Leser-Beitrag
12. Mai 2018

Bekannte Nachbarschaft ...

... unbekannte Nachbarschaft: Die Geschichte von Migros-Magazin-Leser Florian Riner.

Mauern vor den Nachbarn?

Rrrrtttrrr.

Die Rädchen der Koffer rollen lärmend den Weg hinunter. Das dichte Gebüsch verhindert die Sicht auf das Sträßchen. Gustav sitzt gespannt im Lehnstuhl. Seit den Feiertagen der letzten Wochen genießt er den Kaffee früh am Morgen auf der Terrasse. Im Wetteifer mit sich selbst, um herauszufinden, welche der ferienhungrigen Anwohner gerade zur Busstation eilt.
Der anfängliche Neid ist gewichen, das Spiel fasziniert ihn.

Flugzeuge im Start, tief über Gustavs Garten, dröhnen dumpf. Das Geschirr zittert ebenso wie seine Hände. Der übermäßige Weinkonsum der vergangenen Tage hat Spuren im älteren Körper hinterlassen. In einigen Tagen wird er seine Ruhe, seine Ferien haben. Über den Daumen gepeilt, frönt neunundneunzig Prozent der Nachbarschaft auswärts dem Urlaub. Am Mittwochabend vor Auffahrt überquellen die Busse Richtung Flughafen, Gustav schneidet mit der Rebschere ein Loch in die Hecke, um sicher dank einem erhaschten Kontrollblick sein Ratespiel auflösen zu können.

Der Donnerstag: friedlich. Keine Hunde bellen. Die üblichen, lärmenden Kinder in den Ferien, unter Aufsicht der geräuschvollen Rollkoffereltern. Unter dem duftenden Blauregen schmeckt das Glas Rotwein deliziös. Bienen summen in angenehmer Geräuschkulisse, im Einklang. Das streitende Ehepaar von Gegenüber wird sicher nicht auffallen in einer spanischen Touristikgroßstadt. Gustav lehnt sich im bequemen Liegestuhl zurück. Angenehme Träume mit Geschichten aus der Vergangenheit durchrieseln den Pensionär.

Trrrrttttrrrrrrrrrrr!

«Rasenmäher, das ist doch ein verd... Rasenmäher!»

So der erste Gedanke, der Gustav aus dem süßlichen Schlaf reißt.

Wutentbrannt schmeißt er die Liege in eine Ecke, reißt das Gartentor fast aus den Ankern und eilt mit Riesenschritten Richtung Motorengeräusch. Im nahen Nachbargebäude erhascht er den Lärmerzeuger, welcher seelenruhig den Rasen stutzt, packt jenen an den Schultern.

«Was machen sie da, es ist Auffahrt?!»

Mit großen, verwunderten Augen blickt ihn dieser an. Kinder, Frauen und Bekannte eilen ihnen entgegen. Ein Schwall unverständlicher Worte aus dutzenden Mündern hallen in Gustavs Feiertag.

«Auffahrt? Wir sind Moslems. Aber wenn sie der Rasenmäher störrt, stutze ich das Gras am nächsten Tag.»

In perfektem Hochdeutsch beruhigt der unbekannte Anrainer, schiebt den Grasmäher in den Unterstand.

«Kommen Sie, meine Familie bereitet auf dem Feuer ein Mahl her. Und wir können uns einander vorstellen. Wissen Sie, dass wir schon über ein Jahr hier wohnen? Sie können uns doch erklären, was dieser Tag für Euch bedeutet und warum Sie uns nie begrüssen.»

Für Gustav ein unvergesslicher Tag. Vielleicht ein Fingerzeig des Propheten.
Man wohnt nebeneinander und kennt sich doch nicht? Die gesellige Runde der nachbarschaftlichen Gäste wird durch ein zufälliges, lärmiges Ereignis zum Highlight in Gustavs Leben. Eine Freundschaft entsteht, ein Austausch von verschiedenen Kulturen und Gepflogenheiten, über längere Zeit. Die nervigen einheimischen Nachbarn fernab in den Ferien. Leider nur für einige Tage.

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