13. Mai 2019

Brief an die Enkelin

Bänz Friedli schreibt seinem ungeborenen Grosskind. Hier kannst du dich mit dem Kolumnist oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Ob die Enkelin Bänz Friedlis Brief einmal lesen wird?

Liebe Enkelin, ich stelle mir vor, dass du Lina heissen wirst oder Frances oder Karla, mit K. Aber bestimmt wird es ganz anders. Und vielleicht bist du ja ein Enkel namens Eugen. Jedenfalls wünsche ich mir, dass ich dich kennenlernen darf. Aber deine Eltern müssen wissen, wann die Zeit reif ist, damit du zur Welt kommen kannst. Und wer weiss, ob ich dann noch lebe? Mein Vater hat seine Enkel nicht kennengelernt, sie demnach auch ihn nicht. Er bedeutet für sie ein vergilbtes Schwarz-Weiss-Foto, dazu vielleicht ein paar Sprüche, die ich von ihm übernommen habe, mehr nicht. Schade.

Und wenn ich dich denn kennenlernen dürfte, ich könnte dir nicht viel sagen über das Leben. Ich weiss nur, dass du es gut machen wirst, bestimmt besser als ich. Erziehung, hat der Musiker Jovanotti mal zu mir gesagt, werde überschätzt. «Man muss sie nicht erziehen, nur gern haben. Ganz fest gern haben», sagte er. Ich weiss, dass er es mit seiner Tochter Teresa genau so gehalten hat und dass es gut herausgekommen ist. Und ich hoffe, dass es auch uns mit unseren Kindern gelungen ist. Das meiste, was mir heute wichtig ist, habe ich von ihnen gelernt: Neugierde, Offenheit und das Jungbleiben im Kopf. Kindlich bleiben, nicht kindisch, aber kindlich: begeisterungsfähig, unerschrocken, übermütig und lebensfroh. Lachen ist wichtig. Achten auf das Unscheinbare. Diskutieren. Streiten. Ja, auch dies habe ich erst von ihnen gelernt: streiten – und vergeben.

Wichtig ist, Respekt zu haben vor der Natur und all jenen Menschen, die ihn verdient haben. Das müssen keine «grossen» Menschen sein, im Gegenteil: Respektlosigkeit am richtigen Ort ist genauso wichtig, gerade gegenüber denen, die zwar einen hohen Titel tragen, einen wichtigen Rang bekleiden, deine Ehrfurcht aber nicht verdienen. Und schon gar nicht deine Furcht. Lass dir nichts vorgeben, keine Rolle, keinen Beruf, keinen Weg. Werde hellhörig, wenn man dir sagt, dass etwas «typisch Bub» oder «typisch Mädchen» sei. Finde stattdessen heraus, was dir Freude bereitet, was dich erfüllt und worin du besonders gut bist. Versuche, die Welt als einen besseren Platz zu verlassen, als du sie vorgefunden hast. (Aber das ist schon wieder etwas, was ich von meinem Sohn, dem Pfadfinder, gelernt habe und nicht er von mir.)

Er wird dein Vater sein. Vielleicht wird auch seine Schwester deine Mutter sein. Ich wünsche mir jedenfalls ganz fest, dass es dich dereinst gibt – und ich freue mich darauf, dass du mich an der Hand nimmst und mir die Welt zeigst. In Liebe und Zuversicht, dein Grossvater. 

Die Hörkolumne (MP3)

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