12. Mai 2014

Besondere Schweizer Museen

18 Millionen Interessierte locken Schweizer Museen jedes Jahr an. Am 18. Mai findet nun der Internationale Museumstag statt. Eine gute Gelegenheit, etwas Besonderes zu sehen: Treten Sie ein ins Henkermuseum, ins Schulmuseum oder in die Themenwelt des Gotthards!

«Elektrischer Stuhl fehlt noch»

Das Innenleben des kleinen, unscheinbaren Hauses bei der Diegterbach-Brücke in Sissach BL ist Guido Varesi (50) zu verdanken. Das einstige Brückenzollhaus und Gefängnis, das dem Sohn des letzten Dorfmetzgers gehört, ist heute ein Henkermuseum – das erste und einzige der Schweiz. Es zeigt vom Keller bis zum Dachgeschoss über 400 Exponate wie Fesseln, Folterinstrumente und Hinrichtungsutensilien und erzählt Geschichten wie die einer Guillotinenklinge aus der Französischen Revolution.

«Die Henkergeräte aus dem Mittelalter faszinierten mich schon als Kind. Ich hatte stets eine makabere Seite, wollte Totengräber werden und hatte damals Pouletknochen im Garten beigesetzt», erzählt Varesi. Als junger Mann sammelte er historische Handschellen, besuchte in England Kerker, war ein Fan der Horrorbücher des Rockmusikers Alice Cooper. «Doch ich habe ein sonniges Gemüt, bin kein Finsterer», sagt er.

Ein Richtschwert lässt sein Herz gleich höher schlagen

Für ihn gebe es im Leben drei Hauptthemen: Geburt, Liebe und Tod. Und genau damit befasst sich das Henkermuseum, das aus einem Hobby entstanden ist und mit dem Sammeln der Originale aus dem Mittelalter ganz schön ins Geld geht. «Eine gute Modelleisenbahn kostet auch ein paar tausend Franken», vergleicht er und zeigt auf ein Richtschwert. «Diese Gravur und diese Klinge sind so faszinierend, dass ich meinen Herzschlag bis zum Hals spüre.» Das Richtschwert hat er gemeinsam mit seinem jüngsten Sohn Floyd (26) gekauft.

Das Museum ist zur Familienangelegenheit geworden. Seine Frau Jackie (49) bedient die Kasse und hat einen sechsten Sinn, wenn es darum geht, Trouvaillen aufzuspüren.

Bei Guido Varesi zu Hause sieht es ähnlich wie im Museum aus: Vor dem TV stehen zwei Kanonen, an der Wand hängen ein Morgenstern und Guillotinenmodelle. Gemeinsam mit seiner Frau, den Söhnen und den Schwiegertöchtern lebt Guido Varesi in einem Haus – «in einer uralten Hütte im Nachbardorf Gelterkinden», wie er sagt. Mit den Söhnen und den Schwiegertöchtern spielt er zudem in einer Heavy-Metal-Band.

Eine Spukgeschichte mit dem letzten Schweizer Scharfrichter

Die Begeisterung des Baselbieters für sein Museum wirkt ansteckend. Und dann erzählt er eine Spukgeschichte, die sich vor vier Jahren zugetragen hat: In Schriften las Varesi, dass sich Theodor Mengis aus Rheinfelden AG, der letzte Berufsscharfrichter der Schweiz, beim Staat beschwerte, dass er immer weniger verdiene, weil die Zahl der Hinrichtungen Ende des 19. Jahrhunderts ab­genommen hatten. Er könne sich nicht einmal mehr eine gute Zigarre leisten. Von diesem Mengis hängt im Museum ein Bild. Varesi hatte Bedauern mit dem Scharfrichter, kaufte ihm zu Ehren eine Zigarre in der Rheinfelder Fabrik Wuhrmann und legte sie auf den Bilderrahmen des Porträts. «Zwei Tage später erhielt ich aus Berlin Post von einem Unbekannten mit einem Bild, das Theodor Mengis zeigt, wie er dem Betrachter zuprostet.» Mengis ist 1918 gestorben.

