10. Februar 2018

Bei Anruf Betrug

Die Polizei warnt vor «Spoofing», einer neuen Abzockmasche: Kriminelle geben sich am Telefon als Polizisten aus und bringen Senioren um ihr Geld. Zwei Betroffene erzählen.

117, angerufen hat aber nicht die Polizei
Gisela Schneider (Name geändert) vertraute der Telefonnummer 117, angerufen hat aber nicht die Polizei ... (Bild: Miriam Kuenzli)
Lesezeit 6 Minuten

Es ist ein ganz normaler Dienstagmorgen im Januar 2018, als das Telefon von Gisela Schneider (Name von der Red. geändert) klingelt. «Schneider», meldet sich die 78-Jährige. «Ich möchte Gisela Schneider sprechen», sagt ein Mann. Auf Hochdeutsch, mit leichtem Akzent. «Das bin ich.» «Sehr gut», sagt der Mann, er sei von der Polizei. Ob bei ihr eingebrochen worden sei? Sie verneint. Vor Jahren einmal, erzählt sie. Stimmt, das stehe auch in seinen Akten, sagt der vermeintliche Polizist.
«Er klang sehr professionell», sagt Gisela Schneider später gegenüber den echten Polizisten. Sie ist eine vife Person mit gepflegtem weissen Haar, sie spricht schnell und klar. «Ich war so blöd», sagt sie immer wieder.

Der Mann am Telefon übergibt an «Kollegin Müller». Er sagt, sie sei für den Fall zuständig. Von nun an telefoniert eine Frau mit Gisela Schneider. Die falsche Polizistin informiert sie darüber, dass die Polizei Verbrechern auf der Spur sei. Und sie, Gisela Schneider, könne mithelfen, die Diebe zu überführen. Denn diese hätten sie als nächstes Opfer vorgesehen. Ob sie Bargeld im Haus habe? Wie viel Vermögen auf den Konten? Wann sie das letzte Mal Geld abgehoben habe? Bei welcher Bank?
«Ich habe alles brav beantwortet», sagt Gisela Schneider und senkt den Blick.

Die Frau baut Druck auf. Das Telefon ­dürfe nicht aufgelegt werden, und Gisela Schneider solle schnurstracks zur Bank gehen und 40 000 Franken abheben. Auch das ganze Bargeld zu Hause solle sie einpacken. Über das Handy läuft der Kontakt weiter.

Offizielle Rufnummer beseitigt Zweifel

Gisela Schneider hat keine Zeit zum Überlegen. Sie steigt ins Auto und fährt zur Bank. Dort lässt sie sich die geforderten 40'000 Franken auszahlen. Die Polizei hatte es ja so gewollt. «Ich gehöre einer Generation an, die dazu erzogen wurde, Autoritäten zu gehorchen: Polizei, Ärzte, Pfarrer – die sagen doch die Wahrheit.»

Man sagt ihr, sie solle das Geld zum Bahnhof in Dietikon ZH bringen. Von Gisela Schneiders Zuhause aus eine rund halbstündige Fahrt. Doch eine Stunde lang steckt sie im Stau. Erst da bekommt sie Zweifel. «Da kann doch etwas nicht stimmen, dachte ich plötzlich.» Sie fragt die Frau am Telefon: Woher weiss ich, dass Sie keine Betrügerin sind? Sie solle doch auf die Nummer schauen, lautet die Antwort. Und tatsächlich ist die Nummer auf dem Display die der Polizei, 117. Die Zweifel erlöschen wieder.

Die falsche Polizistin wird immer wieder unfreundlich. «Wenn ich mich weigerte, etwas zu tun, wurde sie böse und sagte, dass ich die ganze Aktion gefährde.» Was folgt, ist eine regelrechte Irrfahrt. Von Dietikon wird Gisela Schneider nach Kloten ZH diktiert. Anschliessend soll sie bei einer Sporthalle unter einem Auto ihr Bargeld deponieren, damit die «Polizei» die angeblichen Täter auf frischer Tat ertappen kann. Sie legt das Geld von zu Hause unters Auto. Im Eifer des Gefechts vergisst sie ­jedoch, die abgehobenen 40 000 Franken ebenfalls dazulassen.

