15. Oktober 2018

Bestellen, benutzen – bezahlen?

Für den Applaus der Community machen sich manche mit einem Outfit vom Onlinehändler schick, schiessen ein Selfie und retournieren die Ware. Nur eine Anprobe oder Umtauschbetrug?

Mädchen mit Kleid
Wird das neue Kleid ein Liebling für viele Stunden – oder nur für einen einzigen Instagram-Post? (Bild: iStockphoto)

Fängt ein Satz heute mit «Meine Tasche ist von …» an, endet er meist nicht mehr mit «… meiner lieben Omi, ein Geschenk zum Geburtstag». Die Taschen der Bloggerinnen auf Instagram sind von Chanel, Dior, Louis Vuitton. Mit dem Hashtag #ootd – outfit of the day – zeigen sie ihren Followern, was sie gerade tragen. Die Kleider und Accessoires sind teuer und selten die gleichen wie am Vortag.

Jugendliche sind Zielgruppe
Das weckt bei den oft jungen Fans natürlich Kaufwünsche. «Jugendliche sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und eine hochinteressante Zielgruppe für die Werbung. Sei dies in klassischen Medien oder auf Social Media», bestätigt Bernhard Bürki von Pro Juventute. Doch um den Traum vom Kleid Realität werden zu lassen, fehlt vielen das nötige Geld. Wie wäre es also, den coolen Sweater online zu bestellen, ihn für ein Instagram-Selfie anzuziehen und dann kostenlos wieder zurückzuschicken?

Kostümparty – bestellen, schöne Fotos machen, zurück an den Absender.

Bei der kürzlich veröffentlichten Studie einer britischen Kreditkartenfirma gab jeder zehnte Konsument zu, genau so schon vorgegangen zu sein. Patrick Kessler, Präsident des Verbands des Schweizerischen Versandhandels (VSV), nennt dieses Phänomen so: «Kostümparty – bestellen, schöne Fotos machen, zurück an den Absender.» Für ihn stellt sich die Frage, ob diese Kleider schon als «gebraucht» gelten oder nur als «anprobiert und fotografiert», wie das zuweilen auch in der Umkleidekabine vorkommt. «Es ist ein Grenzfall. Dem Händler macht er aber keine Freude.»

Kleider stinken nach Rauch
Klare Fälle von Umtauschbetrug seien schon lange ein Thema, hält Kessler fest. Diese kann man auf verschiedene Arten feststellen: Entweder wurde der retournierte Artikel offensichtlich benutzt – weist also Gebrauchsspuren auf oder stinkt nach Rauch. Oder die Betrüger wenden einen Trick an: Sie schicken gefälschte Produkte zurück. Der VSV rät seinen Mitgliedern, genaue Rückgaberichtlinien zu definieren, heikle Produkte wie Unterwäsche oder Parfüms zu versiegeln und bei einem Verdacht die Kundin telefonisch zu konfrontieren.

Besonders beliebt für Umtauschbetrug seien Abendkleider und Schuhe, die für einen speziellen Anlass getragen werden. «Man missbraucht den Onlinehändler als Leihhaus», fasst Kessler zusammen.

Der Klassiker während der Fussball-WM: Man bestellt einen grossen Flachbildschirm und schaut unzählige Spiele. Nach der WM geht das Teil zurück an den Verkäufer.

Auch Heimelektronik ist betroffen. Kessler: «Der Klassiker während der Fussball-WM: Man bestellt einen grossen Flachbildschirm und schaut unzählige Spiele. Nach der WM geht das Teil zurück an den Verkäufer.» Bei Digitec Galaxus, dem grössten Onlinehändler der Schweiz, machen die Kunden von ihrem Rückgaberecht selten Gebrauch. «Noch seltener kommt es vor, dass bei Rückgaben eindeutig ein Betrugsgedanke dahintersteckt», sagt Pressesprecher Alex Hämmerli.

Offiziell zum Ausleihen bieten zwei junge Schweizerinnen ihre Produkte an: Auf Metoyoubag.com kann man Luxustaschen mieten. «Chanel, Dior, Louis Vuitton – wir haben sie alle», sagt Co-Gründerin Ekaterina Derkatch. Unter ihren Kundinnen seien auch viele Bloggerinnen, verrät sie.

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