19. Juli 2018

Blumberg

«Es war die Jugend, die zählte … und sonst zählte nichts. Nichts.» Die Buchkritik zum neuen Roman des Basler Autors Andreas Niedermann

Buchcover: «Blumberg»

Wien im Hochsommer. Die Luft flimmert vor Hitze. Ein Zustand, den man irgendwie durchsteht. Isa Blumberg (53), Ausstellungsbetreuerin, hat schon viel zu viel durchgestanden: das Gassigehen mit scheckige Marone, ein Hund, der anders heisst und auch nicht ihrer ist; langweilige Aufträge, fehlende Aufträge und dreiste Museumsbesucher mit interaktiven Gören. Hinzu kommt das Ende ihrer Beziehung mit Carla, die «kompliziert geworden, nach und nach an Fahrt verloren hatte, dann einfach ausgerollt und schliesslich zum Stehen gekommen war».

Als eine Taube das komplette IT-System einer Ausstellung lahmlegt, wird Isa schliesslich tätig und erschiesst den Vogel kurzerhand. Als sie auch noch ihre Chefin ohrfeigt, ist sie ihren Job los. (Un)glücklicherweise wird sie aber von Skinhead Jerk aus ihrem Antiaggressionskurs, zu dem sie verdonnert wurde, gleich für einen neuen angeheuert: Die Ex-Punkerin und ehemalige Journalistin im Kosovokrieg soll dessen verschwundenen Bruder Ronny finden.

Doch das ist leichter gesagt als getan, denn «manchmal schien es selbst unmöglich, mit Anstand und ohne Verlust der Selbstachtung eine Cola zu bestellen. Das lag daran, fand Isa, dass der Sozialstaat sich ein verhätscheltes Edelproletariat herangezüchtet hatte, das sich, aus was für Gründen auch immer, durchwegs zu Höherem berufen fühlte. Jede Kellnerin, jeder Supermarktkassierer ein Superstar in spe».

Isa tappt im Dunkeln. Was hatte Benny Kracht mit dem Fall zu tun? Und welche Rolle spielte Penelope aus Somalia? Was passierte mit dem Toten im Fitnesscenter wirklich, warum hatte Robert Koch seine Recherchen abgebrochen, und wie steckte ihr Sohn, der Priester, in dem ganzen Schlamassel? Nach und nach zerbröselt Isas bisheriges Leben. Auf ihrer rastlosen Suche stösst sie, ganz ungewollt, auf eine alte Geschichte von ideologischer Verblendung, Dummheit und Schuld.

«Blumberg», der neue Roman des Basler Autors Andreas Niedermann, besticht durch unverfälschte, süffig-unprätentiöse, reduzierte und doch stilsichere Sprache, die die Querelen unserer Zeit authentisch und ohne pseudointellektuelles Geschwurbel skizziert.

Böses, Ernstes wird ironisch gebrochen, auch wenn «Ironie die einzig verfügbare Schärfe der Feiglinge und nur wirksam ist, wenn sie als das erkannt wird, was sie ist». In «Blumberg» wird sie das in der Tat. Und feige ist der Bruce Springsteen des Kurzromans, wie ihn ein Rezensent einst nannte, mitnichten: Der Wahlwiener debütierte bereits 1987 mit dem Roman «Sauser», der ein Underground-Bestseller wurde. Es ist also höchste Zeit, dass ihn auch die Szene der sogenannten anspruchsvollen Literatur wahrnimmt und ernst nimmt. Auch wenn der Roman als Krimi beworben wird, liesse er sich gut und gern in die Genres Gesellschafts- und Entwicklungsroman oder rasantes Roadmovie einordnen. Aber das will Niedermann eben nicht: eingeordnet werden.

Und am Ende überkommt den Leser unwillkürlich die schwer erträgliche Wahrheit: «Es war die Jugend, die zählte. Die Jugend, die Jugend, die Jugend, und sonst zählte nichts. Nichts.» «Blumberg» ist ein Roadmovie, das mit der letzten Seite des Buches nicht endet, das immer so weiter und weiter geht, wie die Welt, die sich unaufhörlich dreht.

Autor: Andreas Niedermann
Verlag: Songdog

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