Kurator Varesi ist mit seinem Museum noch nicht ganz zufrieden. Er will es mit weiteren Originalen wie einem Rad zum Knochenbrechen und einem elektrischen Stuhl vervollständigen. «Wenn ich etwas Interessantes sehe, kann ich nicht widerstehen.» Sein Beruf passt übrigens zum Museum, sagt er doch von sich, er sei ein «moderner Folterknecht». Wie seine Söhne und seine Schwiegertöchter ist er Tätowierer.

Fakten

Besonderheiten des Henkermuseums Sissach: Grösste Sammlung von Richtschwertern aus Europa mit 17 Originalen. Schandmaske aus Österreich aus dem 16. Jahrhundert (weltweit gibt es davon nur noch zwei Stück). Richtbeil von Franz Molhausen aus Halle (D), der damit den Leibarzt des dänischen Königs geköpft hat.

Eintritt: 10 Franken pro Person, Kinder bis 16 Jahre 5 Franken, Führung 50 Franken und halber Eintrittspreis.

Öffnungszeiten: An jedem ersten und dritten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr.

Besucher pro Jahr: 1700

Eröffnung: 1999

henkermuseum.ch

Old School im Schulhaus

Eigentlich hätte das alte Schulhaus Mühlebach an der Weinfelderstrasse 127 ausserhalb des Ortskerns von Amriswil TG abgerissen werden sollen. Rund ein Dutzend Freiwillige setzte sich Ende der 90er-Jahre für die Rettung des seltenen Pisébaus (das Mauerwerk besteht aus Lehm, der in eine Schalung gefüllt und gestampft wurde) aus dem Jahr 1846 ein und wandelte es in das erste Schulmuseum um.

Heute bezeichnet die zweifache Mutter Yvonne Joos (53) das «Mühlebach» als ihr «drittes Kind». Sie habe in den Wochen vor der Eröffnung im August 2002 gemeinsam mit einem Team von Freiwilligen fast Tag und Nacht für das Museum gearbeitet. Über das Wachstum ihres «dritten Kindes» zeigt sie sich sichtlich erfreut. «Mit dem Schulmuseum zeigen wir auf, wie die Schule Teil der Gesellschaft wurde», sagt die Amriswilerin. Als studierte Pädagogin vermittle sie gerne Wissen, tausche sich mit Besuchern aus und schaffe Aha-Erlebnisse.

Sie weiss, dass viele Menschen Berührungsängste mit Museen haben – und wenn es um das Thema Schule geht sowieso. Das Museum achtet darauf, Akzente zu setzen mit spielerischen Elementen, Sonderausstellungen wie Märchen in der Schule oder «Ansichtssache – das Bild in der Schule» und unterhaltsamen Führungen mit ehemaligen Lehrern. «Die Reformpädagogik hat Wert darauf gelegt, mit der Hand zu arbeiten», weiss Joos. Deshalb sammelt das Museum neben Mobiliar, Büchern und vielem mehr auch Schülerarbeiten aus dem Handsgi- und Werkunterricht.

Joos, selbst in Opfikon ZH zur Schule gegangen, betont, dass das ehemalige Schulhaus heute bei Hochzeiten und für Modefirmen als Kulisse für Fotoshootings dient. Es ist auch ein Ausflugsort, der sich mit dem Besuch des Wasserschlosses von Hagenwil verbinden lässt.

Das historische Haus war 66 Jahre lang bis Anfang 1990 Wohnort der Lehrerin Aline Brauchli. Zu sehen sind ihre Küche und ihr Wohnzimmer. Als sie einzog, fuhren vor ihrem Haus noch Pferdewagen über ungeteerte Strassen. Brauchli schrieb in ihrem Tagebuch: «Lehrerin wollte ich noch einmal werden, aber nie, nie mehr in eine Lehrerwohnung ziehen!» Sie beklagte sich, dass 1981 Plättli aus der Mauer fielen wegen der vorbeibrausenden Lastwagen. Für die Reparatur hatte die Schulgemeinde kein Geld. Brauchli behalf sich mit Cementit. «Sie war eine resolute und interessante Persönlichkeit», sagt Yvonne Joos begeistert.

