04. März 2018

Gleichstellung: Es gibt noch viel zu tun

Am 8. März wird weltweit der Tag der Frau gefeiert. Doch gibt es überhaupt einen Grund zum Feiern? Eine Gleichstellungsforscherin sieht die Frauen noch weit vom Ziel entfernt – vor allem in der Schweiz. Derweil geht mit Jean Christophe Schwaab ein Politiker mit gutem Beispiel voran.

Am 18. 3. 2017 gingen in Zürich über 10'000 Menschen für Frauenrechte auf die Strasse
Am 18. März 2017 gingen in Zürich über 10'000 Menschen für die Rechte der Frauen auf die Strasse. (Bild: Keystone)
Lesezeit 4 Minuten

Diesen Tag sollte man sich in der Agenda rot anstreichen – oder wahlweise auch pink: den 8. März, den internationalen Tag der Frau. Er wird seit Anfang des 20. Jahrhunderts gefeiert, damals in der Absicht, das Wahlrecht für Frauen zu erkämpfen. Heute steht er für die Rechte der Frauen.
Denn auch wenn sich bei der Gleichstellung einiges getan hat, ist dieser Tag in Zeiten von «Pussyhat» und «MeToo» brandaktuell.

«Wir sind noch nicht da, wo wir laut dem Verfassungsartikel von 1981 sein sollten, der die Gleichstellung von Frauen und Männern in Ausbildung, Familie und Arbeit verlangt», sagt die Soziologin und Gleichstellungsforscherin Lucia M. Lanfranconi. Gerade in den zwei letztgenannten Bereichen gebe es grosse Defizite. «Für Männer gibt es Hindernisse, die gleichen Aufgaben in der Familie zu übernehmen. Für Frauen gibt es hingegen Hindernisse, die gleichen Aufgaben in der Arbeitswelt zu übernehmen.»

Wo besteht in der Schweiz der grösste Nachholbedarf in Sachen Gleichstellung?

Die Schweiz steht im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr schlecht da. Zum Beispiel beim Elternurlaub, bei der Lohngleichheit und dem Anteil an Frauen in Führungspositionen. «Männer, Frauen, Unternehmen, der Staat – alle sind gefordert», sagt die Gleichstellungsforscherin.

Ein Mann, der seine Karriere zugunsten seiner Frau aufgegeben hat, ist der ehemalige Nationalrat Jean Christophe Schwaab. Im folgenden Interview erzählt er, weshalb er ihr den Vortritt gelassen hat. 

Am 8. März nimmt Lucia M. Lanfranconi an der Hochschule Luzern an einer Diskussion zum Thema Gleichstellung teil. Ab 17.30 Uhr.
Weitere Infos: www.gleichstellen.ch

In meinen Geschichten ist es nicht immer der Ritter, der die Prinzessin rettet

Jean Christophe Schwaab
Jean Christophe Schwaab (38)
Jean Christophe Schwaab (38) trat Ende 2017 als SP-Nationalrat des Kantons Waadt zurück, um sich um seine Familie zu kümmern.

Ende vergangenen Jahres haben Sie Ihr Nationalratsamt niedergelegt, um für Ihre Familie da sein zu können. Wie sieht Ihr neuer Alltag aus?

Ganz anders als noch vor zwei Monaten. (lacht) Ich muss nicht mehr ins Bundeshaus nach Bern pendeln, dafür verbringe ich viel Zeit mit unseren Kindern. Das ist genauso interessant, aber auch genauso intensiv.

Wieso hat nicht Ihre Frau ihren Beruf an den Nagel gehängt?

Sie ist Ärztin und hat erst vor drei Jahren eine eigene Praxis gegründet. Dadurch kann sie ihr Pensum nicht unter 60 Prozent reduzieren. Für uns war klar, dass wir nicht in einem traditionellen patriarchalischen Modell leben wollen. Zudem war mein Amt im Nationalrat zu intensiv für unsere familiäre Situation, vor allem geografisch. Unser siebenjähriger Sohn leidet an einer Entwicklungsstörung und braucht deshalb mehr Betreuung – es dauerte immer ewig, bis ich vor Ort sein konnte.

Wie schwer ist Ihnen diese Entscheidung gefallen?

Das war überhaupt nicht einfach, und wir haben uns den Schritt gut überlegt. Aber jetzt bin ich froh. Unserem Sohn geht es spürbar besser. Wir haben nun ein entspannteres Familienleben. Und auch ich bin entspannter.

Mit einem Fuss sind Sie aber noch in der Politik geblieben.

Genau, ich amte in einem 30-Prozent-Pensum als Gemeinderat von Bourg-en-Lavaux VD. Die grosse politische Bühne habe ich aber verlassen und bin nicht mehr so häufig in den Medien wie als Nationalrat.

Apropos Medien: Ihr Rücktritt sorgte für viel Aufmerksamkeit, von vielen Seiten wurden Sie gelobt.

Landesweit und sogar international wurde über meinen Rücktritt zugunsten meiner Frau und meiner Kinder diskutiert. Meiner Meinung nach zeigt das: Es gibt noch sehr viel zu tun in Sachen Gleichstellung. Bei einer Frau wäre das ganz normal gewesen. Doch es sollte eben nicht einfach klar sein, dass die Frau diejenige ist, die ihre Karriere aufgibt.

Meiner Meinung nach sind gleiche Löhne das wichtigste Ziel.

Wollen Sie andere Väter inspirieren, ihnen als Vorbild dienen?

Es war nicht mein Ziel, andere zu inspirieren. Aber wenn das passiert, ist es sicher nicht schlecht.

Wie viel haben Männer damit zu tun, ob Gleichberechtigung erreicht wird und auch Frauen erfolgreich in ihrem Beruf sein können?

Männer spielen dabei eine Rolle, doch das ist ein Problem der gesamten Gesellschaft. Die Lohndiskriminierung ist hier ein grosses Thema. Aber auch, dass in vielen Leitungspositionen keine Teilzeitarbeit möglich ist. Viele Männer, die ihr Pensum reduzieren möchten, können es nicht. Wenn es also nicht möglich ist, das Arbeitspensum zu reduzieren, gibt logischerweise die Person in der Partnerschaft ihren Beruf auf, die den niedrigeren Lohn hat. Und das sind leider in der Regel die Frauen.

Was ist die Lösung?

Wir haben bereits ein Gleichstellungsgesetz in der Schweiz, doch es wird nicht gelebt. Eher im Gegenteil. Eine Lösung wäre, zugunsten der Lohngleichheit Kontrollen in den Unternehmen und auch Strafen einzuführen. Meiner Meinung nach sind gleiche Löhne das wichtigste Ziel.

Was geben Sie Ihrem Sohn und Ihrer Tochter zum Thema Gleichberechtigung mit?

Meine Frau und ich versuchen, die Gleichstellung vorzuleben. Völlig klar ist, dass wir beide Kinder gleich behandeln. Und wenn ich ihnen Geschichten erzähle, dann ist es nicht immer der Ritter, der die Prinzessin rettet. Da kommen auch starke Frauen vor, die heldenhafte Taten vollbringen. Das tut auch meiner eigenen Fantasie gut. (lacht)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Portemonnaie mit Zweifränkler und Schweizer Kreuz

Der Kampf gegen Armut hat seinen Preis

In der Wohnsiedlung mit Abend-Scheinwerferlicht Leser-Beitrag

Warum schweigen wir so leise?

Flüchtlingsboot im Mittelmeer

Angriff auf die Menschenrechte

Leena Hässig im Interview

Die neue Lust am Strafen