22. Januar 2018

Bessere Zeiten

Bänz Friedli wünscht sich was. Hier kannst du dich mit anderen Lesern austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Der gemäss Bänz einsamste Job der Welt: Barpianist (Bild: Bänz Friedli).

Ladde-bii, ladde-bi-ii …», singt der Barpianist, «ladde-bii, ou, ladde-bii …» Niemand scheint ihm zuzuhören, er zersingt den Song zur Unkenntlichkeit. Und während ich mich noch frage, wie man im Englischen einen solchen Akzent haben kann, merke ich, dass es sich bei seinem «Spikinn’ worzov wisdoms, ladde-bii …» vermutlich um «Let It Be» handelt. Ist er Slowake, Bulgare, Ukrainer? Er hat den sprichwörtlich einsamsten Job der Welt. Halbe Nächte lang muss ein Barpianist sich Turtelnde ansehen, auf ihn wartet niemand.

Dass keiner applaudieren würde, hat der Pianist geahnt, er hängt dem Schlussakkord sogleich das nächste Stück an. Mit der Könnerschaft eines, der dies seit vielen Jahren tut. Und doch fahrig. Virtuos, aber klimpernd. Ein Sound, wie ihn nur Barpianisten draufhaben. Sie musizieren mit der Beiläufigkeit, mit der Piloten ins Mikrofon nuscheln: betont lässig, etwas lieblos, routiniert. Auf dem Bechstein-Flügel, oben, wo sich die Notenablage befände, liegt ein zusätzliches E-Piano, dem er per Tastendruck kaugummige Geigen und kunststoffene Perkussion entlockt.

Ist er sich der Absurdität bewusst, wenn er John Lennons Zeile «Imagine no possessions» just hier singt? Wir befinden uns in einer sehr noblen Hotellobby irgendwo in den Bergen. Er – Hemd, Gilet, locker gebundene Krawatte mit farblich unpassendem Dackelmotiv – ist nicht allein. Auf einem Barhocker neben dem Flügel, die Beine übereinandergeschlagen, sitzt sie mit rötlichbraun getöntem Haar im Abendkleid. Im Wechsel singen sie. «Song Sung Blue», «Stand By Me», «Country Roads», all die Klassiker. Und bei «Sorry Seems to Be the Hardest Word» gar im Duett. Hintergrundmusik.

Da, plötzlich! «Diamante», ein Canzone von Zucchero. Die Frau singt mit hörbar gesteigerter Leidenschaft. Das Lied handelt in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, «soldati e spose» ziehen darin vorbei, junge Brautpaare. Und weil die aus der Armee entlassenen Bräutigame keine eleganten Kleider besassen ausser der Uniform, heirateten sie darin. In sachter, erst pastellener Hoffnung auf bessere Zeiten.

Nun bin ich echt ergriffen. Pianist und Sängerin werfen sich Blicke zu. Vielleicht sind sie nicht gemeinsam einsam, sondern ein Paar? Ich könnte sie fragen. Lieber aber stelle ich mir vor: dass sie Ilja und Eliška heissen, bald eine eigene Bar in Bratislava eröffnen, Kinder bekommen. An manchen Abenden, umgeben von ihren Liebsten und engen Freunden, werden sie aufspielen. Es muss kein Flügel sein, ein altes Klavier tuts auch. Und alle werden in «Ladde-bii, ladde-bi-ii …» mit einstimmen. Ein Fest wird das sein!

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 24.1. Frick AG, 26.1. Brütten ZH, 3.2. Aesch ZH

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