Leser-Beitrag
02. August 2017

Bis zum bitteren Ende

Eine Schauergeschichte von Florian Riner.

Der Kaffeeduft hing in der Küche, vermischte sich mit dem Rauch der Kippe in Erichs Hand. Seine Zeitung zitterte. Er versuchte, mit der Nase den Texten zu folgen. Die Lesebrille vom Kiosk vermochte das schwindende Augenlicht nicht mehr genügend zu unterstützen. Seitenteil dreizehn, Todesanzeigen, die Namen der Verblichenen fett gedruckt. Das Hauptmerkmal galt aber dem Geburtsjahr. Meistens dünn gedruckt, unter dem Profil, verglich Erich die Daten mit dem Seinigen. Betroffen registrierte er dass immer öfters Menschen im Lebensalter wie er, verstarben. Die Knochen und Gelenke knacksten am Morgen beim Aufstehen, der Gang zur Toilette mit Schmerzen verbunden. Der fünfzigste Geburtstag vor zwei Jahren bedeutete psychisch wie physisch einen Wendepunkt in seinem Leben. Sein vierbeiniger, treuer, langjähriger Begleiter zeigte ähnliche Symptome. Die verschriebenen Nahrungsergänzungsmittel vom Tierarzt fanden im Tiernapf wie Erichs Yoghurts Verwendung.

Mit einem Ruck entfernte Erich den Korken. Das Glas Weisswein, gegen neun Uhr, mutierte zur Gewohnheit. Beruhigend, die Angstgedanken traten in den Hintergrund. Nach mehreren Zügen, es vermochte zu regnen oder stürmen, hellte das Blickfeld auf.

An diesem Tag heizte die brennende Morgensonne das Wasser im kleinen, ovalen Pool auf. Der Bauch hing über die zu enge Badehose, in die sich Erich trotz allem gezwängt hatte. Das farbneutrale, übergroße T-Shirt kaschierte. Die Hecke um den Garten schützte vor neugierigen Augenpaaren. Gegen Mittag, die Temperatur war wie in den Tropen, wurde der Grill in Betrieb genommen. Es gab Würste und ein Steak für sich und seinen Besuch. Die Lieblingsspeisen von Beiden, gerecht aufgeteilt. Salat oder Gemüse? Fremdworte.

Am Nachmittag hörte der Nachbar aufgeregtes Bellen, Wasserplanschen. Doch es fiel ihm schwer, wegen der wildwachsenden Hecken eine Einsicht in den Garten zu erhaschen. Es roch nach gutgewürztem Fleisch, das Wasserspiel konnte er nahezu selbst mitfühlen. Salsa, Reggae, Blues und Schlager füllten die Atmosphäre.

Flugzeuge zogen über ihnen Richtung Süden. In diesem Monat starteten, ebenso landeten sie im Viertelstundentakt vom und auf dem nahegelegenen Flugplatz. Erich machte die Musik lauter, um die dröhnenden Düsen zu übertönen. Das Wasser fühlte sich angenehm warm an, sein Kollege genoss es ebenfalls.

Nachbar Paul, frühpensioniert, schnappte am darauffolgenden morgen die abonnierte Zeitung aus dem Briefkasten. Marie, seine langjährige Lebenspartnerin brühte köstlich duftenden Kaffee auf. Es gab frisches Brot vom Bäcker, geschnitten, bestrichen mit Butter und Konfitüre. Der Frührentner öffnete Seitenteil dreizehn, wie immer, zuerst.

«Sieh Marie, in unserer Nachbarschaft sind zwei im Pool ertrunken.»

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