflunkerte Idylle besängen.

Ich tat, was ich immer tue, und schrieb dem Mann, nennen wir ihn Rolf, zurück. Bedankte mich und fragte: «Sind nun nicht eher Sie derjenige, der gegen jemanden Dampf ablässt, den er nicht kennt?»
Ab die Post. Und bald war die Sache vergessen.

Sieben Monate später, letzte Woche, lag Rolfs Antwort im Briefkasten: «Es tut mir aufrichtig leid», schreibt er, «dies ist leider ein gewaltiger Fehler von mir, ich lasse meinen Frust an anderen ab, obwohl die nichts dafür können.» Er habe eine schwierige Zeit hinter sich, habe nachts oft kaum Schlaf gefunden, und ob all seiner Enttäuschung sei er dann in Rage geraten und habe in meiner Kolumne Dinge gelesen, die gar nicht dringestanden hätten. Anfang Jahr sei er drum ausgesteuert worden und in die Sozialhilfe gerutscht. «Der Boden wurde mir mit 60 Jahren unter den Füssen weggezogen. In diesem Alter findet man keine Anstellung mehr.» Er habe niemanden mehr an sich herangelassen und darunter gelitten, dass man ihn im Dorf als arbeitsscheuen Kauz verrufen habe. Rolf schrieb und schrieb. Erzählte mir, dass er sich mit Schnitzereien ablenke und Freude am Malen habe, schickte mir gar ein Bild einer Holzmalerei: Enziane, Edelweisse und eine Kuh. Mir dämmerte, dass auch ich mir ein falsches Bild von Rolf gemacht hatte und wir uns im Grunde über dasselbe ärgern: dass das Edelweiss von Werbung und Politik vereinnahmt und verhunzt wird. Rolf und ich sind nun beide um ein Feindbild ärmer und eine Erfahrung reicher. Zurückschreiben lohnt sich.

Meistens. Einzig ein Herr aus dem Thurgau, der mich als «saublöden, drecklinken Laferi» tituliert hatte und den ich brieflich fragte, ob er sich nicht vielleicht in der Wortwahl vergriffen habe, insistierte auch im zweiten Brief: «Wegen dem sind Sie noch immer ein saublöder, drecklinker Laferi.»

Die Hörkolumne (MP3)

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