25. Juli 2019

Berlin für Entdecker

Viele Schweizer sind oft und gerne in der deutschen Hauptstadt zu Gast. Aber die riesige Metropole, die eigentlich aus 96 Dörfern besteht, bietet mehr als Brandenburger Tor und Prenzlauer Berg. Drei Berliner laden uns ein, weniger bekannte Seiten kennenzulernen: die Geheimnisse von Pankow, grüne Fussgängerpfade mitten in der Stadt und das Klein-Vietnam im alten Osten.

Minh im Plastikblumenladen
Eine der vielen Stopps auf Minhs Tour durch das Dong-Xuan-Center: Der Plastikblumenladen.
Lesezeit 9 Minuten

Selbst Minh entdeckt im Dong-Xuan-Center noch immer Neues. Und das will etwas heissen, ist er doch mit den vietnamesischen Grosshandelshallen nicht nur aufgewachsen, sondern führt auch regelmässig Interessierte über das Gelände in Lichtenberg, im Osten Berlins. Jetzt steht er gerade in der relativ neuen Halle 18 und plaudert auf Vietnamesisch mit der Betreiberin einer Nagelstudioschule. Rechts und links entlang den Wänden sitzen junge Männer und Frauen und üben Maniküre an echten und an künstlichen Händen. Alle tragen Gesichtsmasken zum Schutz vor den chemischen Dämpfen, die schwer im Raum hängen.

Üben an echter Hand: Eine angehende  Nagelstudio-Angstellte.
Üben an echter Hand: Eine angehende Nagelstudio-Angstellte.

«Sehr interessant», sagt Minh anschliessend – möglicherweise ein künftiger neuer Stopp in der rund zweieinhalbstündigen Führung durch das Center, die der 30-jährige Student seit 2016 sozusagen als Hobby nebenbei anbietet. Und dabei den Besuchern einen tiefen Einblick gewährt in die Geschichte und Gegenwart der rund 30 000 Vietnamesen Berlins. Ihr kultureller, sozialer und wirtschaftlicher Mittelpunkt ist das Dong-Xuan-Center.

Ursprünglich als Grosshandelszentrum für vietnamesische Kleinhändler gedacht, gibt es dort mittlerweile zahlreiche Läden, Restaurants und Dienstleister. Und es wagen sich auch immer mehr Nicht-Vietnamesen in das bunte Gewusel der riesigen Hallen, die von aussen ziemlich unscheinbar aussehen, deren Name aber sehr poetisch «Frühlingswiese» bedeutet, benannt nach einem gleichnamigen Markt in Hanoi.

Minh selbst kommt gerne her, um eine Pho zu essen, eine vietnamesische Suppe, um Lebensmittel einzukaufen oder sich die Haare schneiden zu lassen. Beim Stammcoiffeur zahlt er sieben Euro und ist nach zehn Minuten fertig und zufrieden. «Und ich habe schwierige Haare, sagt er mir», erklärt Minh und grinst, «die weichen, dünnen Haare der Deutschen sind offenbar viel leichter zu schneiden.»

Einst in die DDR eingewandert

Der junge Mann, der sich gleichermassen als Vietnamese und Deutscher fühlt, ist in Hanoi geboren, aber in Berlin aufgewachsen. Sein Vater kam in den späten 1980er-Jahren als sogenannter Vertragsarbeiter in das sozialistische Bruderland DDR, das auch Menschen aus Kuba, Mosambik und Angola anlockte. Finanziell war das durchaus attraktiv, aber er musste allein kommen, und der Aufenthalt war auf fünf Jahre befristet. So schuftete Minhs Vater im Schichtdienst bei den VEB TT Bahnen in Ost-Berlin – bis 1989 plötzlich die Mauer fiel, und das Land, das ihn geholt hatte, sich um ihn herum auflöste.

