26. Oktober 2019

Beistehen bis zum Ende

Einen Menschen beim Sterben zu begleiten, ist ein Kraftakt. Der Kurs «Letzte Hilfe» will dem Thema die Schwere nehmen und es aus möglichst vielen Blickwinkeln beleuchten. Das Ehepaar Harsch hat teilgenommen – und wertvolle Einsichten gewonnen.

René und Elsbeth Harusch
René und Elsbeth Harsch haben am Letzte Hilfe Kurs der Reformierten Landeskirche Zürich teilgenommen.
Lesezeit 4 Minuten

Sonnenblumen, Hortensien und Anemonen sind sorgfältig in einer Vase arrangiert. Daneben auf dem Parkettboden liegen Kastanien und unzählige Postkarten: Sonnenuntergänge, Engel und Menschen, die über eine Brücke spazieren.

Vor dem Arrangement in einem Saal in der Zürcher Altstadt sitzen 15 Frauen und drei Männer im Halbkreis. Sie beschäftigen sich für sechs Stunden mit dem Thema Sterben, gemeinsam mit einem Pfarrer und einer Pflegefachfrau der reformierten Landeskirche Zürich.

Mit dabei sind René und Elsbeth Harsch (beide 79). Das Ehepaar möchte vorbereitet sein, wenn es um die letzte Reise geht und ein Sterbender Beistand braucht. Die beiden sind seit 55 Jahren verheiratet und wünschen sich, «auch im Tod füreinander da sein zu können». «Ich habe grossen Respekt vor dieser Aufgabe und möchte nichts falsch machen», sagt René Harsch.

Eine «Checkliste» gibt es nicht

Ein «Abc des Sterbens» liefert der Kurs nicht. «Es gibt keine Checkliste», sagt Eva Niedermann, Kursleiterin und ausgebildete Pflegefachfrau. Wichtig, sei es eben, genau darauf zu verzichten. «Jemanden in den Tod zu begleiten, bedeutet da zu sein, auszuharren, geduldig zu sein, die Bedürfnisse wahrzunehmen», sagt sie. Oder eben: «letzte Hilfe» zu leisten – analog zur Ersten Hilfe, die die Basis des Zusammenlebens bilde, ergänzt Kursleiter Matthias Fischer. «Wir brauchen eine Kultur der Umsorgung», sagt er. Der Kurs soll den Teilnehmenden denn auch Ängste nehmen und ihnen vermitteln, wie man das Leiden Sterbender lindern und die Lebensqualität bis zum Schluss erhalten kann.

Allen Facetten gerecht werden

Der Kurs «Letzte Hilfe» zeigt: Der Sterbeprozess ist sehr individuell; Sterbende reagieren etwa unterschiedlich auf Berührungen oder Ansprache. Aber es gibt auch Anzeichen, wenn ein Mensch bald für immer geht, zum Beispiel Verwirrung oder Bewusstlosigkeit. Die körperlichen Kräfte schwinden, und die Sinneswahrnehmungen können getrübt sein. Studien belegen jedoch, dass Sterbende bis zum letzten Atemzug hören und am Geschehen teilnehmen können. «Deshalb sollte man in der Gegenwart von Sterbenden nicht über sie sprechen», so Seelsorger Matthias Fischer.
Die Kursleiter «rauschen» durch die Themen, sprechen diverse Facetten an: soziale, spirituelle, psychologische, aber auch organisatorische. Etwa die Frage, wie wichtig es ist, Administratives frühzeitig zu regeln – per Vorsorgeauftrag oder Patientenverfügung, in der man festhält, wie man im Ernstfall medizinisch behandelt werden möchte. Auch wie man sich das Beerdigungsritual wünscht, kann man im Vorfeld klären.

Das Tempo der Veranstaltung könne irritierend sein, sagen die Kursleiter, es gehöre aber zum Konzept, einen grossen Bogen rund ums Thema Sterben zu spannen. «Wissensvermittlung und Emotionen wechseln sich ab», sagt Seelsorger Matthias Fischer, «das hilft den Teilnehmenden, nicht in ihrer eigenen Betroffenheit hängenzubleiben.»

Den Vorurteilen begegnen

«Letzte Hilfe» soll auch Vorurteile beseitigen: etwa dass der Tod stets ein Kampf sei. «Sterben ist heute viel friedlicher als noch vor zehn Jahren», sagt Eva Niedermann. Das hat vor allem mit Palliative Care zu tun. Darunter werden Massnahmen verstanden, die das Leiden eines unheilbar kranken Menschen lindern und ihm so eine bestmögliche Lebensqualität bis zum Ende verschaffen. Gegen die häufig vorkommenden physischen Beschwerden von Sterbenden Schmerzen, Atemnot, Panik, Juckreiz oder Übelkeit gebe es wirksame Medikamente. «Morphium beispielsweise beschleunigt das Sterben nicht, wie oft vermutet, es lindert», sagt Eva Niedermann. Daneben kann es beruhigend wirken, den Menschen zu massieren, ihn umzulagern, zu bewegen, zu berühren oder Düfte verströmen zu lassen, die er mag. Auch das Lieblingsbild an der Wand kann helfen.

Besonders wichtig sei die Mundhygiene: «Es ist eine Erleichterung, wenn regelmässig Lippen und Mund befeuchtet werden; beim Atmen trocknen sie oft aus. Wasser, Tee, Sorbet, selbst Cola, Bier oder verdünnter Whisky verschaffen Linderung, wie Eva Niedermann aus Erfahrung weiss. «Die Möglichkeiten sind grenzenlos, wichtig ist es, dass der Betroffene es mag», sagt sie.

Zwischen Nähe und Distanz

Darüber hinaus helfe es, «einfach da zu sein für den Menschen», sagt Seelsorger Matthias Fischer, «ihn nicht alleine zu lassen». Aber auch hier gelte es, wachsam zu bleiben – «sich selbst und dem sterbenden Menschen gegenüber». Nähe und Distanz seien wichtige Themen, zum Beispiel, wenn man spüre, dass der Sterbende alleine sein wolle. Aber auch dann, wenn es für einen selbst zu viel wird. In beiden Fällen sei es angebracht, den Raum zu verlassen beziehungsweise eine Ablösung zu organisieren.

Anhand zahlreicher Tipps und Beispiele vermittelt der Kurs die Gelassenheit, dass man bis zum Ende viel für einen Sterbenden tun kann. Das Ehepaar Harsch verlässt den Kurs erleichtert: «Es war für mich wichtig zu erfahren, wie man einem sterbenden Menschen durch Mundbefeuchtung und Dabeisein helfen kann», sagt René Harsch. Seine Frau ergänzt: «Mich hat der Kurs dazu angeregt, mich intensiver mit dem eigenen Sterben zu befassen und mit einer allfälligen Sterbebegleitung für Menschen, die mir nahestehen. Er hat mir auch ein wenig die Angst davor genommen.»

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