Fakten

Besonderheiten des Schulmuseums Amriswil: Piséwände, Original-Gegenstände von Aline Brauchli, Spitzmaschine als Trouvaille.

Eintritt: Einzeleintritte kostenlos.

Besucher pro Jahr: 3000

Eröffnung: August 2002

schulmuseum.ch

Das Reduit ist eröffnet

Sofern das Wetter mitspielt, ist es am 7. Juni 2014 soweit: Dann soll die Strasse über den Gotthardpass wieder offen sein, und die Gotthardfestung öffnet ihre Bunker für die erst dritte Besuchersaison. Von 1941 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 liess die Schweizer Armee dort ein gewaltiges unterirdisches Festungssystem bauen. Bis 2002 galt für das Bauwerk strikte Geheimhaltung. Heute ist Sasso San Gottardo öffentlich zugänglich.

Alfred Markwalder (70) aus Wohlen AG besuchte als Präsident des Stiftungsrats und Vizepräsident des Fördervereins die Gotthardfestung allein letztes Jahr 25 Mal und leitete 40 Führungen. Der seit sechs Jahren pensionierte Volkswirtschaftler, ehemalige Brigadekommandant und Rüstungschef unter alt Bundesrat Ogi, gehörte 1997 zu den letzten Armeeangehörigen, die im Gotthardinnern übten. Doch seine Begeisterung für die historisch wertvolle Festung hat mit seiner beruflichen Ausbildung zu tun: Der Milizoffizier und dreifache Vater – seine drei Söhne sind alle Mitglieder des Fördervereins – schrieb seine Doktorarbeit über Entwicklungskonzepte für Bergregionen.

«Die Region ist es wert, gefördert zu werden. Der Gotthard bedeutet Wasser, Energie, Klima, Verkehr und Sicherheit», begründet er und erwähnt damit die Themenwelten, die heute in den Felskavernen der einstigen Artilleriefestung zu sehen sind. Mit der Metro del Sasso fährt man von dort zum historischen Teil mit den Bunkerkanonen hoch und überwindet dabei 60 Meter.

Markwalder räumt nur ungern ein, dass seine Arbeit für die Gotthardfestung zeitintensiv ist. Er ist vor allem damit beschäftigt, zusätzliche Gelder zu sichern, um laufende Ausbauten wie einen neuen Kasseneingang oder die geplante Ausstellung über Gold in der Schweiz auf sichere Füsse zu stellen. «Wir haben das Projekt angefangen, jetzt wird es durchgezogen», sagt er.

13 Millionen Franken seien bis anhin investiert worden, wobei auch das Migros-Kulturprozent einen namhaften Beitrag gesprochen habe. Markwalder will in den nächsten Jahren jährlich bis zu 30 000 Besucher in die Gotthardfestung locken – zweieinhalb Mal mehr als vergangene Saison.

Fakten

Besonderheiten des Sasso San Gottardo: Die Themenwelt zur Nachhaltigkeit in einer ehemaligen Artilleriefestung sowie 15 Zentimeter dicke Bunkerkanonen von 1945 mit einem über sechs Meter langen Rohr, die auf eine Distanz von 26 Kilometern schiessen konnten.

Eintritt: 25 Franken, Kinder bis 15 Jahre in Begleitung Erwachsener gratis.

Öffnungszeiten: 9.30 bis 18 Uhr (ab dem 7. Juni 2014)

Besucher: 12'000

Eröffnung: Spätsommer 2012

sasso-sangottardo.ch

Weltweit nehmen am 18. Mai 2014 30'000 Museen am internationalen Museumstag teil, davon über 200 aus der Schweiz (Eintritt frei). Der Anlass findet zum ersten Mal auch auf Twitter statt, wo Museen und Besuchende ihre Erlebnisse teilen können. www.museums.ch

Bilder: Nathalie Bissig

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