Die Bundesregierung bot nach der Wende allen vietnamesischen DDR-Vertragsarbeitern 3000 D-Mark und das Flugticket zurück in die Heimat an. Doch Minhs Vater lehnte ab, machte sich als Textilverkäufer selbständig und holte 1991 seine Familie nach. «Andere geschäftstüchtige Vietnamesen machten es ähnlich, eröffneten Blumenläden, Nagelstudios, Restaurants oder Änderungsschneidereien», sagt Minh. Alles Branchen, für die man keine spezielle Ausbildung brauchte, und in denen man als Familienbetrieb mit geringen Personalkosten und günstigen Preisen gut Geld verdienen konnte. «Viele Blumenläden und Nagelstudios in Berlin sind heute fest in der Hand von Vietnamesen.»

So kam Minh im Alter von drei Jahren nach Berlin-Lichtenberg und machte hier 2008 das Abitur. Eine der Prüfungen war eine Präsentation zu einem selbstgewählten Thema, seines waren die Vietnamesen in Berlin. «Das hat mich dann nicht mehr losgelassen», erzählt er. Weil sein Umfeld wusste, dass er sich mit dem Thema auskannte, wurde er gefragt, ob er einmal durch das Dong-Xuan-Center führen könnte. Schon bald kamen weitere Anfragen, von Studenten und Unternehmen. «Inhaltlich musste ich mir dafür eigentlich nichts mehr Neues aneignen, aber ich habe ein paar andere Führungen in Berlin besucht, um zu sehen, wie die das machen.» Heute kann man ihn auf seiner Website für Touren buchen (11 Euro pro Person, Kinder unter 14 gratis), auf Anfrage von Gruppen sind auch andere Termine möglich.

In den Läden links und rechts findet man fast alles, was das Herz begehrt.
In den Läden links und rechts findet man fast alles, was das Herz begehrt.

2018 hat er insgesamt 180 Menschen durch das Mini-Vietnam mitten in Berlin geführt, im Schnitt macht er zwei Touren pro Monat, das alles neben seinem Studium. Doch obwohl das ab und zu Stress bedeutet, sind ihm die Führungen wichtig. Er will allen Interessierten Einblicke in die Kultur und das Leben der Vietnamesen bieten, sieht darin auch eine Möglichkeit, Berührungsängste und Vorurteile abzubauen.

Gegen Ende der Tour bietet er jeweils an, mit den Gästen noch in einem der Lokale in den Hallen essen zu gehen – und gibt dann kulinarische Tipps und Erklärungen, wie welches Gericht am besten genossen wird. Am Schluss hat man nicht nur viel über die Vietnamesen in Berlin erfahren, sondern auch einen Teil der Geschichte und Gegenwart der Stadt ganz neu kennengelernt.


Ralph Hoppe vor dem früheren Ulbricht-Haus am Majakowskiring.
Ralph Hoppe vor dem früheren Ulbricht-Haus am Majakowskiring.

Auf den Spuren von Lotte Ulbricht und Franz Biberkopf

Wer mit StattReisen durch Berlin zieht, erlebt keine klassische Touristenführung, sondern erhält einen tiefen Einblick in Historie und Gegenwart der Stadt.

Im ehemaligen Haus von Lotte Ulbricht, der Witwe des ersten DDR-Staatsratsvorsitzenden und Mauerbauers Walter Ulbricht, wohnt heute – so scheint es – eine Familie junger Alternativer mit zwei Hunden. «Wenn die draussen sind, bellen sie mich und meine Gästen immer an», erzählt Ralph Hoppe (56), Stadtführer von StattReisen Berlin. Auf seiner Tour «Pankow privat: Die einst geschlossene Gesellschaft» macht der 56-Jährige jeweils einen Stopp vor dem Haus der ehemaligen First Lady der DDR, die bis zu ihrem Tod 2002 am Majakowskiring lebte

Die meisten Berlin-Besucher assoziieren mit Pankow nicht mehr als Udo Lindenbergs berühmten Song mit dem Sonderzug, doch in den Anfängen der DDR wohnte in diesem Stadtteil im Nordosten Berlins die Machtelite der Nation. «Der Majakowskiring war Sperrgebiet, gewöhnliche Bürger durften nicht hinein», sagt Hoppe, der in Ost-Berlin aufgewachsen ist und sich sein Wissen erst nach dem Mauerfall erarbeitet hat. Selbst mit Lotte Ulbricht persönlich hat er gesprochen, weil er Antworten aus erster Hand wollte. «Es rankten sich so viele Gerüchte um sie, sogar ein Schweizer Bankkonto soll sie gehabt haben. Was sie mir gegenüber aber abgestritten hat. Die Partei habe sie diskreditieren wollen.»