Auf der Rückfahrt überkommt sie ein Heulkrampf. Sie hat Hunger und Durst, ist seit mehreren Stunden ununterbrochen im Telefonkontakt. Ob sie das Geld von der Bank auch dazugelegt habe, fragt die Polizistin. Gisela Schneider verneint und weint. «Ich solle mich beruhigen, sagte die Frau. Sie dirigierte mich nach Hause, sagte, ich solle das Couvert vor meinem Haus unter einen Container legen. Das tat ich.» Die falsche Polizistin sagt ihr zum Abschied, dass man sie in zwei Stunden für eine Zeugenaussage abholen wird. Die Zeit vergeht, doch niemand kommt. «Dann rief ich die Polizei an. Man sagte mir, dass ich Opfer von Betrügern geworden sei.»

Die rund 55'000 Franken sind verloren. «Diesen Verlust muss ich verkraften», sagt Schneider. Momentan sei sie nicht auf das Geld angewiesen. Ihr grösstes Problem sei, dass sie sich den Vorfall selber nicht verzeihen könne. «Ich bin wütend, dass ich so blauäugig war. Aber die Täter haben mich auf böse Art manipuliert.»

«Komisches Gefühl», trotzdem reingefallen

Margrit Tobler (Name von der Red. geändert) aus Zürich hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Nur einen Tag nach Gisela Schneider wird die 79-Jährige angerufen. Es verläuft nach dem gleichen Schema: Sie könne der Polizei helfen, Verbrecher zu überführen. «Ich hatte ein komisches Gefühl. Aber die Telefonnummer der Polizei überzeugte mich», sagt sie. Auf ­ihrer Bank muss sie 50 000 Franken ­abholen. Auch sie diktiert man nach Kloten – da sie nicht mehr Auto fährt, steigt sie mit dem ­Bargeld in der Handtasche in den Zug.

Die Betrüger dirigieren sie per Handy zu einem Haus, vor dem sie unter einem Briefkasten das Geld deponieren soll. «Ich war sehr verwirrt und fand den Briefkasten nicht auf Anhieb, da wurde die Frau am Telefon wütend», sagt Tobler. Schliesslich findet sie den Ort und deponiert das Geld. Als sie sich auf den Rückweg macht, weiss sie noch nichts von ihrem Glück: Echte Polizisten haben die Szene beobachtet und sehen, wie ein Mann nur wenige Minuten später den versteckten Umschlag holt. Sie durchsuchen und verhaften ihn. «Ich bin unendlich froh. Ohne das Geld hätte ich praktisch kein Vermögen mehr.»

Pro Tag 100 Spoofing-Fälle

Gisela Schneiders und Margrit Toblers Geschichten haben einen Namen: Spoofing (auf Deutsch: Manipulation, Verschleierung, Vortäuschung). So nennt sich die Betrugsmasche, bei der sich die Täter am Telefon als Polizisten ausgeben und die meist betagten Opfer dazu bringen, ihnen grössere Geldsummen auszuhändigen.

Allein im Kanton Zürich melden sich pro Tag rund 100 Personen bei der Polizei, um einen Spoofing-Fall zu melden. «Bei einem Grossteil kommt es nicht zum Äussersten», sagt Marco Cortesi, Mediensprecher der Stadtpolizei Zürich. «Aber wenn nur schon ein paar Versuche klappen, ist es schlimm.» In letzter Zeit seien die Fälle «explosionsartig» angestiegen. Und die Dunkelziffer sei wahrscheinlich hoch. Die Polizei weiss: Hinter den Vorfällen steckt organisierte Kriminalität. Es wird vermutet, dass die Telefontäter in Deutschland stationiert sind. Sie rufen mit einer technisch ­manipulierten Rufnummer an – wie zum Beispiel 117. «Im Telefonbuch suchen sie gezielt nach altmodischen Vornamen.»

Verfolgt man die Anrufe zurück, führen sie über verschiedene Länder – so, dass nicht mehr festzustellen ist, wo genau sie ­ihren ­Ursprung haben. Die Drahtzieher haben Komplizen in der Schweiz, die das Geld an den abgemachten Orten abholen.

Seit Kurzem sprechen die falschen Polizisten am Telefon auch Schweizerdeutsch, zudem rufen sie abends oder nachts an, warnt Cortesi. Ebenfalls neu: Den Opfern wird befohlen, das Geld in einem anderen Kanton abzuliefern. «So erschweren sie uns die Arbeit nochmals, da in jedem Kanton eine andere Polizei zuständig ist.» Mit Dummheit habe das Verhalten der Opfer nichts zu tun. «Die Täter manipulieren die Leute auf grausame Weise und setzen sie unter grossen Druck. Das kann allen passieren.»

Gisela Schneider und Margrit Tobler ­haben sich vom ersten Schock erholt und wissen nun: Sollte ihnen so etwas nochmals passieren, rufen sie sofort die Polizei – die echte. 

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