10. Januar 2019

Bedrohte Insektenwelt

Rund 40 Prozent aller Insektenarten in der Schweiz sind gefährdet: Zersiedelung, Pestizide und Lichtverschmutzung machen ihnen zu schaffen. Pro Natura hat stellvertretend das Glühwürmchen zum Tier des Jahres erklärt, um auf die schwierige Lage der Insekten aufmerksam zu machen.

Glühwürmchen im Wald
Ein Anblick, der immer seltener wird: Glühwürmchen im Wald. Die Weibchen locken mit ihrem Leuchten Männchen zur Paarung an. Doch auch die Glühwürmchen stehen unter Druck, wie viele Insektenarten. (Bild: Getty Images)

Es gibt immer weniger Insekten in der Schweiz. «Heute fliegt nur noch ein Prozent der Schmetterlinge herum, die vor 150 Jahren unterwegs waren», sagt René Amstutz, Projektleiter Biotope und Arten bei Pro Natura. «Und es gibt hundertmal weniger Heuschrecken als damals.»

Auch die Vielfalt der Insektenarten ist zurückgegangen: Schon 136 sind in der Schweiz ausgestorben (siehe Beispiele unten). Und 40 Prozent der rund 30 000 Arten gelten heute als gefährdet. «Das Problem ist aber in erster Linie, dass die Zahl der Insekten insgesamt so stark abgenommen hat», sagt Amstutz.

Denn die kleinen Krabbler sind wichtig. Einerseits bilden sie einen zentralen Teil der Nahrungskette, andererseits zersetzen sie totes organisches Material aller Art. Vor allem aber bestäuben sie Pflanzen und tragen dazu bei, dass wir Menschen überhaupt Obst und Gemüse ernten können. «Ohne Insekten wäre die Welt eine andere», sagt der 44-Jährige.

Blüten von Hand bestäuben

«Ein Drittel von allem, was wir essen, gäbe es nicht ohne Bienen», sagt der Schweizer Filmregisseur Markus Imhoof in seinem Bienen-Dokumentarfilm «More than Honey» (2012). Und zeigt darin auch Bauern in China, die schon heute mangels Insekten selbst mit Leitern auf Obstbäume klettern und jede einzelne Blüte von Hand bestäuben.

Grosser Leuchtkäfer
Grosser Leuchtkäfer (Bild: Stéphane Vitzthum / Biosphoto / Pro Natura)

Um auf die stark bedrohte Insektenwelt aufmerksam zu machen, hat Pro Natura das Glühwürmchen zum Tier des Jahres 2019 erklärt. Die vier in der Schweiz vorkommenden Arten sind alle unter Druck, aber nicht gefährdet. «Leuchtkäfer sind Sympathieträger», erklärt Amstutz die Wahl, «und wo sie sich wohlfühlen, geht es auch den meisten anderen Insekten gut.»

Es sind vor allem drei Entwicklungen, die den Tieren zu schaffen machen: Die Zerstörung ihres Lebensraums durch intensive Landschaftsnutzung und zunehmende Zersiedelung, der Einsatz von Pesti­ziden in der Landwirtschaft und in privaten Gärten sowie die Lichtverschmutzung in der Nacht.

Einige Insekten schaffen es, sich anzupassen, so gibt es etwa in London eine Mücke, die exklusiv in den U-Bahn-Schächten der Stadt unterwegs ist und sich von ihren Artgenossen an der Oberfläche genetisch deutlich unterscheidet.

Wie jeder helfen kann

«Für viele jedoch sind die Veränderungen zu schnell und dramatisch, um sich anpassen zu können», sagt Amstutz. Laut dem Naturschutzexperten kann man den Insekten auf folgende Weise helfen:

– im Garten oder auf dem Balkon: einheimische Pflanzen, Sträucher und wilde Wiesen statt grünem Kurzrasen; Feuchtbiotop anlegen, Laubhaufen liegen lassen
– keine Pestizide oder Schneckenkörner verwenden
– im Laden möglichst Bioprodukte kaufen
– Politikerinnen und Politiker wählen, die sich für die Natur und gegen die Zersiedelung einsetzen
– Landwirtschaft: stärkerer Fokus auf schonenden Umgang mit der Natur, damit möglichst viele diverse Landschaften erhalten bleiben.

Ausstellung: «Insekten – lebenswichtig!» im Zoologischen Museum der
Universität Zürich, bis 30.6., Eintritt frei

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Ingrid Ritter bietet auch Workshops an, in denen man flechten lernt.

Ein Garten für Mensch und Tier

Regula Jäger im Wald

Naturerlebnis statt Coiffeursalon

Markus und Tochter Jael lieben es, gemeinsam im Garten zu werkeln.

Ein einig Volk von Freistilgärtnern

Citterio hat mit der Migros den Lieferanten davon überzeugt, seine Schweine gemäss den Schweizer Tierschutzvorschriften zu halten

Gemeinsam für mehr Tierschutz