30. April 2018

Bilder im Kopf

Bänz Friedli war mal Sportreporter. Hier findest du die Hörkolumne und kannst dich mit dem Autor und anderen Leser(inne)n austauschen.

YB-Legende Georges Bregy (l.) neben Sportjournalist Bänz Friedli
YB-Legende Georges Bregy (l.) neben Sportjournalist Bänz Friedli und Matthias Aebischer, heute SP-Nationalrat.

Himmel, ja! Deshalb war ich in den Keller gestiegen. Weil ich eine bestimmte Fotografie von früher suchte. Stattdessen fand ich Briefe, die längst ins Altpapier gehörten. Eine Schularbeit aus dem Jahr 1983 über Otto F. Walters «Der Stumme». Veraltete Reiseführer für Saigon, Cagliari, New Orleans.

Aber ich suchte ein Bild, jetzt, da meine Young Boys Meister werden: Es zeigt mich als jungen Reporter mit Spielern aus dem letzten Meisterteam von 1986. Aus den 20 Jahren, während deren ich für Zeitungen und Lokalradios über Fussballspiele berichtete, gibt es ganze fünf Bilder. Ich habe sie allesamt vor dem inneren Auge: eines, auf dem ich Karli Odermatt interviewe, eines mit YB-Legende Tinu Weber, eines mit Georges Bregy und eines, auf dem ich mit Kopfhörersprechgarnitur auf D52 sitze, meinem Platz auf der Pressetribüne.

Heute versenden wir andauernd und aus allen erdenklichen Lebenslagen Fotos per Snapchat, Whatsapp, Instagram, Facebook. Gestern Abend zum Beispiel verschickte ich den Spargelsalat, den ich soeben zubereitet hatte. Auf all den Kanälen werden jeden Tag 2300-mal so viele Daten neu erschaffen, wie sie in der grössten Bibliothek der Welt, der Library of Congress, gelagert sind. Und besagte Library umfasst immerhin 39 Millionen Bücher und 14 Millionen Fotografien. Täglich übertreffen wir diese Datenmenge 2300-mal – kann man sich das vorstellen? Nein. Und wo sollen dereinst all die Bildchen und Kommentärchen gespeichert werden, die alle Welt täglich absondert? Wer ordnet und sortiert sie, wer bestimmt, welches von zig Milliarden Handybildern aufbewahrt wird? Und wie bewahrt man ein digitales Bild sicher auf? Wäre ich erst heute Sportreporter, es gäbe Aberhunderte, Tausende Bilder, die davon zeugen würden. Aber womöglich bliebe kein einziges wirklich erhalten.

Meine Fotos von damals? Habe ich dann doch noch gefunden. Eines zeigt meinen damaligen Kommentatorenkollegen Matthias Aebischer, den heutigen Nationalrat, und mich im Gespräch mit Georges Bregy. Ein harter Hund war der! Kritisierte ihn einer von Radio Förderband, Radio Extra Bern oder DRS 1 während des Spiels – was er nicht hören konnte, er stand ja auf dem Rasen –, war dem Reporter gewiss, dass er am Montag früh einen Anruf erhalten würde: «Salut, da isch där Brägyschorsch …» Es folgte eine Standpauke, was einem eigentlich einfalle. Er habe pro Sender, so ging die Legende, einen Spion beauftragt, ihm zu rapportieren. Drei Radios, das war überschaubar. Mit all den heutigen Verbreitungskanälen käme der gute Bregy vom Hundertsten ins Tausendste.

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 3.5. Solothurn / 4.5. Neuenegg BE / 5.5. Ried FR

Bänz Friedli
Bild: Vera Hartmann

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