07. Juni 2018

Berner Herz für feine Unterschiede

Mit dem Velo von Langenthal nach Burgdorf - oder wenn Emmental und Oberaargau mit einem Maximum an Abwechslung sowie Auf und Ab für Glückshormone und Müdigkeit sorgen. Die Hommage an eine einzigartige Landschaft.

Emmentaler Heimetli auf seinem eigenen Hügelchen
Kleine Welten mit grosser Wirkung: ein Emmentaler Heimetli auf seinem eigenen Hügelchen
Lesezeit 5 Minuten

Da ich an verschiedenen Orten aufgewachsen bin, habe ich nie so starke Wurzeln entwickelt wie sesshaftere Schweizer. Am längsten lebte ich in der Kindheit im Berner Seeland. Dort hat es einen (überschaubaren) See, einiges an Mittelland und den Jura um die Ecke, etwas Reben und viel Gemüseanbau. Überhaupt ist es mal kurz sehr malerisch, öfters einfach herb oder schlicht. Ich mags bis heute.

Als Kontrast entwickelte ich jedoch früh eine gewisse Faszination für das Emmental, wo das so selbstbewusste wie bescheidene Bauerntum scheinbar noch wie im 19. Jahrhundert zu Hause war. Bloss Pfarrer und Schriftsteller Jeremias Gotthelf lebte nur noch in Büchern und Filmen – zu ihm später. Bald lernte ich natürlich, dass man auch in Langnau oder Lützelflüh in der Moderne angekommen war. Aber all diese riesigen, schönen Bauerngüter mit Haupthaus, Stall und Stöckli, oft jedes mit eigenem Hügelchen und Wäldchen, sobald man das Haupttal verliess! Das hatte etwas für sich.

Später wurde mir das Pittoreske in etlichen Weilern oder Ortsteilen zu viel. Boten die Idyllen dem Auge keinen Bruch, weil es nichts Unpassendes gab? Oder hatten sie es einfach konsequent weggesperrt? Und die hügelige, kleinteilige Landschaft: Machte die nach dem zehn Chrachen, Waldrand und Taleinschnitt nicht bloss noch müde?

Letzthin wollte ich es wieder einmal wissen und wählte eine Halbtagestour mit dem Löwenanteil auf der bekannten Herzroute ( da war ich schon vom Aargau ins Luzernische unterwegs ): von Langenthal nahe an einigen Hügelkreten vorbei nach Lützelflüh und schliesslich Burgdorf. Also nicht in den Kern der berühmtesten Emmentaler Dörfchen und Landschaftshighlights, sondern eine sanfte Annäherung vom Oberaargau her.

Route Langenthal-Burgdorf

Die Route (rot), auch als PDF zum Download (1450 x 1000 px / © swisstopo)

Und siehe da, der Zauber ist sogleich wieder da. Ermüdet bin ich nach vier bis fünf mittelsteilen Anstiegen schon, aber mangels Sport in den letzten Monaten bloss in den Muskeln. Die Augen hingegen geniessen die unzählbaren Finessen dieser Berner Landschaft. Ja, es wartet hinter jeder Biegung, nach jeder Waldpassage ein neues kleines Minireich. Auch heute noch dominieren abseits grösserer Siedlungen die Landwirtschaftsbauten. Sehr viele noch in Betrieb, auch am Sonntag wird fast überall geackert und gefüttert! Fast jede Heimat steht ganz für sich allein. Jede sieht anders aus. Eigentlich ein uralter Traum des Kapitalismus: Alle haben eine Welt für sich.

Doch spätestens zwischen Ochlen- und Ferrenberg wird mir klar: Es sind eben nicht nur kleine, sofort überblickbare Welten, die meist ihre Begrenzung mit vorzeigen (davon träumt Erzkapitalismus weniger ...). Sie sehen sich eben auch so stark ähnlich, dass es sicher nie zu grossen Überraschungen kommt. Auf der anderen Seite stechen immer mehr die feinen Unterschiede der Landschaften ins Auge: Jeder neue Hügel, jeder neue Taleinschnitt hat einen hohen Verwandtschaftsgrad mit einem Vorgänger, und doch sieht keiner wirklich identisch aus. In einer Schule des Sehens wirkt alles zugleich neu und bekannt. Und neben dem Eindruck des Jeder für sich wächst immer mehr auch ein riesiges Netz von grosser Ähnlichkeit, ja von naher Verwandtschaft. Lebt man hier neben dem Kapitalismus auch einen Traum des Kommunismus? Mindestens einer der eng verwobenen Kommune(n)!