Bis zum Mauerfall kein Name am Klingelschild

Sperrgebiet war der Majakowskiring bis Anfang der 1970er-Jahre, obwohl das Politbüro schon im Sommer 1960 in die Waldsiedlung bei Wandlitz umzog. Als der von Erich Honecker 1971 entmachtete Ulbricht zwei Jahre später starb, musste seine Witwe erneut umziehen und landete in einem Haus im früheren Sperrgebiet. «Natürlich kannten sie dort alle, und jeder wusste, wo sie wohnte, doch angeschrieben war nichts – erst nach der Wende musste sie ein Klingelschild anbringen», erzählt Hoppe, der die alte Dame als gesprächig, aber etwas verbittert erlebte.

Wer mit Hoppe zwei Stunden durch Pankow spaziert, hört eine Fülle solcher Geschichten. Historie verbindet sich mit Gegenwart, es gibt Bezüge zu Kultur, Gesellschaft, Politik, Stadtleben. Im Grunde ist es eher ein Bildungsausflug als eine klassische Stadtführung. Genau das ist auch das Konzept von StattReisen , einer Organisation, die 1983 in West-Berlin gegründet wurde und mittlerweile in 23 Städten aktiv ist, auch in Bern.

«Entwickelt hat sich das Ganze aus der Idee einer kritischen Geschichtsbetrachtung heraus», sagt Geschäftsführer Jörg Zintgraf (58). «Wir wollen vertiefte Einblicke geben, nicht nur oberflächlich von den klassischen Sehenswürdigkeiten berichten, sondern Zusammenhänge aufzeigen.» Die Berliner selbst nutzen das Angebot fast noch reger als Touristen, weil sie dabei immer wieder Neues über ihre eigene Stadt erfahren.

Auch bei Schulklassen sehr beliebt

200 Touren durch Berlin sind buchbar, etwa die Hälfte wird das Jahr hindurch in regelmässigen Abständen öffentlich angeboten, die anderen stehen Gruppen auf Anfrage zur Verfügung. Gerade für Schulausflüge ist StattReisen sehr beliebt. «Wir haben auch immer wieder Klassen aus der Schweiz», sagt Zintgraf. Die Führungen fokussieren entweder wie bei Pankow auf einen bestimmten Stadtteil oder folgen den Spuren berühmter Personen durch die Stadt, etwa Bertolt Brecht oder der Romanfigur Franz Biberkopf aus «Berlin Alexanderplatz». Es gibt Touren zum Faschismus, über die Muslime in Berlin, über ehemalige und noch existierende Grenzen oder Kiezspaziergänge in die «Weltstadt Kreuzberg.» Sogar spezielle Touren für Kinder sind im Angebot.

«Die Inhalte hängen stark von unseren Mitarbeitenden, ihren Interessen und Ideen ab», erklärt Zintgraf. So wächst das Angebot stetig, pro Jahr um vier oder fünf Touren. Ralph Hoppe, der gleichzeitig auch Programmkoordinator von StattReisen Berlin ist, stiess schon kurz nach der Grenzöffnung als Kunststudent hinzu. «1989 eröffnete völlig neue Perspektiven für uns», sagt Zintgraf. «Wir hatten plötzlich viel mehr Stadt für unsere Touren zur Verfügung, und mit den neuen Kollegen aus der DDR kamen auch ganz neue Blickwinkel hinzu, was enorm bereichernd war.» Von dieser Haltung profitieren die Gäste bis heute.


Kirstin Voss (rechts) und Eva Epple flanieren über den Kirchhof Luisenstadt I.
Kirstin Voss (rechts) und Eva Epple flanieren über den Kirchhof Luisenstadt I.

