04. Januar 2018

Bei der alternierenden Obhut müssen Eltern kommunizieren

Machen Väter Gebrauch von ihrem neuen Recht? Und was bedeutet das finanziell? Jonas Schweighauser, Professor für Familienrecht, gibt Antworten.

Jonas Schweighauser (52) ist Rechtsanwalt und Professor für Familienrecht.
Jonas Schweighauser (52) ist Rechtsanwalt und Professor für Familienrecht. Er lehrt an den Universitäten in Basel und in Zürich. (Bild zVg)
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Seit einem Jahr müssen Gerichte in der Schweiz auf Antrag die alternierende ­Obhut prüfen. Wie oft wurde dies schon verlangt?

Dazu gibt es noch keine Zahlen. Aber die alternierende Obhut wird immer öfter ins Spiel gebracht – natürlich hauptsächlich von Vätern. Das erlebe ich selbst, das höre ich von Berufskollegen und an Fachtagungen.

Warum kommen die Anträge nicht von Müttern?

Im Alltag leisten noch immer die Mütter die Hauptbetreuungsarbeit. Wenn eine Mutter gegen den Willen des Vaters die alternierende Obhut beantragt, hat das Arrangement wenig Chancen. Man kann rechtlich nicht mehr Elternpräsenz durchsetzen, als jemand bieten will.

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vater die alternierende Obhut bekommt?

Ein Mann, der sich vor der Trennung an der Kinderbetreuung beteiligt hat, hat bestimmt mehr Chancen als einer, der das klassische Modell als Verdiener gelebt hat. Anderseits ist eine Trennung auch für einen Vater einschneidend und kann dazu führen, dass er die Kinder nur noch jedes zweite Wochenende sieht. Es ist legitim, sich bei dieser Aussicht um mehr Betreuungszeit zu bemühen. Die Chancen sind durchaus da, wenigstens einen Tag pro Woche zu bekommen.

Aus welchem Grund könnte man ihm die alternierende Obhut verwehren?

Dieses Modell setzt voraus, dass die Eltern einigermassen kommunizieren können. Zudem hängt es davon ab, ob man die Betreuung des Kindes sicher stellen kann. Bei einem vollen Arbeitspensum ist die unmittelbare Betreuung schwierig. Undgemäss meiner Erfahrung kanndieses Modell für Scheidungskinder eine grosse Chance, aber auch grossen Stress bedeuten.Nach Betrachtung aller Faktoren gilt heute wie früher: Das Kindeswohl ist entscheidend. Und es ist nicht klar, was alternierend wirklich bedeutet.

Es gibt eine Definition, die von mindestens 30 Prozent pro Elternteil spricht.

Das würde, angewendet auf die gesamte Betreuungszeit, bedeuten, dass ein Vater bereits bei 30 Prozent liegt, wenn er das Kind jedes zweite Wochenende ab Freitagabend plus an einem Wochentag und in der Hälfte der Ferien bei sich hat. Aber das ist ja nicht wirklich paritätisch. Und es bleibt immer noch die Frage, was man unter Betreuung versteht. Genügt es dafür, einfach die entsprechende Dauer mit dem Kind zusammen zu sein? Besser wäre, man würde den Begriff «alternierende Obhut» streichen und von «klaren Betreuungsanteilen» sprechen.

Ungeklärte Fragen nach der Berechnungsmethode und den Altersgrenzen für die Berufstätigkeit der Mutter

Die Betreuungsanteile wirken sich auf die Unterhaltszahlungen aus. Kann man sagen: Je mehr ein Vater die Kinder selber betreut, desto weniger Unterhalt muss er zahlen?

Dazu sind viele Fragen noch ungeklärt, unter anderem die nach der Berechnungsmethode und nach den Altersgrenzen für die Berufstätigkeit der Mutter. Denn je mehr Geld zum Beispiel die Mutter verdient, desto weniger bekommt sie an Unterhalt.

Aufgrund eines Bundesgerichtsurteils wird bisher geschiedenen Müttern erst wieder eine Teilzeitarbeit zugemutet, wenn das jüngste Kind 10 Jahre alt ist, und voll berufstätig zu sein, wenn es 16 ist. Experten gehen davon aus, dass diese 10/16-Regel allmählich fallen wird.

Es gibt starken Widerstand gegen diese Regel. Einige Gerichte haben die Alterslimite bereits auf 7/14 gesenkt. Ein Gerichtspräsidium im Kanton Basel-Land wendet sogar die Regel 5/10 an. Und sie gilt nur für selbst betreute Kinder. Wenn eine Mutter bereits während der Beziehung berufstätig ist, kann sie nicht aufgrund der Trennung ihr Pensum kürzen, um mehr Unterhalt beziehen zu können.

Die Berechnung des Unterhalts wurde im Vorfeld als grösste Herausforderung betrachtet, vor allem weil ein lediger Vater neu einem verheirateten gleichgestellt ist und der getrennten Mutter eventuell Unterhalt zahlen muss. Wie wird das in der Praxis umgesetzt?

Hier zeichnen sich zwei Hauptmodelle ab: Beim Lebenskostenmodell zieht man von den Lebenshaltungskosten des betreuenden Elternteils den Betrag ab, den dieser nicht selbst erwirtschaften kann. Die Differenz nennt sich Betreuungsunterhalt. Alternativ gibt es das Betreuungsquotenmodell: Es geht ebenfalls vom Bedarf der hauptsächlich betreuenden Person aus. Dieser Betrag entspricht dem Betreuungsunterhalt, sofern dieser Elternteil das Kind zu 100 Prozent selbst betreut. Bei Teilzeitbetreuung wird der Betreuungsunterhalt entsprechend der Erwerbstätigkeit prozentual gekürzt. Danach wird die jeweilige finanzielle Situation beider Haushalte angepasst. Bei Scheidungspaaren ist zusätzlich vielleicht der Ehegatten­unterhalt fällig – in den meisten Fällen fliesst er vom Vater an die Mutter.

Gibt es bereits wegweisende Urteile zur alternierenden Obhut und den entsprechenden Unterhaltszahlungen?

Nein. Es gibt zwar zweitinstanzliche Urteile, die gewisse Fragen beantworten. Sie sind aber – wenn überhaupt – nur für die Gerichtspraxis der ­jeweiligen Kantone von Be­deutung. In der ersten Instanz herrscht immer noch eine sehr unterschiedliche Gerichtspraxis. Dass das neue Unterhaltsrecht die Gerichte beschäftigt, überrascht aber nicht, denn es geht um Geld.

Was ist Ihr Fazit nach einem Jahr alternierende Obhut?

Wenn ein Vater aufgrund einer Scheidung wirklich mehr Kinderzeit will und ein gutes Betreuungskonzept vorlegen kann, hat er gute Chancen, sie zu bekommen. Vor 15 Jahren hätte man einen Mann mit diesem Anliegen eher abgekanzelt.

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