Kornkreise beim Ochlenberg
Ob das beim Ochlenberg Kornkreise sind? Fast könnte man die Form als Herz interpretieren. Klar, wir fahren ja auf der Herzroute ...

Im Detail kann ich die Abfolge dieser Landschaften nicht schildern. Der ganze Reiz der Finessen ginge verloren, man muss ihn sehen. Die Sprache schafft schwerlich die Verbindung von Kommunismus und Kapitalismus – es sei denn als Farce. Uns ist es in der Begeisterung aber heiliger Ernst. Deshalb hier nur noch in Stichworten, was mir besonders auffiel und sicher einen kurzen Stopp lohnt:

1. Achte auf die Mischformen von modernem Wohnen und (ehemaliger) Landwirtschaft im südlichen Langenthal oder in Lotzwil, bevor es in die Hügel geht. Da sind die Kontraste nicht ganz fein (wie später), sondern mitunter brutal.
2. Wer nicht bloss die Schule des Sehens schätzt, sondern Kitschbilder wie in einer neueren Gotthelf-Verfilmung, muss ausgangs Rütschelen knapp einen Kilometer in 'falscher' Herzroute-Richtung fahren, bis er das Weilerchen Spiegelberg erblickt.
3. Auf der Hirsegg sind am Wochenende auch mal gute Teams am Hornussen, das Gerät erreicht auch mal (fast) den Fahrweg.
4. Am Ende von Affoltern kann man die bekannte Schaukäserei besuchen. Es gibt ein Restaurant und einen Shop, aber an Samstagen/Sonntagen auch ziemlich viel Touristen.
5. Nach Affoltern wird die Landschaft ruhiger, die Wechsel verlaufen sanfter und weniger hektisch. Ein wenig Entspannung und Entschleunigung nach der Schule des Sehens.
6. In Lützelflüh kann man in einer Beiz einkehren, vor allem aber die recht hübsche Heimkirche von Albert Bitzius aka Jeremias Gotthelf in einer wunderschönen Anlage besuchen.
7. Von Hasle bis Burgdorf unbedingt der Veloroute in Flusssichtweite folgen, es gibt mehrere Möglichkeiten zum (Füsse-)Baden und Rumliegen an der Emme.
8. Wer bis Burgdorf noch nicht gebadet oder am Wasser gechillt hat, sollte sich unbedingt die Badi gleich zu Füssen der Burganlage ansehen. Es ist eine der schweizweit schönsten überhaupt!

EINE RUNDTOUR? Du bist anders als ich dank Sommerhitze und Trainingsmanko noch halbwegs fit und willst nach Langenthal zurückradeln? Aber natürlich nicht auf derselben Strecke? Dann fährst du ausgangs Burgdorf ganz einfach auf der SchweizMobil-(Hügel-)Route 84 über Wynigen und Thörigen zurück. Mindestens im Vergleich zur Herzroute verlaufen die Strässchen fast perfekt flach.


Geeignet für E-Biker oder etwas ausdauerndere Fahrer
Höhepunkte: Nach Rütschelen, der Ochlenberg, die Hirsegg, oberhalb von Sumiswald, an der Emme ab Lützelflüh
Pause: Bänkchen mit Sicht hats viele, eine Beiz vor dem Ochlenberg, am Weekend einen Imbissstand vor Kappelen, die Schaukäserei mit Restaurant in Affoltern - und zur Abkühlung an die Emme gegen Schluss
Dauer: 3 Std. 40
Höhenmeter (bergauf): 835 m

Trümpfe der Velotour Langenthal-Burgdorf

Reto Meisser über seine Kolumne «Hike & Bike»

Video: Elena Bernasconi

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