Entdeckungen auf grünen Wegen

Die Flanierer spazieren jeden zweiten Sonntag auf anderen Pfaden durch die Stadt. Dabei lernen selbst Einheimische immer wieder Neues kennen.

Bei der katholischen Kirche nahe dem U-Bahnhof Südstern in Kreuzberg nistet das einzige wild lebende Kolkrabenpaar der Stadt. Die riesigen Vögel sind Allesfresser und bedienen sich gerne beim Futter im nahegelegenen Tierpark Neukölln. Solche Dinge erfährt man, wenn man einen Tag mit Kirstin Voss und ihren Flanierern verbringt – und dabei zum Beispiel über den Kirchhof Luisenstadt I spaziert, einen riesigen Friedhof, auf dem sich ein paar richtig alte Gräber und dekorativ zerfallende Gruften befinden. Aber auch Bienenstöcke, seltene Pflanzen und Sitzbänke. Ein Ort, an dem auch Lebende etwas Ruhe finden in der pulsierenden Grossstadt.

Kirstin Voss ist Kopf und Seele der Flanierer , die jeden zweiten Sonntag auf anderen Pfaden durch Berlin spazieren. Die 46-Jährige plant die Routen und stellt sicher, dass es jedes Mal Neues zu entdecken gibt. Kürzlich führte sie die 260. Tour durch, seit das Projekt im Juli 2007 begonnen hat. «Ich mache das ein Stück weit auch für mich selbst», sagt die Frau, die einst aus Schwerin nach Berlin gezogen ist, weil es ihr dort zu eng war. Sie hat eine angeborene Muskelkrankheit, geht am Stock und kommt nur langsam voran. Doch sie liebt es, sich die Stadt über solche Spaziergänge anzueignen und dabei Kontakte zu knüpfen. «So komme ich mit den Leuten am besten ins Gespräch.»

Gratis, gemächlich, persönlich

Inspiriert wurden die Flanierer von Eva Epple (67). Die mittlerweile pensionierte Lektorin und Künstlerin wollte den Berliner Stadtplanern Beine machen, damit sie Erholungswege auf den offiziellen Stadtplänen einzeichnen. Doch dafür mussten diese Wege erstmal ausgekundschaftet werden, wofür sie Freiwillige suchte. Kirstin Voss meldete sich, kam auf den Geschmack und wünschte sich Gesellschaft für ihre Spaziergänge. «Sie hat daraus etwas Eigenes entwickelt», sagt Eva Epple, die heute regelmässig bei Voss mitflaniert. Und noch immer kommt es ab und zu vor, dass sie den Stadtplanern eine Korrektur für ihre Karte liefern.

Auf einem Stadtplan bei sich zu Hause zeichnet Kirstin Voss alle Touren ein, die sie bereits absolviert hat.
Auf einem Stadtplan bei sich zu Hause zeichnet Kirstin Voss alle Touren ein, die sie bereits absolviert hat.

Das Tempo der Flanierer ist nur schon wegen Voss immer sehr gemächlich und auch für Menschen mit Einschränkungen geeignet. Die Teilnahme ist gratis, unterwegs gibt es ein Picknick, das man selbst mitbringt, im Sommer wird oft in einem der vielen Berliner Gewässer gebadet, ab und zu lädt auch jemand aus dem harten Kern der Gruppe zu sich nach Hause ein. Und Kirstin Voss flaniert auch an Weihnachten und Neujahr – für Menschen, die an diesen Tagen nicht allein sein wollen. Im Schnitt spazieren etwa 20 Leute zwischen 40 und 80 Jahren mit, darunter regelmässig Neulinge, die jeweils schnell in Kontakt mit den Stammgästen kommen.

Auch Touristen sind ab und zu dabei. «Wer die üblichen Sehenswürdigkeiten kennt und etwas Zeit hat, lernt bei uns eine ganz andere Seite von Berlin kennen», sagt Voss. Sie hat kürzlich nachgerechnet: Rund 1800 Kilometer ist sie in all den Jahren schon durch die Stadt spaziert, bei Wind und Wetter. Und noch immer gibt es Überraschendes zu entdecken.

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