14. März 2016

Big-Bang-Star Jim Parsons im Interview

Vor Kurzem lief in den USA die 200. Folge der Kultserie «The Big Bang Theory». Jim Parsons spielt darin einen eigenwilligen Physiker und Sci-Fi-Nerd. Der hochbezahlte Schauspieler – er verdient eine Million Dollar pro Episode – über Panikmomente, Gaststar Leonard Nimoy und seine Vorbildrolle für Lesben und Schwule.

Jim Parsons
Spielt den seltsamen Physiker: Jim Parsons.

Jim Parsons, seit 2007 spielen Sie Dr. Sheldon Cooper in «The Big Bang Theory», einen von sich selbst überzeugten Physiker mit kaum vorhandener Sozialkompetenz, der dafür fliessend die «Star Trek»-Sprache Klingonisch spricht. Was haben Sie mit ihm gemein?

So gut wie nichts. (schmunzelt) Wir haben auch keine gemeinsamen Interessen. Oft verstehe ich gar nicht, wovon Sheldon überhaupt redet. Zum Glück haben wir Naturwissenschaftler am Set, die sicherstellen, dass ich nichts Falsches sage. Mit ihnen zu kommunizieren, ist für mich allerdings nicht einfach, weil meine Gehirnkapazität wohl schlicht zu beschränkt ist. Ganz fremd ist mir Sheldon aber natürlich nicht: Schliesslich ist es der Schauspieler mit seinen persönlichen Erfahrungen, der die Wahrhaftigkeit einer Figur an die Oberfläche bringt.

Hat die Weltsicht von Sheldon die Ihre beeinflusst – zum Beispiel was ausserirdische Lebewesen betrifft?

«Close Encounters of the Third Kind» ist einer meiner Lieblingsfilme, aber das Universum ist zu gross für mich, um wirklich ernsthaft darüber nachzudenken. Den Gedanken, dass es da draussen Leben gibt, finde ich seltsamerweise beruhigend. Aber ich habe keine Ahnung, wie es aussehen könnte. Ich habe auch keine Lust, ins All zu reisen, um es herauszufinden. Ich mache schon ein Tamtam, wenn ich nach London muss.

Sie haben also doch auch Panikmomente wie Sheldon?

Ja, okay, beim Reisen kriege ich Zwangsstörungen. Ich denke jeweils, ich habe vergessen den Ofen auszuschalten etc. Wenn ich aber mal an einem Ort angekommen bin, gefällt es mir in der Regel ganz gut.

Mit Prominenten wie Stephen Hawking oder Leonard Nimoy treten immer wieder Gaststars in der Serie auf. Welche haben Sie besonders beeindruckt?

Solche hohen Besuche sind natürlich immer speziell und eine Ehre. Spock-Darsteller Leonard Nimoy war ein wunderbarer Gentleman. Ich habe «Star Trek» zwar nie geschaut, aber ich erfuhr dann, was für ein toller Künstler er ist – ein grossartiger Fotograf und intelligenter Mann. Dass er der Regisseur von «Three Men and a Baby» war, habe ich leider erst nach seinem Tod mitbekommen. Das war einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Und für meine Arbeit hat er auch eine grosse Bedeutung: Früh in der Serie gibt es eine Episode, in der Penny Sheldon ein Autogramm von Nimoy auf einer Serviette schenkt. Das war das erste Mal, dass Sheldon etwas emotional berührte – ein wichtiger Moment für mich als Schauspieler.

Dass eine Show über Nerds ein Hit wird, war nicht von vornherein absehbar. Was ist der Schlüssel zum Erfolg?

Wir waren ja nicht schon mit der ersten Staffel der grosse Hit, so konnten wir langsam wachsen, ohne von Anfang an unter dem Mikroskop zu sein. Die Serie beweist für mich, dass es mehr heimliche Nerds gibt, als man vermuten würde. Mir hat schon ein riesiger, tätowierter Typ zugerufen: «Ich find dich toll, Mann!» Unsere Fans decken ein sehr breites Spektrum ab. Ich glaube, die Leute gehen nach Hause und schalten unsere Show ein, weil sie mit uns sie selbst sein können.

In der aktuellen neunten Staffel erreichte die Beziehung zwischen Sheldon und der Neurobiologin Amy Farrah Fowler einen neuen Höhepunkt. Werden die beiden gar bald heiraten?

Ich glaube, sie sind ein gutes Paar und passen zusammen. Ich würde es schön finden, wenn sie heiraten – sie verdienen das. Sie haben doch eigentlich eine ganz ehrliche und meiner Meinung nach auch die gesündeste Beziehung in der Serie. Es ist ja alles im Beziehungsvertrag geregelt. (lacht) Aber die Autoren hören natürlich nicht auf mich.

Sie denken also, mit dem ersten Sex ist der Höhepunkt von Sheldons Liebesleben jetzt buchstäblich erreicht?

Es geht ja immer einen Schritt nach vorn und zwei zurück bei ihm. Eine Hochzeit sehe ich jedenfalls nicht in absehbarer Zukunft. Und ich bete zu Gott, dass sie erst ein Kind haben, wenn wir nicht mehr auf Sendung sind. Ich will keine Staffel lang ein Baby mit mir herumschleppen. Ich will niemanden beleidigen, aber ich arbeite lieber mit einem Affen.

Bild: Everett Collection/Keystone
Sheldon Cooper (rechts) und seine nerdigen Freunde in der Hit-Serie «The Big Bang Theory». Bild: Everett Collection/Keystone

Wie waren Sie selber als Kind?

