01. Dezember 2017

Bilder für Bondo

Rund drei Monate nach dem Felssturz am Piz Cengalo sind die meisten Bewohner nach Bondo zurückgekehrt. Einen kleinen Beitrag zum Wiederaufbau des Bergdorfes leistet eine Fotoauktion

Erna Picenoni (84) auf den Treppen zu ihrer Haustür.
«Rückkehr nach Bondo»: Gian Ehrenzeller hat den Felssturz und die Aufräumarbeiten im Auftrag von Keystone begleitet.
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Endlich darf Erna Picenoni (84) wieder heim. Die Behörden haben grünes Licht gegeben: Die Bergellerin ist unendlich erleichtert und nimmt die Stufen zu ihrer Haustür trotz ihres fortgeschrittenen Alters mit Elan. Fast zwei Monate lang musste sie mit ihrem Mann Gustavo (88) in einer kleinen Wohnung in der Nachbargemeinde Castasegna GR ausharren. Den Garten, die Katze, den gewohnten Tagesablauf: Alles mussten die Hochbetagten zurücklassen, um sich vor den Murgängen in Sicherheit zu bringen, die Bondo GR seit dem Felssturz vom 23. August 2017 am Piz Cengalo bedrohten.

«Val Bondasca 2017»
«Val Bondasca 2017»: Andrea Badrutt hat das Tal drei Tage nach dem Felssturz am Piz Cengalo vom Helikopter aus fotografiert

Am Tag der Rückkehr, am 14. Oktober, ist Fotograf Gian Ehrenzeller im Auftrag der Bildagentur Keystone im Bergell unterwegs und lichtet Erna Picenoni auf der Treppe zu ihrem Haus ab. Jetzt stellt er das Foto unter dem Titel «Rückkehr nach Bondo» für eine Auktion zur Verfügung, deren Erlös vollumfänglich an das von der Naturkatastrophe betroffene Dorf gehen soll. 27 weitere Fotografen beteiligen sich mit insgesamt rund 30 Bildern an der Aktion, die am kommenden Freitag in Zürich über die Bühne gehen wird. Alle Verkaufsobjekte sind im Bergell entstanden. Einige zeigen den Moment der Katastrophe, etwa die beiden Bilder von Raymond Meier, der auf eine erfolgreiche Karriere als Modefotograf in New York zurückblickt und heute einen Zweitwohnsitz in Soglio hat. Andere stehen nicht in einem Zusammenhang mit dem Unglück, beispielsweise ein Bild des renommierten Alpinismusfotografen Robert Bösch, das einfach eine schöne Berglandschaft zeigt.

«Felssturz» und «Murgang»: Raymond Meier wurde am 23. August mit seiner Kamera Zeuge der Naturkatastrophe.

11,2 Millionen Franken sind bei den Hilfsorganisationen und auf dem Spendenkonto der Gemeinde inzwischen für Bondo zusammengekommen. «Wir sind unglaublich dankbar für diese Solidarität», sagt Gemeindepräsidentin Anna Giacometti (56). Sie weiss auch die Aktion der Fotografen zu schätzen und wird persönlich nach Zürich reisen: «Hier geht es auch um die Botschaft. Das Bergell ist schön, und das Bergell ist nicht nur Bondo.» Das Tal könne weiterhin Gäste beherbergen und sei kein Katastrophengebiet – auch wenn die Aufräumarbeiten noch im Gange seien. Leben mit der Gefahr

Noch immer sind Zivilschützer im Dorf, die insgesamt fünf Häuser von den Erdmassen befreien. Erst wenn die Gebäude leergeräumt sind, können die Statiker entscheiden, ob sie stabil genug für eine Renovation sind. Bis die Brücke, die die beiden Dorfteile bisher verband, wieder errichtet ist, dürfte es noch dauern. Bauingenieure überlegen derzeit, wie und wo genau sie gebaut werden müsste, damit sie künftige Murgänge unbeschadet übersteht.

«Nera da Isola»
«Nera da Isola»: Gian Giovanoli hat eine schwarze Wand mitten in der Ziegenherde platziert und davor die Ziege Nera abgelichtet.

Wie steht es überhaupt mit der Gefahr aus dem Seitental? Schnee und Kälte haben den Schutt im Val Bondasca in den Winterschlaf versetzt. Die Geologen gehen jedoch davon aus, dass die Gefahr noch nicht gebannt ist. Im Frühling, wenn es taut und regnet, könnte das instabile Material nochmals nach Bondo fliessen. Und am Piz Cengalo sind weitere Felsstürze nicht ausgeschlossen.

In Bondo ist man für den Fall der Fälle gewappnet: Das Auffangbecken für die Murgänge wurde leergeräumt und vergrössert, und ein neuer Damm soll das Dorf vor möglichen Schlammmassen schützen.

«Hier kann ich nicht mehr leben», hätten einige Leute kurz nach dem Felssturz gesagt, erzählt Gemeindepräsidentin Giacometti. Jetzt aber würden die Bondarini wieder mit Optimismus in die Zukunft blicken: «Auch weil wir nicht alleingelassen wurden.» 

Auktion «Per Bondo»: Freitag, 8. Dezember, im Löwenbräu-Areal in Zürich, Eintritt ab 15 Uhr, Auktion ab 20 Uhr

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