18. September 2017

Big Rudy kommt zu Besuch

Bänz Friedli übt sich als Fremdenführer.

Lesezeit 2 Minuten

Und dann wollte Belinda die Löwen sehen. «Ai wantu sii dé Laiens …!», piepste sie in ­ihrem mexikanisch gefärbten Amerikanisch ein ums andere Mal. «Which lions?», fragte ich nach und musste ihr dann versichern, es gäbe keine Löwen in Zürich, ausser im Zoo. Doch, doch! Es stünde in ihrem Reiseführer! Belinda, die quirlige Latina, war sich ihrer Sache ganz sicher: In Zürich gebe es ein Denkmal, vor dem sich in einem Graben lebendige Löwen tummelten …

Angefangen hatte das Ganze ja vor einigen Jahren in Houston, Texas, bei 40 Grad im Schatten. Der dicke Rudy – und sorry, wenn ich hier «dick» schreibe, aber es gibt kein ­anderes Wort für seine Leibesfülle – zeigte mir seine Stadt. Freunde nennen ihn Big Rudy. Er ist so übergewichtig, dass er schon ins Keuchen kommt, wenn er den kurzen Weg von seinem Haus zur Garage zurücklegt. Dann steigt er in seinen Truck, alles andere erledigt er auf ­Rädern – auch den Einkauf im Supermarkt, wo er auf einem eigens für Beleibte bereitgestellten Wägelchen um die Regale kurvt.

Dieser Rudy fuhr mich also durch Houston, wobei die Fahrt auf der Stadtautobahn von einem Stadtende zum anderen eineinhalb Stunden dauerte. Ein feiner Kerl, verstehen Sie mich richtig! Aber er tat mir leid in seiner Spezialanfertigung von Jeans und dem fixleintuchgrossen Shirt.

Leise überrascht war ich, als Rudy einen Gegenbesuch in der Schweiz ankündigte. Aber Ehrensache, dass ich mir zwei Tage freinahm, um ihm die Stadt zu zeigen. Ihm und der zierlichen Belinda, die er im Schlepptau hatte.

Zunächst fahren wir auf unseren Hausberg, doch die paar Minuten zu Fuss von der Bergstation zum Kulm sind für Big Rudy zu viel. Belinda und ich müssen alleine raufspazieren. Das Panorama versetzt sie in helle Aufregung, und sie will wissen, in welcher der Villen am See denn nun Tina Turner wohne? (Auch das hat sie in ihrem Reiseführer gelesen.) Die historische Altstadt wäre nur zu Fuss zu erkunden; dann halt ab aufs Schiff. Zum ersten Mal sehe ich die Stadt, in der ich seit bald zwanzig Jahren lebe, mit den Augen eines Touristen. Sie gefällt mir.

«Willst du nun in den Zoo?», frage ich Belinda schliesslich. Nein, sie wolle die Löwen beim Denkmal sehen! Es dauert, bis sich herausstellt, dass sie das Löwendenkmal in Luzern meint. Nichts wie hin. Ich war in meinem Leben ja viele Dutzend Male in Luzern, habe Freunde dort und besuche jedes Jahr das grossartige Bluesfestival. Aber das Löwendenkmal? Nie gesehen.

Den kurzen Weg vom Bahnhof dorthin legen wir im Taxi zurück, Rudy zuliebe. Zusammen mit fünfzig Indern, einer Gruppe Chinesinnen und einer Handvoll Japanern bestaunen wir das steinerne Tier. Und wenngleich im Teich davor keine Löwen schwimmen, flötet Belinda: «Oh, ai laaaave Zurick!» Ihr ist entgangen, dass wir nicht mehr in derselben Stadt sind. Was sind schon 45 Minuten Zugfahrt für jemanden, der aus Houston kommt? 

Die Hörkolumne (MP3)

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