15. März 2018

Belastete Eltern – vergessene Kinder

Jedes fünfte Kind wächst mit einem psychisch kranken Elternteil auf – so die Schätzung von Fachleuten. Betroffene Kinder brauchen Hilfe.

kranke Eltern können Kindern oft nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken
Psychisch kranke Eltern können Kindern oft nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken. (Bild: Getty Images)

Elena war gerade mal sechs, als ihre Mutter eine ihrer grössten Krisen hatte. Sie litt an Depressionen und dem Borderline-Syndrom. «Es gab gute und schlechte Phasen», erzählt Elena (14), «im Alltag war sie aber schnell gestresst.» Manchmal blieb ihre Mutter einfach den ganzen Tag im Bett liegen. «Es kam mir vor, als würde sie mich ignorieren. Aber heute weiss ich, dass sie einfach keine Energie hatte», sagt der Teenager.

Trotz ihrer Krankheit kümmerte sich Elenas Mutter um ihre Tochter und machte den Haushalt – auch wenn sie kaum die Kraft dazu hatte. Der Vater machte mit, so gut es ging, musste aber viel arbeiten. «Ich merkte, dass unsere Familie anders war, fand es aber nicht schlimm, sondern irgendwie normal», sagt Elena. Doch dann musste die Mutter für drei Monate in eine Klinik, und Elena kam vorübergehend zu einer Pflegefamilie. «Da merkte ich, dass mir daheim Aufmerksamkeit fehlte.»

Kinder wie Elena gehen oft vergessen. Seit drei Jahren gibt es für sie das Institut Kinderseele Schweiz (IKS). Die Stiftung unterstützt Kinder und Jugendliche mit einem psychisch belasteten Elternteil. «Viele Mädchen und Buben fühlen sich schuldig, wenn es Mami oder Papi schlecht geht», erklärt IKS-Geschäftsleiterin Alessandra Weber (44). «Es ist wichtig, ihnen zu sagen, dass sie nicht verantwortlich sind.»

Kindern die Schuldgefühle nehmen

Die Hemmschwelle, Hilfe zu holen, ist hoch. Gerade auch für betroffene Erwachsene. «Sie schämen sich, weil sie ihre Kinder nicht so gut betreuen können, wie sie eigentlich möchten», erklärt Weber.Dabei ist Hilfe für die Kleinen zentral: «Das Risiko, dass sie später ebenfalls erkranken, ist erhöht», sagt Weber, «man weiss, dass zwei Drittel von ihnen Verhaltensauffälligkeiten entwickeln.» Wichtig sind Botschaften wie «Die Krankheit ist schuld, dass es deiner Mutter schlecht geht, nicht du» oder «Wir kümmern uns jetzt um dein Mami/deinen Papi.»

Elena hatte lange kein Bedürfnis, mit jemandem über die familiäre Situation zu sprechen. Vieles war für sie normal, und es fehlte der passende Ansprechpartner. Erst jetzt, in der achten Klasse, besucht sie eine Therapeutin. «Ich wollte, dass mir jemand erklärt, was in der Psyche eines kranken Menschen abgeht.» Sie findet es auch wichtig, dass ein Kind sich geliebt fühlt, auch wenn es daheim schwierig ist.

Ihrer Mutter hat Elena nie Vorwürfe gemacht. «Sie hat mir immer wieder erklärt, dass mich keine Schuld trifft.» Das Gefühl, dass sie eine Belastung sein könnte, kam trotzdem auf. Das Mädchen war schon sehr früh auf sich allein gestellt. Das hat sie schneller erwachsen und selbständiger gemacht. «Das ist die gute Seite am Ganzen», sagt die aufgeweckte Jugendliche.

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