Ich bin in Houston aufgewachsen und lebte da, bis ich 27 war. Ich zeigte früh Neigungen zum Theatralischen und werkelte immer an irgendwelchen kleinen Produktionen. In der Schule gabs jedes Jahr eine Aufführung: In der ersten Klasse war ich ein Vogel und hatte sogar ein Solo. Das hat mir wohl den Ärmel reingezogen.

Sie wollten immer Schauspieler werden?

Ja, oder Fernsehmeteorologe. Eine Weile wollte ich auch Lehrer werden – das passiert vielleicht eines Tages auch noch. Ich ging aufs College und liess das Theater einige Zeit sein, weil ich ja etwas «Anständiges» lernen wollte. Aber ich sagte mir nach einem Jahr, dass ich vermutlich ein sehr unglücklicher, alter Mann werden würde, wenn ich das mit der Schauspielerei nicht versuchte. Meine Eltern waren nicht begeistert und mahnten mich zur Vorsicht, als ich sagte, ich wolle Theater als Hauptfach wählen. Aber sie entmutigten mich auch nicht, und das machte den Unterschied.

Haben Sie sich durch Ihre Wahl auch hin und wieder als Aussenseiter gefühlt?

Ja, immer ein bisschen, aber vielleicht fühlt sich jeder so, als gehöre er nicht richtig dazu. Sport interessierte mich nicht, ich fühlte mich zu den Künsten hingezogen. Ich war nicht wie die anderen Jungs. Doch ich hatte das Glück, immer Freunde zu haben – weil ich freundlich war und gern mit Leuten rede. Auch heute fühle ich mich manchmal nicht richtig integriert, inzwischen stört mich das allerdings nicht mehr. Ich verdiene ja auch mein Geld damit.

Sheldon ist ein Memorabilesammler. Besitzen Sie auch schräge Erinnerungsstücke, die Ihnen viel bedeuten?

Ich habe die «Mr. Proton»-Puppe, die Gaststar Bob Newhart in der Serie verwendete. Ansonsten kommt mir nur der laminierte Business-Card-Anhänger meines verstorbenen Vaters in den Sinn. Der Anhänger hing an einem Koffer, den ich offenbar mal ausgeborgt hatte. Er ist abgegriffen und finanziell wertlos, aber mit viel Emotionen beladen. Ich kann mich einfach nicht davon trennen.

Apropos Trennung: Man sagt, man könne den Texaner aus Texas herausnehmen, Texas aber nicht aus dem Texaner. Wie zeigt sich das bei Ihnen nach Jahren in den liberalen Unterhaltungsmetropolen Los Angeles und New York?

Das stimmt. Der Stolz des Texaners ist legendär. «Don’t mess with Texas!» Als ich noch da lebte, habe ich die Augen verdreht, wenn ich das hörte. Jetzt ist es mein Mantra: «Nichts gegen Texas!» Es ist ein toller Ort. Ich liebe Tex-Mex-Food und bin immer noch für die Rockets und die Texans, das Basketball- und Football-Team von Houston. Es ist mein sentimentales Daheim; meine Schwester hat mir ein T-Shirt geschickt mit dem texanischen Staat und dem Wort «Home». Ich trage es sehr oft.

Brauchte es Mut, sich im konservativen Texas zur Homosexualität zu bekennen?

Houston ist eine Metropole, ich hatte nie das Gefühl, dass ich kein Recht auf mein Leben hatte. Klar gab es Leute, die ein Problem damit haben konnten, wenn man sich an gewissen Orten aufhielt. Aber das schreckte mich nicht ab. Ich halte mich auch nicht für mutig, zu sein, wie ich bin. Denn ich stehe auf den Schultern derjenigen, die vor mir kamen und diesen Weg ebneten.

Sie verheimlichten Ihre Sexualität auch nicht, als Sie berühmt wurden – als Vorbild für andere schwule Prominente?

Nein, es war einfach die logische Folge. Ich war ja bereits Mitte 30, als «The Big Bang Theory» begann, schon lange als Schauspieler tätig und bereits fünf Jahre mit meinem Partner Todd zusammen. Es gab kein Zurück mehr, zum Glück. Ich nahm Todd zu den ersten Award-Shows als Date mit, und was geschah?

Was denn?

Absolut gar nichts. Es hat mich darauf auch nie jemand gefragt: Sind sie schwul? Als ich den TV-Film «The Normal Heart» über die Aids-Krise in den 80er-Jahren drehte, setzten die Interviewer es als gegeben voraus und fragten, wie ich dieses oder jenes als schwuler Mann empfinde. Schliesslich fiel auch das weg. Ich bin dankbar, dass sich alles so natürlich entwickelt hat. Als Glisten, eine Studentenorganisation für Schwule und Lesben, mir und meinem Partner einen Inspirationspreis verlieh, war ich etwas perplex. Ich bin kein Aktivist. Wir leben einfach unser Leben. Und wenn das inspirierend ist, ist es rein zufällig – aber auch okay.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: «The Big Bang Theory» ist seit Jahren die quotenstärkste US-Sitcom, die zehnte Staffel ist bereits angekündigt. Denken Sie trotzdem schon an den Abschied von Sheldon?

Ich glaube, dass ich mich unterbewusst bereits auf die nächste Etappe in meinem Leben vorbereite. Aber Sheldon macht immer noch Spass, wenn ich nicht gerade seitenweise Physikdialog lernen muss. Ich bin immer wieder überrascht, was als Nächstes mit ihm passiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich je etwas bereuen werde. «The Big Bang Theory» war eine wertvolle Erfahrung. Ich habe von allen, die an der Serie arbeiten, viel mit auf den Weg bekommen. Es ging aber auch schnell vorbei: Ich war 34, als wir begannen. Und schwupp – schon liegt eine Dekade hinter uns. Wo sind all die Jahre hin?

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